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Hotspot Lesbos: Wie die „Insel der Hoffnung“ zur „Trauma-Insel“ wurde

Die beiden jungen Afghaninnen Asila (re.) und Aziza (li.) im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos
Die beiden jungen Afghaninnen Asila (re.) und Aziza (li.) im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos (© Thomas von der Osten-Sacken)

Auf der „Traumainsel“ Lesbos hoffen junge Afghaninnen auf eine bessere Zukunft.

Von Andrea Ehrig

Aziza und Asila sind zwei Mädchen, von denen man noch lesen wird – wenn sie denn ihren Weg aus dem sogenannten Dschungel schaffen. Denn noch leben sie in jenem wilden Durcheinander aus Zeltplanen, Paletten, Wäscheleinen und Feuerstellen, das sich rund um den ehemaligen Militärstützpunkt in Moria immer weiter in die Olivenhaine auf Lesbos gräbt. Diesen Ort nennen die fünfzehnjährige Asila und die siebzehnjährige Aziza aus Afghanistan derzeit ihr zuhause und versuchen der Hoffnungslosigkeit des Flüchtlingslebens Optimismus und Zuversicht entgegenzusetzen.

Beide gehen an fünf Tagen in der Woche den schmalen Feldweg zu dem Bildungsprojekt der Hilfsorganisation Stand by me Lesvos für Frauen und Kinder unweit des Lagers. Dort sind auf Initiative einiger engagierter Griechen in den letzten Monaten sechs Klassenräume entstanden, in denen Freiwillige Englisch und Griechisch unterrichten. Yvette ist eine von ihnen, sie studiert in Mytilini Meeresbiologie und kommt ursprünglich aus der Grenzregion in Bulgarien. In ihrer Englischklasse hat sie ihre Schülerinnen Briefe schreiben lassen, in denen diese von sich, ihren Träumen, Ängsten und Erlebnissen berichten.

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Problemen mit einem Lächeln begegnen

„Die Tage im Lager sind lang und langweilig“, erzählt Asila. Bereits seit August letzten Jahres lebt sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem vierzehnjährigen Bruder in Moria, die Familie flüchtete vor den Taliban und ist nach einer zermürbenden Reise auf der griechischen Ägäisinsel in der provisorischen Unterkunft angekommen.

Rund drei Wochen war die Familie unterwegs, wurde im Iran von Schmugglern eingesperrt, in einem Zimmer. Das Haus war dreckig und voll mit Männern, so dass der Weg zur Toilette eine Herausforderung wurde, erzählt die Fünfzehnjährige unter Tränen. Das hat sich nicht verbessert, auch im Lager wird sie von ihrer Mutter zur Toilette und zum Duschen begleitet. Zu gefährlich ist es für Frauen und Mädchen nach Anbruch der Dunkelheit. Daher verbringt Asila die meiste Zeit im Zelt, liest, wenn Strom und Licht da sind und freut sich jeden Tag auf den Unterricht, der ihre Zeit strukturiert und Gedanken an so etwas wie Zukunft ermöglicht.

Später möchte sie einmal als Journalistin arbeiten. Trotz allem sieht sie ihre jetzige Situation auch als Chance und genießt ihre kleinen Freiheiten – in Afghanistan konnte sie nur zur Schule gehen, wenn ihr Bruder sie begleitet hat und auch die Jeans und Turnschuhe, die sie jetzt trägt, wären dort undenkbar gewesen.

Die siebzehnjährige Aziza schreibt schon länger an einem Buch, „Flyball“ heißt ihre Geschichte, die sie irgendwann publizieren möchte: „Schreiben hilft, das Erlebte zu verarbeiten“, sagt sie. Auch sie hat eine abenteuerliche Flucht hinter sich: Ihr Vater arbeitete in Afghanistan als Polizist. Als die Taliban kamen, brach die Familie mit anderen Afghanen am 1. Oktober nach Pakistan auf. Von dort ging die Reise weiter in den Iran. Das heißt, für ihren Vater war an der iranischen Grenze Schluss, er wurde im Auto der Schmuggler entdeckt und zurückgeschickt.

Aziza saß mit ihrer Mutter, den zwei Brüdern und ihrer Schwester in einem anderen Auto und verfolgte von dort die Verhaftung ihres Vaters. Der Rest der Familie setzte die Reise fort und kam über die Türkei am 24. Dezember in Moria an. 3.200 Euro verlangten die Schmuggler für die dreistündige Überfahrt – 10 Euro kostet ein Ticket für die Fähre aus Ayvalik nach Mytilini für alle, die den richtigen Pass haben, rund 60 Minuten dauert die Fahrt.

