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Ehemalige Hamas-Geisel berichtet von 738 Tagen Gefangenschaft

Die ehemalige Hamas-Geisel David Cunio bei ihrer Rückkehr nach Israel
Die ehemalige Hamas-Geisel David Cunio bei ihrer Rückkehr nach Israel (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

In einem Interview schilderte David Cunio detailliert seine Entführung aus dem Kibbuz Nir Oz, die Gefangenschaft und Misshandlung durch die Hamas sowie sein Überleben.

David Cunio, einer jener Israelis, die am 7. Oktober 2023 von Hamas-Terroristen entführt worden waren, gab kürzlich einen erschütternden Bericht über seine fast zweijährige Gefangenschaft im Gazastreifen und beschrieb dabei den Hunger, die psychischen Qualen, das unterirdische Verlies und den Kampf ums Überleben um seiner Familie willen.

In einem Interview, das vergangenen Woche auf dem israelischen Channel 12 ausgestrahlt wurde, erzählte Cunio über seine Entführung zusammen mit seiner Frau Sharon, den Zwillingstöchtern Yuli und Emma und anderen Familienmitgliedern sowie über die brutalen Bedingungen, denen er während seiner 738 Tage in der Gefangenschaft der Hamas ausgesetzt war.

Die Tortur begann in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober 2023, als Luftschutzsirenen und Schüsse die Familie in ihrem Haus im Kibbuz Nir Oz weckten. Hamas-Terroristen stürmten den Kibbuz, setzten Häuser in Brand und töteten und entführten Bewohner.  Während der Rest der Großfamilie Cunio in benachbarten Häusern um ihr Leben kämpfte (Davids Brüder Eitan und Ariel wurden separat entführt), war David damit beschäftigt, seine Familie in ihrem Schutzraum vor Rauch und Flammen zu schützen. Als das Atmen unmöglich wurde, versuchte er, mit einer seiner Töchter aus dem Fenster zu fliehen und wurden im Hof gefangen genommen.

In dem Chaos wurden David und Teile seiner Familie voneinander getrennt. Er, seine Frau und Tochter Yuli, die zu fliehen versucht hatten, wurden gemeinsam mit anderen Kibbuzbewohnern in ein Fahrzeug gebracht. Sie wurden Zeugen, wie ein Konvoi der Hamas auf dem Weg in den Gazastreifen von einem israelischen Hubschrauber beschossen wurde, wobei eine weitere Geisel, Efrat Katz, getötet wurde. Die Cunios wurden durch Granatsplitter verletzt.

Von Familie getrennt

In den ersten Tagen der Gefangenschaft wurde David zusammen mit Sharon und Yuli festgehalten. David beschrieb die Qual, nicht zu wissen, ob seine zweite Tochter noch lebte. »Wir waren völlig am Boden zerstört von dem Gedanken, dass Emma nicht bei uns war«, sagte er gegenüber Channel 12. Seine Frau gab sich immer wieder die Schuld für Emmas Verschwinden.

Am zehnten Tag des Kriegs wurde das Gebäude, in dem sie festgehalten waren, bombardiert, worauf sie, getarnt, um unter der lokalen Bevölkerung nicht aufzufallen, ins Nasser-Krankenhaus in Khan Yunis gebracht wurden. Dort traf die Familie auf ihre Tochter Emma, die stark vernachlässigt, unterernährt und traumatisiert war und ihre Eltern zunächst gar nicht erkannte. Erst als Sharon ihr etwas vorsang, beruhigte sie sich. Später erzählte Emma von gewalttätigen Szenen, die sie miterlebt hatte, von einem »Mann, der mit Rot bedeckt war«, nicht wirklich verstehend, dass es sich dabei um Blut gehandelt hat. Nachts schrie sie wegen ihrer Albträume. »Die Terroristen schrien uns an, wir sollten sie zum Schweigen bringen. Aber wie bringt man eine Dreijährige zum Schweigen, die aus Angst schreit?«

Am 49. Tag der Gefangenschaft wurde David von seiner Frau und seinen Töchtern getrennt, als diese im Rahmen eines Waffenstillstandsabkommens im November 2023 freigelassen wurden: »Eine Last fiel mir von der Seele. Als sie gingen, sagte ich mir, dass ich einfach nur überleben musste. Aber danach wurde es nur noch schlimmer.«

Zu diesem Zeitpunkt konnte Cunio nicht wissen, dass er noch weitere 682 Tage festgehalten werden würde. Er wurde in das Tunnelnetzwerk der Hamas gebracht, wo er den größten Teil seiner Gefangenschaft verbringen musste. Er litt unter extremen Hunger, Dehydrierung und körperlicher Erschöpfung, da er oft nur ein halbes Pita-Brot und einen Viertelliter Wasser pro Tag erhielt. »Es ist völlige Dunkelheit. Man hört die Mägen der Menschen. Menschen werden ohnmächtig. Es wird einem schon schwindlig, wenn man nur aufsteht.«

Wiederholt wurde er durch die Tunnel hin- und hertransportiert und musste manchmal stundenlang durch enge Gänge kriechen. Bei einem Gewaltmarsch legten die Geiseln an einem Tag fast zwanzig Kilometer unter der Erde zurück, bluteten und brachen vor Erschöpfung zusammen.

