Die Frankfurter Astor Film Lounge begründete die Absage zuerst damit, in der aktuellen Situation »neutral« bleiben zu wollen – und schob dann wirtschaftliche Beweggründe nach.
Bei den 6. Jüdischen Filmtagen, die im Oktober in Frankfurt am Main stattfinden, will die Astor Film Lounge an der Zeil nicht mehr Spielort sein. Die dafür gegebene Begründung der Kinobetreiber sorgt für Kontroversen. »Die Situation ist uns aktuell zu heiß«, schrieben sie in einer E-Mail an die Jüdische Gemeinde Frankfurt, über die die Hessenschau des Hessischen Rundfunks berichtete. Außerdem, so hieß es darin weiter, müsse es »in einem Land wie Deutschland noch erlaubt sein, sich als Kino neutral zu verhalten«.
Die Jüdischen Kulturwochen und die Jüdischen Filmtage finden im jährlichen Wechsel statt, in Zusammenarbeit der Jüdischen Gemeinde mit dem Kulturamt und dem Kulturdezernat der Stadt Frankfurt.
Welche »Situation« ist der Astor Film Lounge »zu heiß«? Gegenüber welchen Kräften ist es vermeintlich besser, »neutral« zu bleiben? Die Kinobetreiber standen für eine Anfrage von Mena-Watch nicht zur Verfügung und schickten lediglich eine vorbereitete Presseerklärung.
Darin findet sich eine völlig andere Argumentation. Es sei eine »unternehmerische Entscheidung«, die »keine Entscheidung gegen jüdische Menschen, jüdische Kultur oder jüdische Präsenz« sei, sondern »rein wirtschaftliche Gründe« habe: Bei den Jüdischen Filmtagen im Jahr 2024 seien »gerade 40 bis 60 Gäste« zu den beiden Vorführungen im Haus gekommen, damit habe sich die Veranstaltung »wirtschaftlich nicht getragen«. Dann wird ein weiteres Argument beigefügt: das »Bedauern« darüber, „dass bei uns entsprechende (sic!) Veranstaltungen bereits unter Polizeischutz stattfinden mussten«.
Dem widerspricht Marc Grünbaum, Vorstand der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. »Wir hatten überhaupt keinen Polizeischutz«, sagt er im Gespräch mit Mena-Watch. Er vermutet, dass die Verantwortlichen der Astor Film Lounge in ihrer Argumentation die Jüdischen Filmtage mit zwei anderen Veranstaltungen jüdischer Vereine, die in der Vergangenheit in den Astor-Kinos stattgefunden haben, »in einen Topf« werfen. »Hier wurden einfach zwei ganz unterschiedliche Veranstaltungen miteinander vermengt, was ich für schon durchaus beachtenswert halte.«
Und selbst wenn die Jüdischen Filmtage von der Polizei geschützt worden wären, findet Grünbaum es irritierend, dass dies der jüdischen Gemeinde womöglich zum Vorwurf gemacht werden könnte:
»Erst mal würde ich mir wünschen, dass diese Mitarbeiter ein wenig die Empathie aufbringen und sich mal überlegen, was es für uns als Gemeinde, für unsere Kinder bedeutet, die täglich ihre Schule und die Kitas unter Polizeischutz besuchen. Und das Zweite ist, dass das Team, die Astor Film Lounge, völlig übersehen hat, welche Wirkung von der Absage mit dieser Begründung ausgeht. Nämlich, dass jüdisches Leben einfach verdrängt wird aus der Öffentlichkeit. Und dass damit im Grunde genommen der Tenor lautet: Dann müsst ihr halt immer wieder für eure Veranstaltungen in eure eigenen Räume gehen. Weil wir als nichtjüdische Einrichtung kein Interesse daran haben, hier unter Polizeischutz zu stehen, wenn ihr bei uns seid.«
Fatales Signal
Schon vor zwei Jahren habe die Jüdische Gemeinde Frankfurt mit der Astor Film Lounge zusammengearbeitet, erläutert Grünbaum, und dabei beispielsweise die Kosten für den Filmvorführer an den jeweiligen Abenden übernommen. Es sei ein attraktives Kino in der Innenstadt, darum sei die Jüdische Gemeinde froh gewesen, die Astor Film Lounge als Kooperationspartner gewinnen zu können.
