Ähnlich wie schon im Fall Sarah Halimi im Jahr 2017 wurde der Mord an René Hadjadj trotz antisemitischer Vorgeschichte nicht als Hassverbrechen eingestuft, weil der Täter psychische Probleme hatte.
Am 17. Mai 2022, gegen 20:10 Uhr, wurde der 89-jährige René Hadjadj tot am Fuße seines Wohnhauses im Lyoner Arbeiterviertel La Duchère aufgefunden. Mehrere Zeugen berichteten, einen dumpfen Schlag gehört und das Opfer auf dem Boden liegend gesehen zu haben.
Ein Nachbar, der 55-jährige Rachid Kheniche, der im 17. Stock wohnte, geriet schnell in Verdacht. Nach seiner Festnahme gestand er sofort, doch seine Aussagen widersprachen sich. Mal behauptete er, das Opfer sei von selbst gesprungen, mal, er habe in einem Anfall von Wahnsinn Stimmen gehört, die ihm befohlen hätten, den Mann aus dem Fenster zu werfen. René Hadjadjs Familie ist überzeugt, dass die Tat antisemitisch motiviert war. »Zahlreiche Indizien lassen uns vermuten, dass Herr Kheniche in seiner Familiengeschichte und in seinem Verhältnis zur Welt eine antisemitische Tendenz aufwies«, so die Nebenkläger.
Die Fakten: Der Täter, Rachid Kheniche, kannte Hadjadj persönlich und wusste, dass er Jude war. Nach Angaben von Angehörigen und Unterstützern fanden sich in seinen früheren Äußerungen und Online-Aktivitäten antisemitische Denkmuster. Dazu zählen die Verwendung einschlägiger Begriffe aus antisemitischen Verschwörungserzählungen, etwa der Ausdruck »sayanim«, ein in antisemitischen Kreisen verbreiteter Begriff, der – nicht nur – französischen Juden unterstellt, als Agenten des israelischen Geheimdienstes zu arbeiten.
Überhaupt fand sich in Kheniches Twitter-Profil eine auffällige Fixierung auf »jüdische Themen«, wie sie in entsprechenden Milieus verbreitet ist. Ute Cohen resümierte 2022 den Kenntnisstand in der Jüdischen Allgemeinen: »Ein bizarres Amalgam stellen die Tweets des in Frankreich geborenen Vorbestraften mit algerischen Wurzeln dar. Hervor sticht vor allem seine Obsession für die Verschwörungstheorien des Schriftstellers Jacob Cohen, der sich als militanten Antizionisten bezeichnet, die französische Gesellschaft von Mossad-Kollaborateuren unterwandert sieht und sich im Umfeld des bekannten Rechtsradikalen Alain Soral, des Rassisten und Antisemiten Hervé Ryssen und des die Schoa leugnenden Komikers Dieudonné bewegt.«
Sammy Ghozlan, der 2023 verstorbene, frühere Präsident des Vereins Bureau national de vigilance contre l’antisémitisme (BNVCA), bezeichnete Kheniche aufgrund von Recherchen als »notorischen und gewaltbereiten Antisemiten«.
»Paranoide Psychose«
Das Lyoner Schwurgericht, das letzte Woche ein Urteil sprach, erkannte diese Indizien jedoch nicht als ausreichend an, um die Tat rechtlich als antisemitisch zu qualifizieren. Antisemitische Einstellungen des Täters seien zwar dokumentiert, ließen sich jedoch nicht eindeutig mit dem konkreten Tatentschluss verknüpfen, so die Argumentation der Staatsanwaltschaft, der sich das Gericht anschloss.
Rachid Kheniche wurde am 5. Februar 2026 wegen Mordes verurteilt. Die Frage des erschwerenden Umstands des Mordes »aufgrund der Religion des Opfers« stand im Mittelpunkt des dreitägigen Prozesses. Die Geschworenen wiesen, wie auch die Staatsanwaltschaft, diesen Ansatz, den der Angeklagte während des gesamten Verfahrens vehement bestritten hatte, letztlich zurück.
Gemäß dem psychiatrischen Gutachten und unter Berücksichtigung »psychischer Schwierigkeiten« befanden die Geschworenen, dass Kheniches Urteilsvermögen zum Zeitpunkt des Mordes beeinträchtigt gewesen sei, was seine Schuldfähigkeit mindere. Das Gericht habe auch »die schrecklichen Umstände« dieses Verbrechens berücksichtigt, »das darin bestand, einen noch lebenden Mann aus dem 17. Stock zu werfen», so der Vorsitzende Richter. Das Gericht verhängte daher eine Haftstrafe von achtzehn Jahren. Davon müssen mindestens zwölf Jahre verbüßt werden, der Rest kann zur Bewährung ausgesetzt werden.
