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»Vor Angst wie gelähmt«: Ehemalige Geisel über sexuelle Gewalt durch die Hamas

Bild der ehemaligen Hamas-Geisel Romi Gonen auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals
Bild der ehemaligen Hamas-Geisel Romi Gonen auf dem Gelände des Nova-Musikfestivals (© Imago Images / CTK Photo)

Romi Gonen berichtete in ihrem ersten umfassenden Interview seit ihrer Freilassung aus der Hamas-Gefangenschaft über wiederholte sexuelle Übergriffe, die Angst vor einer Schwangerschaft und die Ermordung einer Freundin.

Adi Nirman / Mai Gonik

Die ehemalige Geisel Romi Gonen, die vor zehn Monaten in der zweiten Phase des Geiselabkommens nach 471 Tagen in Hamas-Gefangenschaft nach Israel zurückgekehrt war, berichtete vergangene Woche in einem erschütternden Interview im israelischen TV-Sender Kanal 12 über ihre Erlebnisse im Gazastreifen.

Sexuell missbraucht

Gonen sprach zum ersten Mal offen über die sexuellen Übergriffe, die sie erlitten hatte: »Ich wurde während meiner Gefangenschaft von vier Männern auf vier verschiedene Arten mit unterschiedlichem Schweregrad sexuell belästigt. Nachdem ich aus dem Krankenhaus in die Wohnung [in der sie zu Beginn ihrer Geiselhaft festgehalten wurde] gekommen war, ging ich unter die Dusche, und dann passierte es.«

»Dieser erste Vorfall ereignete sich mit diesem Arzt namens Mohammad, der kam, um meinen Zustand zu überprüfen und mir ›beim Duschen helfen wollte‹, weil ich verletzt war. Ich hatte keine Macht über sie und war in einer Lage, in der ich nichts dagegen tun konnte. Er nahm mir alles. Es fühlte sich an, als ob es das nun gewesen sei. Aber nach allem, was passiert war, war das erst der Anfang. Nur vier Tage waren vergangen und ich fühlte mich bereits, als ob in mir gar nichts mehr übrig wäre. … Und ich musste weiterhin mit ihm in dem Haus leben.«

»Nach dem Vorfall in der Dusche kam ein weiterer Terrorist in die Wohnung und filmte das erste Video von mir«, erzählte sie mit erstickter Stimme:

»Mohammad, der Kameramann, war nervig, er war immer in meiner Nähe und ich hatte das Gefühl, dass etwas Schlimmes passieren würde. Ich war mit ihm alleine und mir war klar, dass er und ich in dieser Nacht alleine schlafen würden. Ich spürte, wie er sich mir näherte und meinen Rücken massierte.

Er massierte mich und seine Hände glitten zu meiner Taille hinunter. Ich sagte ihm: ›Hör auf, mich anzufassen‹ und schob seine Hand weg, aber er berührte weiterhin meine Taille. Ich wurde wütend, schrie ihn an und ging ins Kinderzimmer, um dort zu schlafen. Am nächsten Morgen sagte er zu mir: ›Das gestern Nacht war eine einmalige Sache. Ab heute schlafen wir zusammen, Bett an Bett. Ich gehe mit dir ins Badezimmer. Jede Nacht werde ich dir Handschellen anlegen.

Und so vergingen die Tage. Mohammad kam mit mir ins Badezimmer und sah mich an. Er kam ständig mit mir ins Badezimmer; er massierte mir die Beine und dann meinen ganzen Körper. Das dauerte sechzehn Tage. Es waren die schlimmsten Tage meiner Gefangenschaft.«

Einige Tage nach ihrer Verschleppung »lag ich auf dem Sofa im Wohnzimmer, das Radio lief und ich hörte: ›Wo ist Romi?‹ Ich erkannte die Stimme meiner Mutter, sprang vom Sofa auf und konnte nicht aufhören zu zittern.«

Schwangerschaftstest

Nachdem bei Romi Gonen die Periode ausblieb, erzählte sie weiter, befürchtete sie, schwanger zu sein.

»Ich habe sie [die Terroristen] angelogen und gesagt, ich hätte einen Ehemann. Ich bekam meine Periode nicht, was uns alle erschreckte. Meine größte Angst war, dass sie mir etwas angetan hatten. Sie waren sich sicher, dass ich am Tag vor der [Supernova]-Party mit meinem ›Ehemann‹, den ich erfunden habe, geschlafen hatte und schwanger war. Eines Tages brachten sie einen Schwangerschaftstest mit, der negativ ausfiel.«

Gonen berichtete von der dritten Belästigung, die sie erleben musste:

»Ich ging auf die Toilette, er kam mir nach und es kam zur dritten Belästigung, die eine halbe Stunde dauerte und die schlimmste war. Solange man sich nicht in solch einer Situation befindet, kann man nicht verstehen, was mit dem Körper passiert. Angst lähmt, und ich war gelähmt. In diesen Sekunden ging mir nichts durch den Kopf, außer, dass ich Angst hatte und angewidert war.