In diesem Jahr habe es bereits vor den Sommerferien eine Preview geben sollen. Im Zusammenhang mit diesem Preview sei die Astor Film Lounge angefragt worden. Im Februar habe es standardmäßig per E-Mail eine Kontaktaufnahme mit allen Kinopartnern gegeben.
»Die Astor Film Lounge hat da zunächst mal nicht reagiert, weshalb es dann vor circa zwei Wochen noch mal ein Gespräch zwischen einer Mitarbeiterin unserer Kulturabteilung und dem Frankfurter Filmtheaterleiter gab. Bei diesem Gespräch, das muss man auch in aller Deutlichkeit noch mal sagen, waren wirtschaftliche Erwägungen überhaupt kein Thema, sondern es ging generell ein wenig um die Ausrichtung der Filmtage und etwaige Erneuerungen – wie diese besondere Preview, die in diesem Jahr dort angefragt wurde. Daraufhin kam dann die besagte Absage, die aus drei Sätzen bestand. Man habe sich im Team besprochen. Man würde gerne dieses Jahr aussetzen. Und dann der aus meiner Sicht ganz maßgebliche Satz: ›Die Situation ist uns aktuell zu heiß.‹«
Grünbaum habe dann nachgefragt, was das bedeuten solle. In der Antwort sei dann erstmalig von den »wirtschaftlichen Erwägungen« die Rede gewesen. »Zudem fiel ein, wie ich meine, sehr entlarvender Satz, nämlich es müsse doch möglich sein, als Kino in Deutschland sich neutral verhalten zu können.«
Bei den öffentlichen Verlautbarungen der Astor Film Lounge seien dann allein die wirtschaftlichen Erwägungen als Grund für die Absage genannt worden.
»Das stimmt schlichtweg mit den uns gegenüber getätigten schriftlichen Aussagen nicht überein, jedenfalls nicht als alleiniger Grund für die Absage, wie es dann in der Pressemitteilung dargestellt wurde. Das muss man in aller Deutlichkeit sagen und festhalten.«
Zweck und Sinn der jüdischen Filmtage sei es, dass jüdisches Leben in der Stadt gelebt werde, »dass wir in der Stadt präsent sind und dass wir auch das leben, wofür wir stehen, nämlich Bestandteil dieser Stadtgesellschaft zu sein.« Diese Wirkung habe die Astor Film Lounge mit der Absage völlig verkannt.
»Das ist ein ganz fatales Signal für jüdisches Leben insgesamt, das damit immer weiter in seine eigenen Räume gedrängt wird. Das ist nicht das, was wir uns als Gemeinde für unser jüdisches Leben hier in Frankfurt am Main vorstellen und was die Stadtgesellschaft hinnehmen sollte.«
Auch der Antisemitismusbeauftragte des Landes Hessen, Uwe Becker, spricht gegenüber Mena-Watch von einem »Einknicken vor dem Judenhass«. Wer zurückweiche, überlasse »die Stadt den Feinden der Demokratie«. Die Jüdischen Filmtage seien wie die Jüdischen Kulturwochen »wichtige Instrumente zur Sichtbarmachung jüdischen Lebens in unserer Gesellschaft«, so Becker. »Sie gehören so wie jüdisches Leben selbst in die Mitte unserer Gesellschaft, weil jüdische Kultur Teil der Identität unseres Landes ist. Wenn nun das Kino Astor-Lounge die Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Frankfurt kurzfristig kündigt und Sicherheitsbedenken nennt, dann ist dies ein absolutes Armutszeugnis und Einknicken vor dem Judenhass.« Deshalb sei »Haltung und nicht Angst« gefragt.
Ebenso nahm Becker zum Hinweis auf die Neutralität des Kinos Stellung: »Wo Art. 1 unseres Grundgesetzes in Frage gestellt wird, darf es auch keine Neutralität geben. Wir sind als Gesamtgesellschaft gefordert, wenn jüdisches Leben bedroht oder gar angegriffen wird, und umso mehr muss es in unser aller Interesse liegen, für jüdisches Leben einzustehen.« Er erwarte, dass man seitens des Kinos die bisherige Entscheidung überdenke und »Haltung« zeige.






