Ein System, das auf religiöser Autorität und patriarchaler Kontrolle von Frauen basiert, kann Gleichberechtigung strukturell nicht zulassen, ohne sich selbst zu zerstören.
Tobias Huch
Das Mullah-Regime in Teheran betreibt seit der Gründung der Islamischen Republik Iran im Jahr 1979 ein System, das in jedem anderen Kontext unmissverständlich als staatlich organisierter sexueller Missbrauch von Kindern und Frauen bezeichnet werden müsste. Was im Iran unter dem Deckmantel religiöser Legitimität geschieht, würde in westlichen Demokratien als Schwerverbrechen verfolgt werden. Dass dies international kaum zu nachhaltiger Empörung führt, während dieselben politischen Milieus westlicher Gesellschaften Fälle wie den Skandal um Jeffrey Epstein scharf verurteilen, ist ein moralisches Versagen erster Ordnung.
Kinderehen legitimiert
Nach der Gründung der Islamischen Revolution 1979 wurde für Eheschließungen das Mindestalter von Mädchen von achtzehn auf neun Jahre herabgesetzt. Heute liegt das gesetzliche Mindestalter nominell bei dreizehn Jahren für Mädchen und fünfzehn Jahren für Jungen, doch das Gesetz weist eine entscheidende Lücke auf: Mit der Einwilligung des Vaters und einer richterlichen Genehmigung ist die Heirat von Mädchen in jedem Alter möglich. De facto existiert damit kein absolutes Mindestalter für die Heirat von Mädchen mehr. Das iranische Recht basiert auf der Scharia, nach der sexueller Verkehr ab dem neunten Lebensjahr eines Mädchens – dem Zeitpunkt, an dem sie nach traditioneller Auslegung als »reif« gilt –, als zulässig betrachtet wird.
Besonders zynisch: Im Jahr 2013 verabschiedete das iranische Parlament ein Gesetz, das Männern ausdrücklich erlaubt, ihre Adoptivtöchter zu heiraten. Die UN-Kinderrechtskonvention, die der Iran formal ratifiziert hat, wird damit täglich in ihrem Kerngehalt verletzt.
Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat den Iran zwar in mehreren Überprüfungsrunden formal gerügt und die Streichung aller Ausnahmeregelungen beim Heiratsalter gefordert, bislang jedoch ohne jede Konsequenz. Das britische Außenministerium stellte in einem aktuellen Länderbericht aus dem Jahr 2025 unmissverständlich fest, dass Kinderehen im Iran rechtlich erlaubt sind.
Die Statistiken sind erdrückend. Laut dem iranischen Statistikzentrum wurden allein im Zeitraum 2021/2022 mindestens 27.448 registrierte Ehen von Mädchen unter fünfzehn Jahren erfasst. Die oppositionelle Nachrichtenplattform Iran International berichtete für 2022 von ca. 25.900 Fällen von Mädchen unter fünfzehn Jahren, die verheiratet wurden; 2021 waren es noch rund 32.000. Zwischen 2017 und 2022 wurden insgesamt an die 184.000 Ehen mit Mädchen unter fünfzehn Jahren registriert. Bezieht man alle unter Achtzehnjährige ein, werden im Iran jährlich rund 135.000 Ehen mit minderjährigen Mädchen erfasst, also ein Fünftel aller Ehen im Land.
Das entspricht statistisch rund hundert Mädchen unter fünfzehn Jahren täglich, die im Iran zwangsverheiratet werden. Die UNICEF, das Menschenrechtsnetzwerk FEMENA sowie die Kampagnenorganisation Impact Iran dokumentieren diese Zahlen in ihren Berichten. Menschenrechtsorganisationen weisen zudem auf eine erhebliche Dunkelziffer hin, da vor allem in ländlichen Regionen zahlreiche Ehen nicht registriert sind.
