Während die iranischen Frauen um ihre Freiheit und damit gegen das Regime kämpfen, demonstrieren Teile des westlichen Feminismus gegen Interventionen in die Islamische Republik.
Der Internationale Frauentag wurde auch heuer wieder weltweit mit Demonstrationen begangen. In zahlreichen Städten – von Paris über Madrid bis Istanbul – gingen Tausende Menschen auf die Straße, um gegen Gewalt an Frauen und Diskriminierung zu protestieren. Gleichzeitig berichteten internationale Medien, dass Demonstrationen zum Frauentag vielerorts auch politische Themen wie militärische Konflikte oder geopolitische Bündnisse aufgriffen.
In einigen Städten verbanden Aktivistinnen ihre feministischen Forderungen explizit mit der Kritik am Krieg gegen den Iran und an der westlichen Außenpolitik. Doch gerade dieser Zusammenhang ist es, der eine grundlegende Frage aufwirft: Was bedeutet Feminismus im Kontext eines Regimes wie der Islamischen Republik Iran, das seit Jahrzehnten systematisch die Rechte von Frauen einschränkt?
Während Teile der feministischen Bewegung im Westen militärische Maßnahmen gegen das Teheraner Regime ablehnen, zeigt ein Blick in den Iran selbst ein anderes Bild. Seit Jahren stehen Frauen dort an der Spitze der Protestbewegungen gegen die Islamische Republik. Der Auslöser der Revolte von 2022 war der Tod der jungen Kurdin Jina Mahsa Amini im Gewahrsam der Sittenpolizei. Daraus entstand die »Jin, Jiyan, Azadi«-Bewegung, die sich rasch zu einer landesweiten Protestbewegung entwickelte.
Der Slogan, der auf Deutsch »Frau, Leben, Freiheit« heißt, brachte eine zentrale Forderung der Demonstranten auf den Punkt: Politische Freiheit und Frauenrechte sind untrennbar miteinander verbunden. Iranische Frauen spielen in diesem Widerstand eine zentrale Rolle. Zahlreiche Analysen betonen, dass sie »an der Spitze der Straßenproteste gegen die frauenfeindlichen Dekrete der Islamischen Republik« stehen. Sie befürworten den Eingriff der USA und Israels und hoffen, durch die Proteste sowie die militärische Auseinandersetzung ihre Freiheit zurückzuerlangen.
Der Kampf um Frauenrechte im Iran ist nicht, wie oft im Westen, abstrakt, sondern Teil eines umfassenden politischen Aufstands gegen ein autoritäres System.
Widerspruch des westlichen Aktivismus
Aus wissenschaftlicher Perspektive wird der iranische Protest häufig als immanent feministische Bewegung interpretiert. Die Anthropologin Afsaneh Najmabadi etwa beschreibt die iranische Frauenbewegung als Teil des langfristigen Kampfs gegen patriarchale und staatliche Kontrolle über Körper und Öffentlichkeit. In ähnlicher Weise argumentieren Forschungen zur »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung, dass sie eine breite Basis an Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit, politischer Freiheit und Geschlechtergleichheit vereine. Diese Perspektive stellt die Iranerinnen nicht als passive Opfer dar, sondern als politische Akteurinnen, die aktiv gegen religiösen Autoritarismus kämpfen.
Vor diesem Hintergrund wirkt ein Teil der westlichen feministischen Proteste paradox. Während iranische Frauen seit Jahren unter riskanten Bedingungen gegen das islamistische Regime demonstrieren, richten sich manche Proteste in Europa und den USA primär gegen Israel oder gegen westliche Militärinterventionen – nicht jedoch gegen die iranische Theokratie selbst.
Diese Verschiebung spiegelt eine Entwicklung wider, die Politikwissenschaftler und Anthropologen seit Längerem beobachten: Teile des westlichen Aktivismus interpretieren internationale Konflikte primär durch das Prisma antiimperialistischer Ideologie, wodurch autoritäre Regime relativiert werden.
Die Anthropologin Lila Abu-Lughod warnte bereits vor einem paternalistischen Diskurs, der Frauenrechte instrumentalisiert, ohne die tatsächlichen Stimmen von Frauen aus den betroffenen Gesellschaften zu berücksichtigen. Gerade im Fall des Irans zeigt sich doch, dass viele der betroffenen Frauen selbst eine radikale Veränderung des politischen Systems fordern, das von westlichen Feministinnen gegen Interventionen verteidigt wird.
Der Internationale Frauentag erinnert jedes Jahr an den globalen Kampf für Gleichberechtigung. Doch die Ereignisse rund um den Iran machen deutlich, dass Feminismus nicht nur eine kulturelle oder soziale Bewegung ist, sondern immer auch eine politische war – und ist. Für viele iranische Aktivistinnen bedeutet Feminismus in erster Linie den Kampf gegen ein Regime, das ihre Kleidung, ihre Bewegungsfreiheit und ihr öffentliches Leben kontrolliert.
Wenn der Feminismus universell sein will, muss er auch dort ansetzen, wo Frauenrechte systematisch unterdrückt werden. Die Stimmen der iranischen Frauen, die seit Jahren »Frau, Leben, Freiheit« rufen, zeigen, dass dieser Kampf nicht abstrakt ist, sondern existenziell.






