„Es gab da eine gewisse Faszination der Nazis für den Islam“

Mitglieder der 13. Division der Waffen-SS beim Gebet

„[E]inige führende Nazis, also allen voran Hitler und Himmler, waren vom Islam tatsächlich fasziniert. Und sie haben auch wiederholt ihre Sympathie für den Islam bekundet. Das heißt zum Beispiel: Wann immer Hitler während der Kriegsjahre die katholische Kirche kritisierte, verglich er sie gleichzeitig mit dem Islam als gewissermaßen positives Gegenbeispiel. Das heißt, während er den Katholizismus als schwache, verweichlichte Religion verurteilte, lobte er den Islam oft als starke, aggressive Kriegerreligion. Also, da gab es eine gewisse Faszination für den Islam. (…) [D]as NS-Regime versuchte nun zunehmend, Muslime zum Kampf gegen die angeblich gemeinsamen Feinde zu mobilisieren, also gegen das Britische Empire, die Sowjetunion, Amerika und die Juden. Der Grund für diese Politik war eben zunächst pragmatischer Natur, dass deutsche Truppen in vielen Gebieten, in denen sie eben nun kämpften, mit islamischen Bevölkerungen konfrontiert waren. (…)

[D]a die Zahlen sehr stark fluktuierten, haben wir keine statischen, klaren Zahlen. Aber es waren zu Hochzeiten etwa 250.000, also Zehntausende, die für die Wehrmacht und SS kämpften. Und interessant ist, dass diesen Rekruten umfassende religiöse Zugeständnisse gemacht wurden. Islamische Rituale und Praktiken, wie zum Beispiel das Gebet oder das Schächten, wurden in diesen Einheiten gestattet. Und das Schächten, das ist ein besonders klares Beispiel, dadurch, dass das Schächten eigentlich immer ein großes Thema der Antisemiten in Deutschland gewesen war. Seit dem 19. Jahrhundert gab es diese Schächt-Debatte, die natürlich gegen Juden gerichtet war. Und so kam es auch, dass in einem der ersten Gesetze des NS-Regimes 1933, das Reichstierschutzgesetz, das Schächten verboten wurde. 1941 wurde dieses Verbot dann aufgehoben, um Muslimen, die in der Wehrmacht und SS kämpften, das Schächten zu gestatten. (…)

Mitglieder der Waffen-SS-Division „Handschar“

Die deutschen Besatzer bauten Moscheen und Koranschulen wieder auf, die vorher zerstört worden waren, in der Hoffnung, so die Sowjetherrschaft zu unterminieren. Und – naja – das ist ein Phänomen, was wir überall sehen, also auch in anderen muslimischen Gebieten wurde so eine Islampolitik verfolgt. Das heißt, islamische Geistliche wurden zum Beispiel angeworben. Deutsche Propagandisten politisierten religiöse Texte, wie den Koran, oder religiöse Imperative, wie das Konzept des Dschihad, um Muslime zur religiösen Gewalt gegen die Alliierten anzustacheln. Und gleichzeitig wurden auch die deutschen Soldaten in diesen Kriegsgebieten angewiesen, Muslime gut zu behandeln. Und die Wehrmacht gab sogar 1941 dazu eine Tornisterschrift mit dem Titel ‚Der Islam‘ heraus, um die deutschen Soldaten im Umgang mit den Muslimen in den Kriegsgebieten zu instruieren.“ (Interview auf DLF mit David Motadel: „Für Führer und Prophet“. Motadel ist Autor des Buches: „Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich“)

Mehr zum Thema auf Mena Watch: „Manifestation der Judeophobie“. Über den Bludan-Kongress von 1937

 

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