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Erste-Hilfe-Set für Lehrkräfte gegen Antisemitismus in Schulen

Gunda Trepp und Nikoline Hansen bei der Vorstellung der Broschüre »Fakten statt Fake«
Gunda Trepp und Nikoline Hansen bei der Vorstellung der Broschüre »Fakten statt Fake« (© Margrit Schmidt)

Die Broschüre Fakten statt Fake. Was ist los im Nahen Osten? liefert fundierte Antworten auf juden- und israelfeindliche Behauptungen in deutschen Klassenzimmern.

»Die Lehrkräfte wissen über den Nahen Osten teilweise so wenig wie die Schüler«, sagte die Juristin und Autorin Gunda Trepp bei der Buchvorstellung von Fakten statt Fake: Was ist los im Nahen Osten? im vergangenen Dezember in Berlin. Deswegen soll ihnen die rund achtzig Seiten umfassende Broschüre im handlichen A5-Format dabei helfen, schnell und fachlich auf antisemitische Sprüche ihrer Schüler zu reagieren.

Auf Grundlage vieler Gespräche mit Lehrenden sei eine Sammlung der zwölf häufigsten antisemitischen Äußerungen von Schülern entstanden, so die beiden Herausgeberinnen Gunda Trepp, Vorsitzende der Leo Trepp-Stiftung, und Paula Ranft, stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg. In zwölf Kapiteln erklärt das Handbuch, warum die Sprüche als judenfeindlich einzuordnen sind und mit welchen Informationen sie entkräftet werden können.

Trepp liefert zum Beispiel aufklärende Fakten zu folgenden antisemitischen Aussagen: »Israel begeht einen Genozid an den Palästinensern«, »Israel ist ein Apartheidstaat, in dem Muslime keine Rechte haben«, »Yallah, yallah Intifada«, »Israel ist ein (weißer) Kolonialstaat« oder »Juden sollen wieder dahin zurück, wo sie herkommen«. Zu weiteren Aussagen schreiben unterschiedliche Antisemitismus-Experten.

Deutlich verschärft

Entstanden ist ein leicht zu lesendes Büchlein, das wissenschaftliche Fakten in einfacher Form herunterbricht. Es verarbeitet den komplizierten Stoff so, dass Lehrkräfte ihn direkt einsetzen können. »Das ist nicht unbedingt eine Materie, mit der sich jeder auseinandersetzen will«, so Trepp. »Deswegen haben wir so geschrieben, dass Leute es auch gerne lesen und vor allem verstehen.« Es sei kein Lehrwerk, obgleich sämtliche Informationen belegt seien. Neben große Abbildungen enthält jedes Kapitel einen Kasten mit der Überschrift »Was sie sagen«, der die antisemitischen Aussagen ausführlicher auflistet, die entkräftet werden sollen.

Bei ihren Besuchen in Schulen nach dem 7. Oktober 2023 konnte Trepp feststellen, wie schwierig es ist, an die Kinder heranzukommen. Sie habe aggressive Blicke oder demonstrative Gleichgültigkeit erlebt, aber auch solche, die mit ihr ins Gespräch kommen wollten. Ihr gehe es vor allem um die Mehrheit der schweigenden Jugendlichen, die noch durch Fakten zu erreichen seien.

Der als Israelkritik getarnte Antisemitismus an Schulen sei nicht neu, erklärt Ranft, habe sich aber nach dem 7. Oktober 2023 deutlich verschärft. Aggressive Schüler kämen mit Palästina-Flaggen in die Schule, hetzten gegen Israel und fühlten sich unverstanden, weil ihre Symbole verboten würden. Jüdische Kinder trauten sich aus Angst nicht mehr in die Schule; verunsicherte Lehrkräfte wüssten nicht, wie sie damit umgehen sollten. Oft werde israelbezogener Antisemitismus mit legitimer Kritik an israelischer Politik verwechselt, wie man sie auch gegenüber anderen Staaten äußere. Antisemitisch sei jedoch die Delegitimierung des einzigen jüdischen Staates.

