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Erziehung zum Hass (Teil 3): Kein Frieden, keine Koexistenz

Schritt im Friedensprozess: vor der Unterzeichnung des sog. Oslo-II-Abkommens in Washington am 28. September 1995. Von links nach rechts: König Hussein von Jordanien, Israels Premier Jitzchak Rabin, US-Präsident Bill Clinton, PLO-Chef Jassir Arafat, Ägyptens Präsident Hosni Mubarak. (© imago images/MediaPunch)
Schritt im Friedensprozess: vor der Unterzeichnung des sog. Oslo-II-Abkommens in Washington am 28. September 1995. Von links nach rechts: König Hussein von Jordanien, Israels Premier Jitzchak Rabin, US-Präsident Bill Clinton, PLO-Chef Jassir Arafat, Ägyptens Präsident Hosni Mubarak. (© imago images/MediaPunch)

In den seit 2016 neu aufgelegten palästinensischen Schulbüchern  sind Hinweise auf den Friedensprozess und auf anzustrebende Koexistenz verschwunden.

Die Schaffung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) erfolgte im Zuge des sogenannten Oslo-Friedensprozesses, der 1993 mit der Unterzeichnung der »Prinzipienerklärung über eine vorübergehende Selbstverwaltung« und dem berühmten Händedruck von Israels Premier Jitzchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat vor dem Weißen Haus in Washington auf den Weg gebracht wurde. Mit der PA entstand zum ersten Mal in der Geschichte eine palästinensische Selbstverwaltung in einem Teil der von den Palästinensern beanspruchten Gebiete.

Seit mehr als zwanzig Jahren werden Schüler im Einflussbereich der PA mithilfe von Schulbüchern unterrichtet, die von der PA auf der Basis ihrer eigenen Lehrpläne erstellt werden. Im Laufe der Jahre wurden diese Schulbücher zum Teil umfangreich überarbeitet, doch das leider nicht zum Besseren. Wie sich insbesondere anhand der Darstellung des Friedensprozesses mit Israel zeigt, hat seit dem Jahr 2016 vielmehr eine deutliche Verschlimmerung der dargebotenen Inhalte stattgefunden. Das Institute for Monitoring Peace and Cultural Tolerance in School Education (IMPACT-se), das seit vielen Jahren u. a. auch palästinensische Schulbücher analysiert, spricht in diesem Zusammenhang von einem »Quantensprung rückwärts in Richtung Radikalisierung der Lehrbücher«.

Ein großes schwarzes Loch

In den ersten beiden Teilen dieser Serie haben wir erstens herausgearbeitet, wie jüdische Geschichte in palästinensischen Schulbüchern höchst verzerrt und einseitig dargestellt sowie jeder historische Bezug der Juden zu Israel/Palästina bestritten und wie zweitens die bloße Existenz Israels praktisch geleugnet wird – der jüdische Staat wird stattdessen mit allerlei abwertenden Bezeichnungen versehen und umfassend dämonisiert.

Schon hier hat sich gezeigt, dass über die Jahre der Trend deutlich in Richtung einer zunehmenden Radikalisierung weist: Früher durchaus vorhandene Passagen, in denen weniger verzerrte und einseitige Inhalte vermittelt und für gegenseitige Toleranz geworben wurde, sind im Zuge von Überarbeitungen der Lehrmaterialien aus den Büchern entfernt worden. Das hatte auch massive Auswirkungen auf einige der Kernpunkte, um die es in schulischer Erziehung und Wissensvermittlung gemäß internationalen Qualitätskriterien gehen sollte: die Erziehung zum Frieden und die Vermittlung gewaltfreier Wege der Konfliktlösung.

Eine Analyse der heute verwendeten palästinensischen Schulbücher im Hinblick auf diese Fragen ist schnell erledigt: Es gibt keine Erziehung zum Frieden, von Gewaltfreiheit und dem Streben nach gegenseitiger Toleranz ist schlicht nicht mehr die Rede. Gelehrt wird stattdessen die Notwendigkeit des unermüdlichen Kampfes gegen den »zionistischen Besatzer«, die Verherrlichung von Gewalt und die Lobpreisung von Dschihad und Märtyrertum in Diensten der »Befreiung Palästinas«, das immer schon arabisch gewesen sei und in Zukunft auch wieder sein werde.

Eliminierung des Friedensprozesses

Die zunehmende Radikalisierung wird deutlich, wenn man sich ansieht, was früher noch über den Friedensprozess mit Israel zu finden war, heute aber fast spurlos aus den Schulbüchern verschwunden ist. IMPACT-se hat eine seiner Veröffentlichungen diesen eliminierten Stellen gewidmet.