Einer der Sachverständigen beschrieb den Angeklagten als an einer paranoiden Psychose leidend. Rachid Kheniche gestand, seinen 89-jährigen Nachbarn und Freund René Hadjadj getötet zu haben, indem er ihn von seinem Balkon stieß. Er gab an, nach einem Streit über eine unklare Angelegenheit die Beherrschung verloren zu haben. Antisemitismus bestritt er stets, trotz seiner antisemitischen Äußerungen in den sozialen Medien.
Um den erschwerenden Umstand einer Tat aus Hass auf die Religion des Opfers festzustellen, »verlangt das Gesetz, dass Tatsachen identifiziert werden«, die »zeitgleich mit der Tat begangen wurden«, erklärte Staatsanwältin Amélie Cladière in ihrem Schlussplädoyer. »Ich bin kein Antisemit«, beteuerte der Angeklagte während seines Prozesses und betonte seine Freundschaft zum Opfer.
Die öffentlich-rechtliche Website France Info beschreibt den Verurteilten als »labilen, kokain- und heroinabhängigen, isoliert lebenden und arbeitslosen Mann« und zitiert ihn mit den Worten, René Hadjadj habe ihm »geholfen, das Judentum zu entdecken«. »Er rang nach Erklärungen für seine Taten und verwies auf seine ›Krankheit‹, die während seiner Untersuchungshaft diagnostiziert worden war. Einer der befragten Experten sprach von einer ›paranoiden Psychose‹, andere von einer ›schweren Persönlichkeitsstörung‹, alle mit Bezug auf das Verfolgungssyndrom«.
Der Fall erinnert an den Mord an der 65-jährigen jüdischen Ärztin Sarah Halimi. Sie wurde am 4. April 2017 in Paris von ihrem NachbarnKobili Traorégefoltert und aus dem Fenster ihrer Wohnung geworfen. Zeugen hörten antisemitische Beschimpfungen und Anrufungen Allahs. Halimi starb noch am Tatort. Es kam nie zu einer Hauptverhandlung vor einem Strafgericht. Die französische Justiz erklärte den Täter für schuldunfähig.
Traoré habe sich zur Tatzeit in einer akuten psychotischen Episode befunden, ausgelöst durch massiven Cannabiskonsum. Diese Einschätzung bestätigte 2021 die Cour de Cassation, das höchste Gericht Frankreichs. Juristisch bedeutete das: kein Prozess, kein Schuldspruch, keine Haftstrafe. Erst nach langem öffentlichem Druck erkannte die Justiz das antisemitische Motiv der Tat offiziell an. An der strafrechtlichen Konsequenz änderte das jedoch nichts. Der Fall löste landesweite Proteste aus und eine grundlegende Debatte darüber, ob sich Täter durch selbstverschuldete Intoxikation der Verantwortung für ein antisemitisches Gewaltverbrechen entziehen dürfen. Fährt man betrunken Auto und verursacht einen Unfall, gilt das als strafverschärfend, während Drogeneinfluss bei einem antisemitischen Mord zu Straflosigkeit führt.
Kennzeichen des Pogroms
In beiden Fällen wurden Juden aus dem Fenster geworfen. Wie bei unzähligen Pogromen des Mittelalters, der frühen Neuzeit oder auch beim Pogrom im polnischen Kielce am 4. Juli 1946. Weder im Fall Sarah Halimi noch im Fall René Hadjadj gibt es ein Geständnis, eine explizite Aussage des Täters oder einen gerichtsfesten Beleg, dass das Werfen aus dem Fenster bewusst als Symbol gewählt wurde – etwa als antisemitische Botschaft oder als Nachahmung historischer Gewaltmuster. Juristisch bleibt die Tat damit zunächst eine extreme Form der Tötung, nicht nachweisbar ein »Zeichen».