In solchen Fällen rät Ranft Lehrkräften zu »klaren Ansagen«. Die Jugendlichen müssten sofort verstehen, dass diese Form von Antisemitismus keinen Platz in deutschen Klassenzimmern habe. Rote Linien müssten schnell gezogen werden – etwa mit der Erklärung, dass die Parole »From the river to the sea, Palestine will be free« die vollständige Auslöschung Israels vom Jordan bis zum Mittelmeer bedeutet.

Trepp berichtet von einem etwa zwölfjährigen Schüler, der in einer vollgefüllten Aula während der Fragerunde sagte: »Ich weiß nicht, warum Sie über den 7. Oktober so traurig sind, jeder weiß doch, dass das ›gestaged‹ war.« Sie habe geantwortet: »Was für ein Blödsinn, wo hast du das her?« Der Schüler habe auf TikTok verwiesen. Dort wüssten es alle. Trepp diskutierte eine Weile mit ihm und brach das Gespräch schließlich ab mit dem Hinweis, es sei den anderen gegenüber unfair, da er gar nicht zuhöre, sondern nur sich selbst reden hören wolle.

Viele Jugendliche wüssten nicht, wie Algorithmen in sozialen Medien funktionieren und sie dazu führen, immer wieder auf Seiten mit denselben Behauptungen zu landen. Diese Blase sei gefährlich, weil sie mit Diskussion, Auseinandersetzung oder dem Versuch, den anderen zu verstehen, nichts zu tun habe. Den meisten Erwachsenen sei das bewusst, den Jugendlichen leider nicht. Deshalb sei es wichtig, Lehrkräfte zu erreichen, auch wenn sie den »total undankbaren Job« hätten, diese Themen aufgreifen zu müssen.

Hinzu kommt, dass auch manche Eltern und einige Geistliche hasserfüllte Bilder weitertragen. Dennoch bleibe keine andere Lösung, als das Gespräch zu suchen, denn diese Schülerinnen und Schüler seien die zukünftigen Wähler.

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Fake statt Fakten

Nicht nur der tief verwurzelte Antisemitismus sei in diesen Fällen ein Problem, sondern auch undemokratisches Denken und eine Widerstandsfähigkeit gegen jede sachliche Diskussion, die zur Selbstreflexion führen könnte. Dennoch lohne es sich, junge Menschen mit Fakten aus dem Nahen Osten zu konfrontieren, die ihnen nicht vertraut sind. Dazu soll die Broschüre beitragen. Ein Kapitel liefert auf drei Seiten klare, entkräftende Fakten gegen die verschwörungsideologische Behauptung, der 7. Oktober 2023 sei von Israel inszeniert worden.

Auf den von Amnesty International erhobenen Vorwurf eines Genozids durch Aushungern geht Trepp ausführlich ein. Als im März und April 2025 die Nahrungsmittellieferungen gestoppt wurden, seien die Netanjahu-Regierung und zahlreiche Experten davon ausgegangen, dass noch genügend Vorräte im Gazastreifen vorhanden seien, um die Bevölkerung für einige Monate zu versorgen. Ziel sei gewesen, die Hamas unter Druck zu setzen, die zu diesem Zeitpunkt noch rund fünfzig Geiseln gefangen hielt.

Viele Israelis kritisierten diese Entscheidung ebenso wie Trepp, die sie als »wirklich unverantwortlich und dumm« bezeichnet, jedoch nicht als Ausdruck einer Absicht, einen Genozid zu begehen. Klüger wäre es ihrer Ansicht nach gewesen, den Gazastreifen mit Nahrung zu fluten, damit die Hamas nicht mehr alles plündern und teuer weiterverkaufen könne. Es hätte der Regierung klar sein müssen, dass die Hamas nicht aus Empathie gegenüber der Bevölkerung Vorräte freigeben würde.

