Die türkische Influencerin und Studentin Türkü Avci lebt in Jerusalem. Im Mena-Talk spricht sie mit Jasmin Arémi über Antisemitismus in der Türkei, die Ambivalenz der türkisch-israelischen Beziehungen und den Preis öffentlicher Haltung.
Die türkische Journalistin und Influencerin Türkü Avci lebt und studiert in Jerusalem. Aufgewachsen ist sie in einer politisch linken, zugleich religiös geprägten Familie in der Türkei. Israel war für sie früh ein Thema, allerdings eines, das stark emotionalisiert und selten differenziert behandelt wurde. Dass sie ihr Politik- und Journalismusstudium schließlich nach Jerusalem verlegte, war eine bewusste Entscheidung. Sie habe die Realität mit eigenen Augen sehen wollen, jenseits der Narrative, die in ihrem Umfeld dominierten.
Als sie nach Israel kam, traf sie auf Menschen aus allen politischen Lagern. Auf Israelis wie Palästinenser, Linke wie Rechte. Spätestens der 7. Oktober 2023 und der darauffolgende Krieg veränderten ihren Blick noch einmal nachhaltig. Die Erfahrungen dieser Zeit hätten ihre Positionen nicht aufgehoben, aber komplexer gemacht. Sie entwickelten sich weiter durch die unmittelbare Konfrontation mit den politischen Realitäten.
Öffentlich äußert sich Avci seitdem regelmäßig zu Antisemitismus, zur israelischen Demokratie und zu Minderheitenrechten. Dass dies Konsequenzen für sie haben könnte, war ihr bewusst. »Als ich am 7. Oktober geschrieben habe, dass die Hamas eine Terrororganisation ist, wusste ich: Von diesem Moment an gibt es kein Zurück«, sagt sie. Die Entscheidung, offen Stellung zu beziehen, beschreibt sie selbst als »One-Way-Ticket«.
Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Vor allem in sozialen Medien wird Avci immer wieder angefeindet, insbesondere aus der Türkei und anderen muslimisch geprägten Ländern. Die Angriffe reichen von Beschimpfungen bis zu Verschwörungstheorien, teilweise unter Einbeziehung ihrer Familie. Im »analogen« Alltag, betont sie, spiele sich das kaum ab; die Aggression bleibe meist digital. Bereut habe sie ihre Entscheidung dennoch nicht. »Ich habe mich bewusst entschieden, und das war richtig.« Die Anfeindungen bestätigten sie in ihrer Arbeit, weil sie zeigten, wie notwendig es sei, diese Themen weiterhin öffentlich zu benennen.
Erneuerung notwendig
Besonders deutlich wird die Studentin, wenn sie über den Antisemitismus in der Türkei spricht. Dieser sei tief in der Gesellschaft verwurzelt und habe sich nach dem 7. Oktober 2023 zusätzlich verschärft. Türkische Medien verbreiteten antisemitische und verschwörungsideologische Inhalte, die sich nicht nur gegen Israel, sondern gegen Juden insgesamt richteten. »Das wird zur Normalität, und genau das ist gefährlich«, warnt sie.
Auch die widersprüchlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Israel ordnet Avci klar ein. Präsident Erdoğan instrumentalisiere die Palästina-Frage gezielt, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Israel fungiere als Feindbild, das seine Macht stabilisiere. Gleichzeitig blieben wirtschaftliche Kooperationen bestehen, etwa in den Bereichen Energie, Handel und Tourismus. Diese Doppelmoral sei kein Widerspruch, sondern politisches Kalkül.
Gegenstimmen in der Türkei gebe es durchaus: Menschen, die sich gegen Antisemitismus positionierten. Wer jedoch Israel verteidige, werde schnell als Verräter diffamiert. Trotzdem seien diese Stimmen, gerade mit Blick auf die Zukunft, wichtig. Notwendig sei vor allem eine grundlegende demokratische Erneuerung. Die Türkei brauche einen funktionierenden Rechtsstaat und Pressefreiheit; die Freilassung inhaftierter Journalistinnen und Journalisten müsse vorangetrieben werden. Erst dann könne sich auch der Blick auf Israel verändern. »Wenn wir verstehen, dass die Hamas die Bedrohung ist und nicht Israel, kann sich etwas bewegen«, sagt Avci.
In Israel selbst erfährt sie viel Unterstützung. Türkü Avci erhalte zahlreiche Nachrichten von Menschen, die ihre Arbeit schätzten und ihr Mut zusprächen. Diese Rückmeldungen seien für sie eine zentrale Motivation. »Diese Unterstützung gibt mir die Kraft, weiterzumachen.«