Während seiner Gefangenschaft begegnete Cunio weiteren Geiseln, darunter Freunde und Kibbuz-Mitglieder, von denen viele später starben. Er beschrieb, wie er ältere Gefangene in skelettartigem Zustand sah und kurz mit engen Freunden wiedervereint war, bevor sie getrennt wurden. Die psychische Belastung sei unerträglich gewesen wie auch der systematische psychische Missbrauch.

Die Entführer der Hamas belogen ihn wiederholt über seine Frau und sagten ihm, sie habe »mit ihrem Leben einfach weitergemacht« und aufgehört, für seine Freilassung zu kämpfen. Mit der Zeit, bemerkte er, begannen die Lügen zu wirken. »So unrealistisch es auch sein mag, dort klingt es realistisch. Man beginnt zu denken, dass sie vielleicht nicht ewig warten kann, dass sie vielleicht mit ihrem Leben weitermachen sollte.« Diese Manipulationen hätten ihn in Momente der Verzweiflung und Selbstmordgedanken getrieben, wobei andere Gefangene ihm halfen, weiterzumachen.

Cunio klammerte sich an kleine Gegenstände – ein Gummiband seiner Töchter, handgefertigte Halsketten, die er aus Dattelkernen für sie gemacht hatte – als emotionale Anker, betete täglich und stellte sich vor, mit seiner Frau und seinen Kindern zu sprechen. Aufnahmen, die später von den Israelischen Verteidigungsstreitkräften sichergestellt wurden, zeigten David, wie er in einem Propagandavideo der Hamas gezwungen wurde, um sein Leben zu betteln, wobei er dasselbe Gummiband trug, das ihm Halt gegeben hatte.

Schwierige Rückkehr

Anfang 2025 wurde eine neue Vereinbarung getroffen, durch die einige Geiseln freikamen. Cunio war nicht darunter und musste vor der Kamera Abschied nehmen, während andere freigelassen wurden. »Wir haben wirklich geweint. Wir haben uns für sie gefreut, aber wir wussten, dass wir tot wären, wenn die nächste Phase [des Waffenstillstands, in der weitere Geiseln freigelassen werden sollten] nicht beginnen würde.« Bald darauf wurden die Kämpfe jedoch wieder aufgenommen und die Bedingungen verschlechterten sich weiter. So haben ihm seine Entführer jegliche Nachrichten über seine Familie und deren Bemühungen, sich für ihn einzusetzen, vorenthalten, was seine Isolation noch verstärkte.

Im Oktober 2025 wurde Cunio schließlich mitgeteilt, dass ein Abkommen unterzeichnet worden war und er nach Hause zurückkehren würde. Kurz vor seiner Freilassung traf er in einem Hangar seinen Bruder Ariel wieder. Erst während eines Videoanrufs erfuhren die beiden, dass alle unmittelbaren Familienmitglieder überlebt hatten. Die Wiedervereinigung mit seinen Töchtern nach zwei Jahren sei überwältigend gewesen. »Ich kniete mich hin und sie rannten auf mich zu. Ich konnte kaum glauben, wie sehr sie gewachsen waren.«

Jetzt, wo er wieder zu Hause ist, sagte Cunio, habe die eigentliche Arbeit der Genesung begonnen. Er beschrieb körperliche Symptome seines Traumas, emotionale Zusammenbrüche nach dem ersten Wiedersehen und die Herausforderung, das Familienleben wieder aufzubauen. Dennoch betonte er die Momente der Freude, in denen seine Töchter langsam wieder Vertrauen zu ihm gewinnen: »Es ist nicht einfach, aus der Gefangenschaft zurückzukommen und eine Familie wieder aufzubauen. Aber nach und nach fängt es an, zu funktionieren. Und es macht Spaß. Es macht Spaß, dass sie mich an ihrer Seite haben wollen.«

David Cunio hofft, mit seiner Familie ein neues Zuhause in einem neuen Kibbuz aufbauen zu können und seinen Töchtern die Kindheit zu ermöglichen, die am 7. Oktober 2023 so gewaltsam unterbrochen wurde.

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

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