Im Gespräch mit Jasmin Arémi spricht der freie Journalist und Nahost-Korrespondent Tobias Huch über seine jüngste Reise nach Kurdistan, über Begegnungen, die bleiben, und über Engagement, das nicht im Digitalen endet. Außerdem geht es um das kurdische Newroz-Fest, das kürzlich in Bonn gefeiert wurde – als Ausdruck von Identität, Widerstand und Hoffnung.
Tobias Huchs Erzählung von Kurdistan beginnt nicht mit einer Analyse, sondern mit einer Bewegung. Noch vor wenigen Wochen war der freie Journalist unterwegs, in Erbil, in Rojava, in Orten wie Derik und Kamışlı. Nicht, um zu beobachten, sondern um zu handeln. »Ich habe Hilfsgüter in die Region gebracht. Nach den Angriffen islamistischer Milizen wie HTS und SNA zeigte sich vor Ort eine kleine humanitäre Katastrophe.«
Sieben durch Spenden finanzierte und mit Lebensmitteln und Spielzeug beladene Lastwagen wurden über Grenzen hinweg organisiert und direkt vor Ort verteilt. Was im europäischen Resonanzraum oft kaum vorkommt, ist Kurdistan als Dauerzustand der Bedrohung. Islamistische Gruppen operieren dort ebenso wie staatliche Akteure, insbesondere das iranische Regime, dessen Angriffe auf kurdische Gebiete, so Huch, längst zur Routine geworden sind. Die Gleichzeitigkeit dieser Bedrohungen lässt wenig Raum für die einfachen Narrative, die im Westen so gern erzählt werden.
Die kurdische Gesellschaft selbst entzieht sich der Vereinfachung. Sie ist politisch fragmentiert, historisch zersplittert und doch verbunden durch geteilte Erfahrungen von Verfolgung und Widerstand. Spätestens seit dem Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) hat sich das Bild der Kurden in Europa verschoben, weg vom Opferstatus zum sichtbaren Akteur. Doch Sichtbarkeit allein ist noch keine Politik.
Die Kritik von Tobias Huch richtet sich deshalb auch scharf gegen jene Formen von Aktivismus, die sich im Modus der moralischen Selbstvergewisserung erschöpfen. Aktionen wie die sogenannte Gaza-Flottille stehen für ihn exemplarisch für eine Praxis, die mehr über die Inszenierenden aussagt als über die, denen sie zu helfen vorgibt. »Kaum ein Projekt hat das Leid der Menschen in Gaza derart instrumentalisiert. Die sogenannte Gaza-Flottille gehört für mich zu den menschenverachtendsten Initiativen des vergangenen Jahres.«
Aufmerksamkeit wird gebündelt, zugespitzt, emotionalisiert – und zugleich selektiv verteilt. Während einige Konflikte zur Projektionsfläche globaler Empörung werden, verschwinden andere nahezu vollständig aus dem Blick.
Widerstand und Hilfe
Die Beziehungen zwischen kurdischen Kräften und Teheran beschreibt Huch als eindeutig feindlich. Gleichzeitig beobachtet er eine vorsichtige Annäherung zwischen verschiedenen kurdischen Gruppen, eine fragile Konstellation, zusammengehalten weniger durch gemeinsame Visionen als durch geteilte Gegner. Was daraus entsteht, ist offen. Viel wird davon abhängen, ob und wie sich die politischen Verhältnisse im Iran verändern. Föderale Modelle stehen im Raum, ebenso neue regionale Allianzen. Doch ebenso präsent bleibt die Möglichkeit, dass sich alte Machtlogiken fortschreiben.
Auch in Europa setzt sich diese Auseinandersetzung fort. Organisationen wie die Grauen Wölfe konstruieren Feindbilder, in denen Kurden eine zentrale Rolle spielen. Es ist ein Denken in Hierarchien, in Überlegenheit und Abgrenzung. Dagegen stehen Formen kurdischer Selbstorganisation, die sich nicht über Abwertung, sondern über Sichtbarkeit definieren.
Ein besonders eindrücklicher Ausdruck dieser Verbindung von Diaspora, Politik und gelebter Praxis ist das Newroz-Fest, das kurdische Neujahrsfest. Was auf den ersten Blick wie Folklore erscheinen mag, entfaltet bei näherem Hinsehen eine andere Dimension, von Ritual und Erinnerung, Feier und Widerstand zugleich. »Feuer, Befreiung, Widerstand – dafür steht Newroz.« Wenn sich in Städten wie Frankfurt oder Bonn Zehntausende versammeln, geschieht das friedlich, oft jenseits jener aufgeladenen Bilder, die gegenwärtig Proteste dominieren.
Wer konkret helfen will, wird auf die Initiative LIBERAID verwiesen – einen gemeinnützigen Verein, organisiert als bewusst schlanke Struktur, als »kleine Feuerwehr«, wie Huch sagt. Während bedeutende Organisationen langfristige Versorgung sichern, setzt die liberale Hilfsorganisation dort an, wo Hilfe sofort gebraucht wird. Aktuell ist dies zum Beispiel in Erbil der Fall, in Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren wie dem Erzbischof der Stadt, zur Unterstützung christlicher Gemeinschaften im Stadtteil Ankawa. Es sind gezielte Interventionen, begrenzt im Umfang, aber unmittelbar in ihrer Wirkung. Seit zwölf Jahren sind sie bereits aktiv. So schließt sich ein Kreis zwischen Symbol und Praxis.
Und wenn wieder Neujahr ist, kann man sich mit dem Gruß »Newroz pîroz be« auch in Deutschland ein wenig der kurdischen Community annähern. Oder am besten gleich das nächste Newroz-Fest besuchen.