Pläne für die Zukunft? Sie lächelt. Auf den Vater warten und dann weiterziehen, am liebsten nach Kanada, auch wenn ihre Familie lieber nach Deutschland möchte. Bis dahin, sagt sie, müsse man Problemen einfach mit einem Lächeln begegnen. Und weiterlernen. Deshalb nutzt sie jede Gelegenheit, jetzt muss sie gleich los zum Klavierunterricht im Camp, den eine andere Hilfsorganisation anbietet.

Hoffnungsloser Hotspot

Denn eine reguläre Schule gibt es nicht und wird es wohl bis auf weiteres nicht geben. Das Lager Moria ist konzipiert als Hotspot, meint: Übergangstation für die Ankommenden auf ihrem Weg weiter zum Festland und in die europäischen Aufnahmeländer. Dass Menschen länger dortbleiben, war nicht vorgesehen.

2015 kamen täglich bis zu tausend Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und dem Irak auf den griechischen Inseln Samos, Kos, Chios und eben Lesbos an. Vom Flughafen in Mytilini ist die Türkei gut sichtbar, nur 10 Kilometer schmal ist die Meerenge hier, weshalb der Strand unweit des Terminals im Höhepunkt der Flüchtlingskrise von vielen Booten angesteuert wurde und nach wie vor wird.

Auf der „Insel der Hoffnung“ (NZZ, 28.8.2015) kümmerten sich seinerzeit viele freiwillige Helfer um die Ankommenden, versorgten diese und halfen bei der Verteilung in die drei Lager Pikba, Karatepe und eben Moria. Während die Unterbringung im privat geführte Lager Pikba unweit des Flughafens als Hauptgewinn gelten durfte und darf, gilt Lesbos heute aufgrund der Zustände im Lager Moria vielen als „Traumainsel“ (Tagesspiegel, 4.1.2019).

Ursprünglich zur Unterbringung von 3.000 Menschen vorgesehen, müssen dort aktuell rund 18.000 Menschen ihr Leben fristen. Keine Schulen, kaum medizinische Versorgung, zu wenige sanitäre Anlagen für zu viele Menschen, keine funktionierende Infrastruktur, kurzum katastrophale Bedingungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Es ist kalt und zugig. Ein bisschen Strom liefern kleine Kollektoren auf den Zeltdächern, das warme Wasser für einen Tee besorge ihre Mutter irgendwo im Camp, berichtet Asila. Besonders die kalten Wintertage haben ihr zugesetzt, es gab kaum eine Gelegenheit, sich aufzuwärmen. Das Essen im Lager sei meist kalt und halbgar und ohnehin nicht ausreichend. Hinzu kommen überquellende Müllcontainer, Müll in der umliegenden Natur und in den Straßengräben, dazu ein Leben unter Plastikplanen und auf Paletten.

Die Würde wahren und auf die Barrikaden gehen

„Garbage people“ nennen einige Leute in Mytilini die Bewohner des Lagers, die den Gegebenheiten mit Stolz und Würde trotzen: In Moria riecht nur der Müll, alle achten auf ein gepflegtes Äußeres und saubere Kleidung. Es gibt kleine Friseurstuben und Barbiere, fliegende Händler bieten Waren feil und schaffen damit ein bisschen Normalität im tristen Alltag.

Träume hat hier kaum noch jemand, Europa und ein anderes Leben sind inzwischen ungefähr so erreichbar wie der Mond. Entsprechend ist die Stimmung, immer öfter schaffen sich Wut und Resignation Raum, die Selbstmordrate auch unter jungen Menschen ist hoch, in letzter Zeit kam es des Öfteren zu Unruhen wegen der schlechten Lebensbedingungen. Die hilflosen Appelle der griechischen Regierung an die anderen Mitglieder der Europäischen Union verhallen irgendwo zwischen Athen und Brüssel. Keiner weiß, wohin mit den Gestrandeten und täglich werden es mehr.

Bisher haben die Menschen im nahe gelegenen Mytillini die Veränderung im Stadtbild irgendwie hingenommen, sie haben sich beinahe an den Anblick der vielen Fremden in den Straßen gewöhnt, die jeden Tag unterwegs sind auf der Suche nach Brennholz, Brauchbarem und Perspektive. Aber im fünften Jahr ist es auch mit der bisherigen Gelassenheit der Inselbewohner vorbei, am 22. Januar fand auf allen ägäischen Inseln mit soggenannten Hotspots, also neben Lesbos auch Chios, Samos, Leros und Kos Generalstreiks und Massendemonstrationen statt, bei denen von griechischen Politikern gefordert wurde, endlich wie versprochen, zehntausende von Flüchtlingen aufs Festland zu bringen.

Die Gespräche wurden in englischer Sprache geführt. Mehr über das Bildungsprojekt Stand by me Lesvos findet sich auf der Homepage https://standbymelesvos.gr/

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