In den aktuellen palästinensischen Schulbüchern bleibt der Friedensprozess bevorzugt unerwähnt. Statt ihn als bilaterales und auf Kooperation aufbauendes Unterfangen zu beschreiben, sieht man ihn lieber als etwas, das die Palästinenser Israel aufgezwungen hätten. So sei etwa die Anerkennung der PLO durch Israel und ihre »Rückkehr« ins Westjordanland und den Gazastreifen 1994 nicht etwa das Ergebnis von Übereinkommen zwischen den Konfliktparteien gewesen, sondern etwas, zu dem die Palästinenser die »zionistische Besatzung« mit der Gewalt im Zuge der sogenannten »ersten Intifada« gezwungen hätten. (Geografie und moderne Geschichte Palästinas, 10. Klasse, Teil 2, 2019, S. 29)

Der Friedensprozess selbst wird nur ein einziges Mal erläutert. In dem betreffenden Kapitel des Buchs Moderne und zeitgenössische Geschichte Palästinas (10. Klasse, Teil 2, 2019 S. 76 ff.) finden sich u. a. Auszüge aus dem Brief, den PLO-Chef Jassir Arafat am 9. September 1993, vier Tage vor der Unterzeichnung der »Prinzipienerklärung« (dem sogenannten Oslo-I-Abkommen) an Israels Premier Jitzchak Rabin schrieb. Darin erkannte Arafat »das Recht des Staates Israel an, in Frieden und Sicherheit zu existieren«, und er bekannte sich zum Friedensprozess sowie zu einer friedlichen Lösung des Konflikts.

Selbst das Georg-Eckert-Institut kommt nicht umhin, in seiner von der EU in Auftrag gegebenen Studie über palästinensische Schulbücher festzustellen, dass diese Zitate zahlreichen Stellen (in diesem und etlichen anderen Büchern) widersprechen, die Israel jegliche Legitimität absprechen. Zudem wurde in früheren Auflagen dieses einen Schulbuchs noch aus dem Brief zitiert, dass die PLO »in der Unterzeichnung der Prinzipienerklärung ein historisches Ereignis [sieht], den Beginn einer neuen Ära der Koexistenz in Frieden und Stabilität, einer Ära ohne Gewalt«. In der heute verwendeten Überarbeitung des Buches ist dieses Bekenntnis zu Koexistenz und Gewaltfreiheit genauso verschwunden wie Arafats Zusicherung, dass die PLO alles unternehmen werde, um gewalttätige Aktionen ihrer Mitglieder zu unterbinden.

Neu ist auch, dass der Name des Staates Israel in den heutigen Schulbüchern stets in Anführungszeichen gesetzt wird, womit unterstrichen wird, dass die Legitimität des Staates infrage gestellt wird.

Nach Oslo?

Immerhin wird das erste Oslo-Abkommen (in diesem einen Buch) überhaupt noch erwähnt. Nach allen weiteren Abkommen und Vereinbarungen, die zwischen Israel und der PLO in den Jahren nach 1993 getroffen wurden, sucht man vergeblich. Nichts findet sich über das sogenannte Gaza-Jericho-Abkommen von 1994, dem die Palästinensische Autonomiebehörde immerhin ihre Existenz verdankt; das Interimsabkommen über das Westjordanland und den Gazastreifen von 1995 (oft auch Oslo-II-Abkommen oder Abkommen von Taba genannt), mit dem das Westjordanland in drei Zonen mit unterschiedlichen Zuständigkeiten geteilt wurde und seit dem über 90 Prozent der Palästinenser unter palästinensischer Kontrolle leben; das Hebron-Protokoll von 1997, mit dem geteilte Zuständigkeiten in der größten Stadt des Westjordanlands geregelt wurden, oder das Wye-Abkommen von 1998, das einen weiteren israelischen Teilabzug und die Übertragung zusätzlicher Gebiete in die Verwaltung der PA beinhaltete.

Früher wurden die Schüler sehr wohl über diese Eckdaten des Friedensprozesses unterrichtet. In einem Lehrbuch (Nationale Erziehung, 10. Klasse, 2012, S. 52) wurden sie beispielsweise aufgefordert, drei der Abkommen zu nennen, die Kernpunkte der Prinzipienerklärung zu erläutern, die Inhalte des Taba-Abkommens zu beschreiben, und anzuführen, auf welchen Gebieten die Vereinbarungen der Prinzipienerklärung zuerst umgesetzt wurden. Auf Basis dessen, was den Schülern heute vermittelt wird, könnten sie diese Fragen unmöglich beantworten.

Auch internationale Bemühungen im Friedensprozess werden von heutigen palästinensischen Schulbüchern, im Gegensatz zu früheren Ausgaben, konsequent verschwiegen. In ihnen gibt es weder die Friedensverhandlungen in Camp David unter der Schirmherrschaft von US-Präsident Bill Clinton (2000) noch die »Roadmap to Peace« des sogenannten Nahost-Quartetts (2003) oder die Annapolis-Konferenz unter US-Präsident George W. Bush (2007).

Totgeschwiegen wird darüber hinaus auch der Friedensvertrag zwischen Israel und Jordanien, der 1994 als Folge des Friedensprozesses geschlossen wurde. Nicht verschwiegen wird dagegen der ägyptisch-israelische Friedensvertrag von 1979 – um Ägypten für den Friedensschluss zu kritisieren.