Der Geschäftsführende Direktor der Vereinigung für den Schutz der Kinderrechte im Iran, Farshid Yazdani, bestätigte, dass 24 Prozent aller Ehen im Iran Kinderehen seien. Das Iran Human Rights Documentation Center dokumentiert Einzelfälle aus iranischen Scharia-Gerichten, bei denen die Heirat von Mädchen unter dreizehn Jahren richterlich genehmigt wurde – ein direkter Primärbeleg für den institutionellen Charakter dieser Praxis, der weit über Einzeltäter hinausgeht.
Vergewaltigung als Staatswaffe
Das Mullah-Regime setzt sexuelle Gewalt seit seiner Gründung systematisch als politisches Instrument ein. Die Praxis, weibliche Gefangene vor ihrer Hinrichtung zu vergewaltigen, geht auf eine religiöse Überzeugung zurück: Jungfrauen gelangen nach der islamistischen Doktrin direkt ins Paradies, weshalb Gefängnisaufseher angewiesen werden, jungfräuliche Frauen vor der Exekution zwangsweise zu heiraten und zu vergewaltigen, um ihnen diesen Weg zu verwehren.
Der ehemalige Chef des berüchtigten Evin-Gefängnisses, Hussein Mortazavi Zanjani, bestätigte diese Praxis öffentlich gegenüber dem Investigativportal IranWire. Die Organisation Justice for Iran legte einen detaillierten Bericht vor, der die systematische Vergewaltigung jungfräulicher Gefangener als organisierte Staatspraxis dokumentiert.
Amnesty International veröffentlichte im Dezember 2023 einen 120-seitigen Bericht mit dem Titel They violently raped me, der akribisch dokumentiert, wie die Revolutionsgarde, die Basidsch-Milizen und Polizeieinheiten während der »Frau, Leben, Freiheit«-Proteste im Jahr 2022 Vergewaltigung und sexuelle Folter als gezieltes Unterdrückungsmittel gegen die Bevölkerung einsetzten. Unter den Opfern waren Frauen und Mädchen, die ihren Schleier abgenommen hatten, sowie Männer und Jungen, die friedlich auf der Straße demonstrierten. Iran International fasste die dokumentierten Fälle im vergangenen Januar in einem umfassenden Bericht zusammen.
Im Februar berichtete der iranisch-deutsche Journalist Michel Abdollahi, gestützt auf Zeugenaussagen, von Fällen, in denen inhaftierten Frauen der Uterus entfernt wurde, offenbar um Spuren der Vergewaltigungen zu vernichten. Diese Berichte werden durch ein geheimes iranisches Regierungsdokument gestützt, das die BBC im April 2024 einsehen konnte und das bestätigt, dass Sicherheitskräfte inhaftierte Protestierende misshandelt und getötet haben. Die Täter handelten unter Ali Khameneis Herrschaft – und blieben straflos.
Systematische Rechtlosigkeit
Ein besonders erschreckendes Kapitel in der Geschichte des iranischen Mullah-Regimes sind die systematischen Giftanschläge auf Mädchenschulen in den Jahren 2022 und 2023. Der erste dokumentierte Angriff ereignete sich am 30. November 2022 in der heiligen Stadt Qom, als achtzehn Schülerinnen durch unbekannte Gase vergiftet wurden.
In den folgenden Monaten weiteten sich die Angriffe auf 91 Schulen in zwanzig Provinzen aus; Tausende Schülerinnen wurden mit Symptomen wie Übelkeit, Atemnot und Gliederschwäche in Krankenhäuser eingeliefert. Bezeichnend war, dass ausschließlich Mädchenschulen davon betroffen waren, jedoch keine Jungenschulen oder gemischte Einrichtungen.
Die UN-Menschenrechtsexpertinnen äußerten sich im März 2023 entsetzt und stellten fest, dass iranische Behörden die Angriffe über Monate hinweg nicht nur nicht untersuchten, sondern leugneten. Innenminister Ahmad Vahidi erklärte am 1. März 2023 öffentlich, neunzig Prozent der Fälle seien auf »Stress« zurückzuführen. Staatsnahe Medien verbreiteten die Version, Schülerinnen hätten sich selbst vergiftet, um Prüfungen zu entgehen. Eltern, die vor Regierungsgebäuden protestierten, wurden eingeschüchtert; ernsthafte Ermittlungen fanden nicht statt, Verhaftungen erfolgten keine.
