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Frankreich: Das Antisemitismus-Problem der Linken

Jean-Luc Melenchon, Vorsitzender der größten linken Partei Frankreichs, wird aufgrund mehrerer Aussagen Antisemitimus zum Vorwurf gemacht. (© imago images/ABACAPRESS)
Jean-Luc Mélenchon, Vorsitzender der größten linken Partei Frankreichs, wird aufgrund mehrerer Aussagen Antisemitimus zum Vorwurf gemacht. (© imago images/ABACAPRESS)

Gegen Antisemitismus und Rassismus gleichermaßen aufzutreten, gilt in weiten Teilen der französischen Linken als Unding.

Innerhalb von einer Woche haben Juden in Frankreich zwei Erfahrungen gemacht, die gut zeigen, was — nicht nur dort — das Problem mit der Linken und dem Antisemitismus ist. Am 24. März hatte eine jüdisch-progressive Gruppe namens Collectif Golem einen Infostand an der Universität Nanterre und wurde dabei beschimpft. »Unsere Aktivisten wurden mit Rufen wie ›Zionisten, Faschisten, raus aus unseren Universitäten!‹ und ›Völkermörder!‹ angegriffen, während sie an einem Tisch standen, um auf den Kampf gegen Antisemitismus an der Universität Nanterre aufmerksam zu machen«, berichtete die Gruppe auf dem Kurznachrichtendienst X.

Diese Beleidigungen seien antisemitisch motiviert und zielten darauf ab, »eine antirassistische jüdische Gruppe von der Universität Nanterre auszuschließen«. »Den Kampf gegen Antisemitismus gegen die Solidarität mit Palästina auszuspielen, untergräbt beide Kämpfe, die wir gemeinsam führen.«

Nutzer warfen der Gruppe Naivität vor, manche waren gar offen schadenfroh. »Wer mit Antizionisten ins Bett geht, wacht mit Antisemiten auf«, lautete ein Kommentar. Ein anderer:

»Ihr könnt wiederholen, was ihr wollt: ›Wir kämpfen gegen Antisemitismus UND für Palästina‹: Die radikale Linke, der ihr jahrelang nach dem Mund geredet habt, unterscheidet nicht mehr zwischen Juden und Zionisten. Das haben sie euch heute bewiesen.«

Ein weiterer schrieb:

»Wenn wir euch sagen, dass sie nicht gegen Zionisten, sondern gegen Juden protestieren … könnt ihr schreien, toben und mit ihnen demonstrieren, aber in ihren Augen seid ihr immer noch nur Juden …Wacht endlich auf!!!«

Die meiste Zustimmung erntete ein Kommentar, der nur aus drei Buchstaben bestand: »Mdr«. Die Abkürzung bedeutet »mort de rire« – »Ich lache mich tot.«

»Gegen Antisemitismus, für Palästina«

Collectif Golem ist eine politische Aktivistengruppe, die im November 2023 gegründet wurde. Sie setzt sich aus Juden zusammen, die sich politisch im linken Spektrum verorten. Im Zentrum ihrer Arbeit steht der Kampf gegen Antisemitismus, insbesondere auch innerhalb progressiver und linker Milieus.

Gleichzeitig versteht sich das Collectif Golem als antirassistisch und engagiert sich gegen Rechtsextremismus, Feindseligkeit gegenüber Muslimen und Transsexuellen. In einem Interview mit dem linken US-Magazin Dissent erklärte die Aktivistin Lola Yaïche:

»Als Juden, aber auch als Antirassismus-Aktivisten gegen Islamophobie und Homophobie, wollten wir Antisemitismus bekämpfen und gleichzeitig die extreme Rechte eindämmen. Deshalb wurde die Gruppe in aller Eile, innerhalb von nur zwei oder drei Tagen, als eine Art Schutzwall gegründet.«

Alle Mitglieder betrachteten sich als links – und fühlten sich seit dem 7. Oktober »zutiefst isoliert«. Sie seien in Gewerkschaften, feministischen und Umweltorganisationen aktiv und hätten »das Gefühl, dass ihre Genossen ihnen nicht zuhören und die Aktionen der Hamas leugnen oder verharmlosen«. Im Golem sähen sie einen »aktivistischen Raum, in dem sie aufatmen« könnten.

Die Gruppe nahm auch an der Großdemonstration gegen Antisemitismus in Paris im November 2023 teil, zusammen mit den großen Parteien, mit Ausnahme der linksextremen La France Insoumise (LFI). »Ein Großteil der Linken – Umweltschützer, Sozialisten und Kommunisten – beteiligte sich an dem Marsch, doch La France Insoumise lehnte ihn ab«, so die Aktivistin.

»Der Parteivorsitzende, Jean-Luc Mélenchon, hat mehrere Äußerungen getätigt, die als antisemitisch gelten könnten«, erklärte sie.

»Etwa als er behauptete, Jesus sei von seinem eigenen Volk, also den Juden, gekreuzigt worden; als er über Finanzen und Juden sprach. Und als er eine Verschwörung im Zusammenhang mit dem Fall Merah [Mohamed Merah ermordete im März 2012 drei jüdische Grundschulkinder und ihren Lehrer in der Ozar-Hatora-Grundschule in Toulouse, Anm. Mena-Watch] behauptete. Auch die Neue Antikapitalistische Partei feierte die Aktionen der Hamas öffentlich als Form des Widerstands. Es gibt also eindeutig eine Spaltung innerhalb der Linken, und ein Teil von ihr liebäugelt mit Antisemitismus.«

Das zeigte sich deutlich an der Universität Nanterre.

„Mindestlohn auch für Juden“

Was sagt die Partei LFI selbst zum Antisemitismus? Sie habe gar nichts gegen Juden, beteuerte einer ihrer Politiker. Zwei Tage vor der ersten Runde der Kommunalwahlen am 23. März war der Abgeordnete Antoine Léaument von La France Insoumise bei Sud Radio zu Gast. Im Interview darauf angesprochen, dass viele die Partei für antisemitisch halten, entgegnete er:

»Glauben Sie wirklich, dass wir, wenn LFI an die Macht käme, Juden in unserem Land bedrohen würden? Natürlich nicht. Wir werden den Mindestlohn auch für Juden anheben. Außerdem werden wir das Renteneintrittsalter für Juden auf 60 Jahre senken.«

Französische Juden mögen Angst davor haben, beleidigt, verprügelt oder ermordet zu werden, doch wenigstens plant La France Insoumise bei den Sozialgesetzen keine Ungleichbehandlung der Juden. Der Moderator hatte einem Vertreter von LFI eine Bühne geboten, um zu zeigen, dass die Partei nicht antisemitisch sei — und dieser bewies bloß, dass er das Problem des Antisemitismus in Frankreich weder ernst nimmt noch verstanden hat.

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