Trotzdem gibt es mehrere Punkte, die eine symbolische Lesart naheliegend machen: In beiden Fällen: jüdische Opfer, Wohnumfeld, extreme Gewalt, Tötung durch Fenstersturz. Wiederholung allein beweist keine Intention, aber sie erzeugt Bedeutung, besonders in einer Gesellschaft mit historischem Gedächtnis. Ein Fenstersturz ist sichtbar, extrem, entwürdigend, schwerlich als »zufällig« erklärbar. In der europäischen Geschichte – auch in Frankreich – ist das Werfen aus dem Fenster seit dem Mittelalter ein Akt der öffentlichen Entmachtung. Diese Bedeutung ist nicht akademisch, sondern kulturell präsent. Dazu kommt der antisemitische Kontext.
Im Fall Halimi waren die antisemitischen Beschimpfungen während der Tat und die »Allahu Akbar«-Rufe später ein offiziell anerkanntes antisemitisches Motiv. Im Fall Hadjadj waren es bekannte antisemitische Äußerungen des Täters und dessen Wissen um die jüdische Identität des Opfers. Hat der Täter gedacht: »Ich werfe einen Juden aus dem Fenster, um etwas zu symbolisieren«? Dafür gibt es keinen Beweis. Wird die Tat von Zeitgenossen als symbolisch lesbar wahrgenommen? Ja, eindeutig. Nicht erst im Nachhinein, sondern unmittelbar in der öffentlichen Debatte.
Es ist eine Entmenschlichung, ein Herausstoßen aus der Gemeinschaft, buchstäbliches »Aus-dem-Rahmen-Werfen«. Dem Tod wird jegliche Würde als Abschluss eines Lebens genommen, ein Mensch behandelt wie Müll.
2017 veröffentlichten über dreißig prominente französische Denker, darunter der jüdische Philosoph Alain Finkielkraut, einen Gastbeitrag in der Tageszeitung Le Figaro, in dem sie ihre Besorgnis und Empörung über die Möglichkeit zum Ausdruck brachten, dass Traoré nicht vor Gericht gestellt werden würde, wie es dann tatsächlich geschah. »Ist die Psychiatrie das neue Instrument zur Realitätsverweigerung?«, fragten sie. »Ist Judentum in Frankreich heute eine Form der Anstiftung zum Mord durch psychisch gestörte Individuen? Ist dies ein Versuch, die öffentliche Meinung auf eine Neuinterpretation der zehn von Islamisten ermordeten Juden vorzubereiten?«
Sammy Ghozlan, der 2015 nach Israel ausgewandert war, hatte »trotz ihrer Mängel die meiste Zeit Vertrauen in die französische Justiz«, sagte er 2019, vier Jahre vor seinem Tod, gegenüber der Jewish Telegraphic Agency. Das habe sich jedoch mit dem Mord an Sarah Halimi geändert. »Es gab eine Reihe von Versäumnissen« bei der Bearbeitung des Falls durch Polizei und Justiz, sagte Ghozlan. »Es ist unfassbar. Aber es steht im Zusammenhang mit tieferliegenden Problemen. Heute habe ich kein volles Vertrauen mehr, dass antisemitische Hassverbrechen in Frankreich angemessen verfolgt werden.«
Das Fass zum Überlaufen gebracht habe die ungewöhnliche Entscheidung des Richters im Mordprozess gegen Traoré, eine dritte psychiatrische Begutachtung des Angeklagten anzuordnen. Ghozlan sagte, es sei das erste Mal, dass er erlebt habe, dass ein Richter unabhängig von der Verteidigung eine weitere Begutachtung angeordnet habe. Es zeige, dass das System zögere, Antisemitismus von Muslimen zu erkennen und zu bekämpfen, obwohl es Beweise dafür gebe, dass er ein anhaltender Faktor bei der Verfolgung von Juden in Frankreich sei.
Am 6. Februar, ereignete sich in Paris ein weiterer antisemitischer Angriff. Drei jüdische Männer wurden im 16. Arrondissement von einem Mann mit einem Messer bedroht, wie die Polizei mitteilte. Der Vorfall ereignete sich kurz nach 19:00 Uhr auf der Avenue Gustave V de Suède. Nachdem sie eine nahe gelegene Synagoge verlassen hatten, bemerkten die drei Männer mit Kippa, dass sie von einem Mann angestarrt wurden. Dieser ging auf sie zu und fragte dreimal: »Juden? Israeliten?« Als einer der drei Männer bejahte, zog der Angreifer ein Messer aus der Tasche. Die Opfer flüchteten und suchten Schutz bei Bereitschaftspolizisten in der Nähe der Pont d’Iéna. Sie blieben unverletzt.