Beobachter und internationale Menschenrechtler gingen von einem klaren politischen Motiv aus: Das Ziel sei die Schließung von Mädchenschulen – eine Maßnahme, die radikale islamistische Kräfte im Iran seit Jahren offen fordern. Amnesty International bezeichnete die Anschläge als gezielten Angriff auf das Recht von Mädchen auf Bildung, Gesundheit und Leben. Ein Regime, das nicht einmal bereit ist, Giftanschläge auf Schulkinder zu untersuchen, beweist damit, wie wenig ein Mädchenleben in der Islamischen Republik Iran wert ist.
Das Mullah-Regime hat Frauen seit 1979 in einem umfassenden rechtlichen Minderheitenstatus gefangen gehalten. Die Aussage einer Frau vor Gericht gilt juristisch nur halb so viel wie die eines Mannes. Das Recht auf Scheidung und die Erlaubnis zur Polygamie sind ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen werden durch finanzielle Anreize aus dem Berufsleben gedrängt, um sich auf ihre Rolle als Mütter zu konzentrieren. Geschlechtergleichstellung gilt dem Regime ausdrücklich als mit der islamischen Verfassung unvereinbar.
Die Unterdrückung von Frauen und Mädchen ist dabei keine bedauerliche Nebenwirkung der Ideologie, sie ist eine tragende Säule der Macht des Regimes. Ein System, das auf religiöser Autorität und patriarchaler Kontrolle basiert, kann Gleichberechtigung strukturell nicht zulassen, ohne sich selbst zu zerstören. Die Frauen, die in den »Frau, Leben, Freiheit«-Protesten ihren Schleier abnahmen, haben das verstanden. Das Regime hat verstanden, dass sie Recht hatten – und hat mit Vergewaltigung, Folter und Tod geantwortet.
Der mittlerweile getötete Oberste Führer Ali Khamenei hat wiederholt Politiken propagiert, die Bevölkerungswachstum, frühe Ehen und die Rückkehr der Frau in die Häuslichkeit als islamische Werte fördern. Seit den erneuten Massenprotesten ab dem vergangenen Dezember ist die Lage weiter eskaliert: Das Regime reagiert mit Massenverhaftungen, Auspeitschungen und Hinrichtungen.
Zuschauer im Komplizen-Modus
Internationale Institutionen, die eigentlich als Schutzmechanismus gedacht waren, haben in Bezug auf den Iran weitgehend versagt. Der UN-Menschenrechtsrat, das wichtigste multilaterale Gremium für den Schutz grundlegender Menschenrechte, zählt den Iran zu seinen Mitgliedern, ein Staat, der Kinder systematisch zwangsverheiratet, Frauen foltern lässt und Protestierende vergewaltigt.
Das ist kein Versehen, sondern ein strukturelles Problem: Der Menschenrechtsrat ist kein Gericht, kein Vollzugsorgan und kein moralischer Schiedsrichter. Er ist ein politisches Gremium, in dem Diktaturen Mehrheiten organisieren und Resolutionen gegen demokratische Staaten wie Israel durchsetzen, während Verbrechen wie die iranische Kinderehe im Jahrzehntrhythmus mit unverbindlichen Rügen quittiert werden.
Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes hat den Iran formal gerügt. Konsequenzen: keine. Das UN-Menschenrechtsbüro OHCHR zeigte sich im März 2023 »entsetzt« über die Giftanschläge auf Mädchenschulen. Konsequenzen: keine. Berichte werden verfasst, Pressemitteilungen herausgegeben, Sitzungen abgehalten. Eine Organisation, in der ein Staat mit Sitz und Stimme an der Gestaltung globaler Menschenrechtsnormen mitwirkt, während er diese täglich massenhaft verletzt, hat ihre ursprüngliche Funktion verloren – und wird für die Legitimierung von Regimen wie dem iranischen missbraucht.
