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Erst kommt das Gas, dann kommt die Moral

Deutschlands wirtschaftsminister musste wegen seines Auftritts in Katar, Kritik über sich ergehen lassen
Deutschlands wirtschaftsminister musste wegen seines Auftritts in Katar, Kritik über sich ergehen lassen (© Imago Images / Frank Ossenbrink)

Indem Deutsche und Österreicher nun um Gas aus Katar betteln, beweisen sie, wie wenig ihre Werte wert sind.

Es war eine tiefe, sehr tiefe Verbeugung, mit der Deutschlands Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) dieser Tage Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani, dem Handelsminister des Gas-Emirates Katar, seinen Respekt bezeugte.

»Demütig« nannte die Bild Zeitung mit feinem Gespür für Details die Geste des Deutschen, die österreichische Medienkonsumenten frappant an jenen Knicks erinnert, mit dem einst Österreichs Außenministerin Karin Kneissl bei ihrer Hochzeit einen gewissen Wladimir Putin erfreute.

Dass Katar für deutsche – und übrigens auch österreichische – Energiepolitiker plötzlich zu einem Gas-Dorado wird, dessen Herrschern man sich so zu nähern hat, wie es sich das für Bittsteller geziemt, hat einen simplen und banalen Grund.

Nach Jahrzehnten, in denen beide Staaten gezielt eine Politik betrieben haben – Stichwort Energiewende, Stichwort Atomausstieg, Stichwort Klimaschutz –, die zwingend in einer hohen Abhängigkeit von Russland mündete, kommen die Verantwortlichen nun drauf, dass sie von Russland abhängig sind.

Nun weiß man, dass Weihnachten immer überraschend kommt, mit der plötzlich als peinlich empfundenen Abhängigkeit von Moskau verhält es sich so ähnlich.

Also soll nun Gas aus Russland durch Gas aus Katar ersetzt werden, denn schließlich solle ja nicht mit dem Geld der deutschen oder österreichischen Energieverbraucher »der Krieg Putins gegen die Ukraine finanziert« werden, wie es nun Konsens der politischen Klasse ist.

Weniger stark erörtert wird in der Öffentlichkeit hingegen, wen oder was der hiesige Gas-Verbraucher eigentlich finanziert, wenn er in Hinkunft bei den Kataris einkauft.

Großsponsor des Islamismus

Zwar pflegen die Kataris nicht wie heute Russland mit Panzern, Raketen und Kampfflugzeugen über ihre Nachbarn herzufallen, dafür haben sie einen soliden Track-Record, was die Finanzierung islamistischer Terrorgruppen aller Art betrifft. Thomas Eppinger bilanzierte im Jahr 2017:

»In Syrien fördert Katar islamistische Milizen, immer wieder kommen auch Vorwürfe auf, das Golfemirat würde auch die al-Nusra-Front, den dortigen Al-Qaida Ableger, unterstützen und habe im Irak den Aufstieg des IS befördert.

In Ägypten unterstützen die al-Thanis die Muslimbruderschaft, in Libyen finanzierten sie Ansar al-Scharia.

Vor allem gehört Katar zu den wichtigsten Geldgebern der Hamas. In fast jedem nennenswerten Projekt im Gaza-Streifen dürfte Geld aus Katar stecken. Viele namhafte Hamas-Funktionäre leben in Doha, und Experten gehen davon aus, dass Katar auch anderen islamischen Terroristen einen sicheren Unterschlupf bietet.

Neben dem Iran gehört Katar zweifellos zu den Großsponsoren des militanten Islamismus.«

Dass sich diese Investitionen des Emirats in den globalen Islamismus seither in Entwicklungshilfe zugunsten feministischer Initiativen in der arabischen Welt gewandelt haben, ist nicht sehr wahrscheinlich, auch wenn die Kataris heute etwas diskreter vorgehen. Die Muslimbruderschaft etwa wollen sie, anders als die meisten ihrer arabischen Nachbarn, bis heute nicht als Terrororganisation bezeichnen.

Deshalb muss man davon ausgehen, dass das Geld der europäischen Energieverbraucher für Katar politische Ambitionen fördert, die den Werten und Interessen des Westens diametral gegenüberstehen. Der Unterschied zu Russland mag graduell sein – prinzipiell ist er es nicht.

Das grundsätzliche Problem des Westens ist die unerfreuliche Marotte von Erdöl und Erdgas, überwiegend in Gegenden vorzukommen, deren politische Systeme sie zu peinlichen Handelspartnern macht.

Daraus kann man eigentlich nur zwei Schlüsse ziehen: Entweder als europäisches Land eine nicht gefühls-, sondern faktenbasierte Energiepolitik zu betreiben, etwa mithilfe von Kernenergie, aber auch von Fracking sowie dem (teureren) Erschließen von Gas- und Ölquellen in politisch weniger problematischen Gegenden, um unabhängiger von Schurken-Staaten zu werden.

Oder: Seinen eigenen überschießenden Komfortbedarf überall dort decken, wo billig und ausreichend angeboten wird. Kann man machen, aber dann sollte man tunlichst nicht Moral und Erdgas verquicken. Das ist nämlich etwas albern.

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