Erdogans Versuch der Etablierung eines muslimischen Nationalismus

„Anfang des Jahres hat die Türkei ihr streng gehütetes Einwohnerregister, ein monumentales Archiv, das Abstammungen bis in die Zeit der Osmanen zurückverfolgt, geöffnet. Auf einer Webseite, die Zugang zu allen öffentlichen Diensten in der Türkei bietet, gibt es jetzt auch einen genealogischen Tab. Dort können Nutzer Dokumente zu ihrer Abstammung herunterladen. Die Unterlagen reichen bis 1882 zurück. Seit der Inbetriebnahme des neuen Dienstes haben Wurzeln, Migration, Reinheit und Hybridität die Diskussionen in WhatsApp-Gruppen, Büros und Teestuben bestimmt. Im Laufe von nur zwei Tagen begaben sich mehr als fünf Millionen Türken auf der Webseite auf die Suche nach ihren Vorfahren. Das Interesse war so stark, dass die Webseite nach wenigen Stunden abstürzte. (…) Die genealogischen Informationen dürfen nur privat genutzt werden. Sie demonstrieren, wie penibel der türkische Staat den Personenstand seiner Bürger in den letzten zwei Jahrhunderten verzeichnet hat (…)

Unter Erdogan ist die auf ‚reinem Türkentum’ basierende nationale Identität allmählich durch den muslimischen Nationalismus der Jungen Osmanen ersetzt worden. (…) Dem Zeitpunkt der Zugänglichmachung der genealogischen Daten liegt in der Tat ein politisches Kalkül zugrunde. Angesichts der türkischen Militäroperation im nordsyrischen Afrin und der im kommenden Jahr anstehenden Präsidentschaftswahl hofft die Regierung darauf, den muslimischen Nationalismus als zentrale türkische Identität konsolidieren zu können. Es geht der AKP darum klarzustellen, dass der muslimische Nationalismus sich vom republikanischen unterscheide: Infolge der neuerlichen Umarmung des Islam habe der Staat nun genügend Selbstvertrauen, um seinen Bürgern den Zugang zu Informationen über ihre Abstammung zu gestatten. Türkische Bürger können auf ihre Herkunft und Wurzeln stolz sein und darin sogar eine Begründung für die Außenpolitik der türkischen Regierung erblicken. Die verstaubten Register in den Archiven sollen die Türken nicht nur an die Diversität ihrer Vorfahren erinnern, sondern auch an das Ausmaß des Osmanischen Reichs, das einst Gebiete auf drei Erdteilen umfasste.“ (Kaya Genc: „Who Is a Turk? It’s Complicated“)

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