Friede? Allgemein ja, aber nicht mit Israel

Dass der Friedensprozess heute in den palästinensischen Lehrbüchern fast nicht mehr vorkommt und dessen Erörterung in früheren Ausgaben gestrichen wurde, ist die Konsequenz der simplen Tatsache, dass Frieden oder auch nur Koexistenz mit Israel schlicht kein angestrebtes Ziel der palästinensischen Führung (mehr?) ist. Friede wird zwar als ein Ideal präsentiert, aber nur in einem ganz allgemeinen Sinn und nicht mit Bezug auf Israel und den palästinensisch-israelischen Konflikt. Genauso, wie es Bekenntnisse zu universellen Menschenrechten und zu religiöser Toleranz gibt, aber diese Werte an den entsprechenden Stellen nie mit Israel in Verbindung gebracht werden: Israelis haben keine Menschenrechte, und Toleranz gibt es ihnen gegenüber nicht.

Dass der Konflikt mit Israel auf friedlichem Wege durch die Verwirklichung einer Zweistaatenlösung beendet werden könnte, existiert in den aktuellen Schulbüchern nicht. Statt auf Verhandlungen und Kooperation zu setzen, wird die Notwendigkeit des Kampfes gegen den umfassend dämonisierten »zionistischen Besatzer« bis zur vollständigen »Befreiung« Palästinas gelehrt. Alternativen dazu kommen nicht vor.

Glorifizierung von Gewalt und Märtyrertum

Die Befürwortung des Kampfes beinhaltet die Glorifizierung von Terror und Gewalt. Terroristen, die zahlreiche unschuldige israelische Zivilisten ermordet haben, werden als glorreiche Vorbilder präsentiert. (Mehr dazu nächste Woche in Teil 4 dieser Serie). Der Dschihad für die »Befreiung Palästinas« wird als »persönliche Pflicht jedes Moslems« charakterisiert (Islamische Erziehung, 10. Klasse, Teil 1, 2020, S. 72). Im Kampf gegen Israel gestorbene »Märtyrer« werden ausgiebig gepriesen, ja, der Tod im Kampf sei einem angenehmen Leben vorzuziehen. In einem Arabisch-Lehrbuch ist zu lesen:

»Wir sind stolz auf sie, wir besingen ihre Wunder, wir studieren ihren Weg, wir geben unseren Kindern ihre Namen, wir benennen unsere Straßen und Plätze und die kulturellen Stätten nach ihnen. (…) (J)eder von uns wünscht, so zu sein wie sie. (…) Sie haben die Menschen gelehrt, dass es viel süßer ist, ruhmreich den bitteren Kelch zu trinken, als ein langes, angenehmes Leben voller Demütigung zu führen. Sie haben der Nation eine glanzvolle Geschichte gegeben. Sie sind die Helden.« (Arabische Sprache, 5. Klasse, Teil 1, 2020, S. 15)

Im Kampf getötete Märtyrer seien gar nicht wirklich tot. Wer bei der Verteidigung seiner Religion und seines Landes falle, der führe ein Leben an der Seite Allahs, denn Gott betrachte den Märtyrertod als eine besonders herausragende Leistung. (Islamische Erziehung, 12. Klasse, 2020, S. 16) Der bewaffnete Kampf gegen Israel sei das »natürliche« und »legitime« Recht der Palästinenser im Kampf gegen die »Okkupation«. (Sozialkunde, 9. Klasse, Teil 1, 2020, S. 43)

Fazit

Wie aus den Ausführungen mühelos ersichtlich wird, wäre es geradezu verharmlosend, würde man den aktuellen palästinensischen Schulbüchern bloß attestieren, UNESCO-Standards im Hinblick auf eine Erziehung zu friedlichen Konfliktlösungsmechanismen und zur gegenseitigen Toleranz nicht zu entsprechen – sie stehen zu diesen vielmehr in fundamentalem Widerspruch.

Was einst über den Friedensprozess mit Israel zu finden war, ist in den Überarbeitungen der Lehrbücher seit 2016 fast restlos verschwunden. Friede mit Israel ist kein erstrebenswertes Ziel, ein Leben Seite an Seite mit dem jüdischen Staat wird praktisch ausgeschlossen. Gepriesen werden stattdessen der (auch bewaffnete) Kampf, der Dschihad für die »Befreiung Palästinas« und das Märtyrertum.

Statt einer Erziehung zu Frieden und Toleranz erfahren palästinensische Schüler das glatte Gegenteil: eine Erziehung zu Hass und Gewalt gegen Israel.

Bisher erschienen:

Prolog: Erziehung zum Hass: Eine Mena-Watch-Analyse palästinensischer Schulbücher
Teil 1: Die Darstellung von Juden und jüdischer Geschichte
Teil 2: Israel wird zugleich geleugnet und dämonisiert

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