Das selektive Empörungspotenzial vieler Teile des linken und islamistisch-solidarischen Milieus ist politisch bemerkenswert. Wer den Fall Jeffrey Epstein als Beweis für das systemische Versagen des Westens anführt, aber zum staatlich organisierten Kindesmissbrauch im Iran schweigt, offenbart eine erschreckende Doppelmoral. Wer Islamisten aus geopolitischen Gründen – wegen ihrer Anti-Israel- oder Anti-USA-Haltung – verteidigt oder relativiert, akzeptiert dabei stillschweigend dieses System. Kinder können nicht auf dem Altar politischer Feindbilder geopfert werden.
Besonders gravierend ist die Schieflage, die sich bei Teilen der institutionalisierten Menschenrechtsbewegung beobachten lässt. Amnesty International veröffentlichte zwar wichtige Berichte über Menschenrechtsverletzungen im Iran wie den zitierten Bericht über sexuelle Gewalt während der Proteste im Jahr 2022. Doch dieselbe Organisation bezeichnete Israel in Berichten von 2022 und 2024, die von zahlreichen Regierungen, Menschenrechtsexperten und jüdischen Organisationen weltweit als tendenziös und faktisch unsolide zurückgewiesen wurden, als »Apartheid«-Staat und warf ihm »Völkermord« vor. Der israelkritische Tunnelblick korrespondiert dabei auffällig mit der relativen Zurückhaltung gegenüber islamistischen Regimen.
Amnesty Österreich und ihre Geschäftsführerin Shoura Zehetner-Hashemi stehen aktuell im Zentrum einer heftigen öffentlichen Kontroverse. Der Islamismus-Experte und Autor Ahmad Mansour warf Zehetner-Hashemi in einer Fernsehdiskussion bei ServusTV vor wenigen Tagen eine »gefährliche ideologische Voreingenommenheit« und eine »antisemitische Haltung« vor.
Berichten zufolge nahm Zehetner-Hashemi an einer antiisraelischen Demonstration teil, auf der ein Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde forderte, man müsse dem Staat Israel »ein Ende setzen«. Auch auf der Onlineplattform X fällt Zehetner-Hashemi immer wieder mit Israelfeindlichkeit auf. Gleichzeitig wurde ein bereits fertiggestellter Amnesty-Bericht über das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 monatelang zurückgehalten.
Diese Schieflage hat reale Konsequenzen für die Opfer im Iran: Wenn eine der weltweit bekanntesten Menschenrechtsorganisationen ihre Glaubwürdigkeit durch politische Einseitigkeit beschädigt, verlieren auch ihre – oft berechtigten – Berichte über das Mullah-Regime an Durchschlagskraft.
Kein Wandel ohne Systemwechsel
Internationale Forderungen nach Reformen, Gesetzesänderungen und Mindeststandards sind so alt wie die Islamische Republik selbst – und sie sind weitgehend wirkungslos geblieben. Der Grund ist simpel: Die Unterdrückung von Frauen und Mädchen ist keine Fehlfunktion des Regimes, sie ist seine Geschäftsgrundlage. Ein System, das auf religiöser Autorität, patriarchaler Kontrolle und der politischen Entmündigung von mehr als der Hälfte der Bevölkerung basiert, kann sich nicht reformieren, ohne sich selbst aufzugeben.
Die Frauen des Irans wissen das. Sie haben es in den Protesten von 2022 und erneut seit 2025 mit ihrem Leben bewiesen. Solange das Mullah-Regime an der Macht bleibt, werden hundert Mädchen täglich zwangsverheiratet, Gefängnisvergewaltigungen als religiöse Pflicht legitimiert und Giftanschläge auf Schulkinder nicht untersucht. Reformen sind nicht das Ziel dieses Regimes, weswegen sein Ende auch die einzige Voraussetzung für einen echten Wandel ist. Wer das versteht und trotzdem schweigt, trägt Mitverantwortung.