Ich erinnere mich an einen Moment im Badezimmer, während all dies passierte und ich weinte. Als ich durch das kleine Fenster schaute, war der Himmel blau und die Vögel zwitscherten, das war genau die Situation, in der ich mich gerade befand: Die Dissonanz zwischen der Ruhe und dem Zwitschern der Vögel draußen und der Brutalität und dem Ekel vor dem, was im Badezimmer geschah. Ich durchlebte zum dritten Mal die schlimmste Situation, die es gibt.«

Wie ein Müllsack

Gonen beschrieb auch den Morgen des 7. Oktober 2023 beim Supernova-Festival, zu dem sie mit ihrer Freundin Gaya gegangen war: »Das Licht wurde heller, ich filmte Videos mit Gaya im Hintergrund. An diesem Morgen gab es einen wunderschönen Sonnenaufgang. Ich hob meinen Kopf zum Himmel und sagte zu Gaya: ›Was ist das, haben sie uns ein Feuerwerk für die Party besorgt?‹« Tatsächlich waren es die in diesem Moment aus dem Gazastreifen abgefeuerten Raketen.

»Plötzlich hörten wir Leute ›Terroristen!‹ rufen. Wir stiegen aus dem Auto [mit dem sie versuchten, das Gelände zu verlassen, Anm.] und rannten los. Wir gingen in ein Wadi, um uns in einem Busch zu verstecken. Ich trug eine rosa Hose, die mich sichtbar machte, egal, wie gut ich mich versteckte. Plötzlich tauchte Ben Shimoni, ein Freund von Gaya aus der Arbeit, auf. Er fuhr dreimal hin und her, ich war die dreizehnte Person, die er gerettet hat. Als er uns abholte, war dies das dritte Mal, dass er zum Nova-Festival zurückkehrte.

Wir fuhren in Richtung Heimat und sahen fünfzig Terroristen, die uns den Weg versperrten; sie warteten auf uns auf der Straße. Ich fühlte eine Angst, die man nicht beschreiben kann. In einem Augenblick war unser Fahrzeug mit Kugeln durchsiebt. Die Fenster zerbrachen. Ich hob den Kopf und sah, dass Ben nicht mehr lebte. Gaya schrie: ›Romi, sie haben mich angeschossen.‹ Ich streckte meine Hand aus, um ihren Puls zu fühlen, und genau in diesem Moment traf mich eine Kugel in diese Hand. Wir schafften es, uns einen letzten Blick zuzuwerfen, dann tat sie ihren letzten Atemzug.

Sie hoben mich aus dem Fahrzeug und legten mich auf die Straße. Ich hatte Angst, dass sie mich anfassen und vergewaltigen würden. Ein Terrorist kam und schleppte mich wie einen Müllsack auf der Straße. Sie packten mich an den Schlaufen meiner Hose und warfen mich in ihr Fahrzeug. Wir fuhren los. Der Terrorist schlug mich und wir fuhren weiter, während ich voller Blut war.

Die erste Station im Gazastreifen war das Shifa-Krankenhaus; sie brachten mich in einen Raum, an dessen Eingang zwei Personen mit Kalaschnikows standen. Ich lag auf einem Bett, einer zog mir die Schuhe aus, ein anderer meine Kleidung; Ohrringe und Schmuck wurden entfernt. Ich lag da und fünfzehn Personen berührten mich. Sie schnitten mir die Kleidung vom Leib und ich lag nackt da.«

Wahre Heldin

Nach Gonens Interview schrieb der israelische Präsident Isaac Herzog auf X: »Romi Gonens Aussage ist herzzerreißend. Mit zitternder Stimme, aber mit außergewöhnlichem Mut offenbarte Romi die Hölle, die sie in der Gefangenschaft der Hamas durchlebt hat – sexuelle Gewalt und systematische Versuche, den menschlichen Geist zu brechen. Ihre Geschichte muss überall erzählt werden, damit alle sich daran erinnern, was wir als Volk durchgemacht haben, was die Geiseln durchgemacht haben und was Romi durchgemacht hat. Romi, du bist eine wahre Heldin. Wir bewundern deinen Mut.«

Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)

Romi Gonens gesamtes Interview mit englischen Untertiteln können Sie hier sehen.

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