Tatsächlich hätten viele Menschen gehungert. Der Aufruf einer akuten Hungersnot durch die Integrated Food Security Phase Classification (IPC) im August 2025 basiere jedoch auf Kriterien, die »zum ersten Mal in der Geschichte des Systems nach unten geschraubt worden waren«. Jedes hungernde Kind sei eines zu viel, so Trepp und betont, dass dies auch die deutliche Mehrheit der Israelis so sehe. Doch es seien die Terroristen gewesen, welche die Bevölkerung bewusst hätten leiden lassen, wie die nach dem Waffenstillstand entdeckten Vorräte an gehorteter Säuglingsnahrung bewiesen.

Ab Mai habe Israel wieder Nahrungsmittel geliefert, obwohl befürchtet wurde, dass von den UN betriebene Hilfsorganisationen teilweise innerhalb der Hamas-Strukturen agierten. Von den UN unterstützte Lieferungen hätten nur rund zwölf Prozent der Bevölkerung erreicht, so Trepp, der Rest sei zuvor geplündert worden. Die von Amnesty International erhobene Anschuldigung sei daher »unbegründet und haltlos«.

Viele der während des Kriegs verbreiteten Fakten und Bilder seien »weder gute Wissenschaft noch guter Journalismus« gewesen, blieben aber dennoch in der Leser- und Hörerschaft sowie bei Kindern haften. Alles finde schließlich seinen Weg zu TikTok und anderen soziale Medien. Würden andere Stimmen systematisch nicht gehört, stimme etwas nicht.

Trepp, die sich politisch auf der linksliberalen Seite verortet, möchte Lehrkräften Mut machen, sich an den Fakten der Broschüre zu orientieren. Es lohne sich. Sie und ihr Team aus der Leo Trepp-Stiftung besuchten regelmäßig Schulen und stünden für Terminanfragen zur Verfügung.

Diskussion notwendig

Die Autorin betonte außerdem, nicht nach Menschen zu suchen, die ständig mit ihr übereinstimmten – das sei ohnehin langweilig. Andere Meinungen seien wichtig, antisemitische Haltungen jedoch nicht. Man könne der Meinung vieler Jüdinnen und Juden inklusive ihr selbst sein, dass die aktuelle israelische Regierung mit zwei ultrarechten Ministern die falsche sei, dagegen protestieren, Netanjahu »auf den Mond wünschen« und Siedlergewalt klar benennen. Auch Kriegsverbrechen, die es wie in jedem Krieg mit hoher Wahrscheinlichkeit gegeben habe, würden in Israel wie in jeder Demokratie verfolgt. Die Gerichte zögen die Verantwortlichen zur Rechenschaft, über entsprechende Verfahren werde künftig berichtet werden.

Lehrkräften empfiehlt sie außerdem, so nahe wie möglich an der Sprache und den Medien der Jugendlichen zu bleiben und sich über aktuelle Entwicklungen zu informieren, etwa mit guten Podcasts. Dazu gehörten beispielsweise »Ask Haviv Anything« mit dem israelischen Journalisten Haviv Rettig Gur oder die verschiedenen Podcasts der Times of Israel. Auch die Stimmen von moderaten Palästinensern wie Ahmed Fouad Alkhatib zu hören, sei sinnvoll.

In der anschließenden Diskussion wurde thematisiert, dass manche Lehrkräfte oder Schulleitungen Fortbildungen zum Thema Antisemitismus benötigten, jedoch wenig Interesse zeigten. Trepp plädierte dafür, jüdisches Leben und Denken sowie die Entstehung des Staates Israel als Pflichtbestandteile in das Curriculum der Lehrkräfteausbildung aufzunehmen. Fehlinformationen und Stereotype zu diesen Themen seien der Nährboden für Antisemitismus. An der Universität Kiel laufe ein Projekt, bei dem Studenten ab dem kommenden Sommer eine höhere Punktzahl erhalten, wenn sie ein entsprechendes Seminar belegen. Die Lehrkräfte selbst sieht Trepp als den entscheidenden Hebel, um unter Jugendlichen etwas zu bewegen.

Die Broschüre ist hier herunterzuladen oder zu bestellen unter: info@leotrepp.org. Weitere Materialien für die Jugendarbeit finden sich hier.

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