Im Mena-Talk mit Jasmin Arémi spricht die Influencerin und Studentin der Hebräischen Universität Jerusalem, Türkü Avci, über die mediale Hasskampagne, die sich gegen sie in sozialen Netzwerken und türkischen Medien richtet. Zudem berichtet sie über die Klage des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan – gegen sie.
Türkü Avcı stammt aus einer säkularen Familie und entschied sich bewusst für ein Studium in Israel. Entscheidend waren ihr Interesse am Nahen Osten sowie der Wunsch, verschiedene Perspektiven zu erlangen. Die Hebräische Universität habe sie daher nicht nur wegen ihres akademischen Rufs überzeugt, sondern auch aufgrund der Möglichkeit, neue Sprachen zu lernen, sowie internationale Erfahrungen sammeln zu können.
Parallel zu ihrem Studium begann sie, sich öffentlich zu Israel und zur Nahostpolitik zu äußern. Israel beschreibt sie als ein außergewöhnliches Land in der Region, insbesondere mit Blick auf Meinungsfreiheit und gesellschaftliche Offenheit. Diese Haltung brachte ihr zunächst vereinzelte Kritik ein. Doch zum Wendepunkt wurde ein Straßeninterview, in dem sie sich öffentlich als Zionistin bezeichnete. »Danach eskalierte alles«, erinnert sie sich. »Tagelang gab es online und in den türkischen Medien ununterbrochen Beiträge, Kommentare und Beschimpfungen gegen mich.«
Auf der Plattform X sei sie Ziel einer regelrechten Kampagne geworden, begleitet von Hassrede und Verschwörungserzählungen. Eine weitere Welle der Angriffe folgte im März, als sie in einem türkischen Fernsehsender auftrat. Schon ihre bloße Präsenz hat heftige Reaktionen ausgelöst, nicht nur gegen sie selbst, sondern auch gegen den Sender.
Kritiker empörten sich darüber, dass einer proisraelischen Stimme überhaupt eine Plattform geboten wurde. In sozialen Medien und Teilen der türkischen Presse kursierten zahlreiche Verschwörungserzählungen über ihre Person. Sie sei Teil einer »israelischen Lobby«, werde finanziell gesteuert oder habe ihre wahre Identität verschleiert. Manche behaupteten sogar, sie sei jüdischer Herkunft und verschweige dies bewusst. »Es wurden völlig absurde Geschichten über mich verbreitet.« Die regierungsnahen Medien in der Türkei hätten ihren Fall besonders verzerrt dargestellt, ohne grundlegende Fakten zu prüfen. »Was ich erlebt habe, war kein Journalismus, sondern gezielte Hetze.«
Gleichzeitig habe sie umfassende Solidarität erfahren. Zahlreiche Journalisten, Aktivisten und Privatpersonen hätten ihr ihre Unterstützung ausgesprochen. Besonders viele Nachrichten seien von Türken gekommen, die ihre Position teilten, sich selbst aber nicht öffentlich äußern wollten, weil die Angst, offen zu sprechen, erheblich ist. Ihr Fall habe gezeigt, wie erheblich der gesellschaftliche und politische Druck auf Andersdenkende geworden sei.
Neue Dimension
Inzwischen hat die Angelegenheit eine neue Dimension erreicht. Gegen Avcı liegt in der Türkei eine Anklage wegen »Beleidigung des Präsidenten« vor. Grundlage seien unter anderem Beiträge in sozialen Medien, in denen sie politische Kritik geäußert habe. »Ich habe mir das Schreiben angesehen, und es geht ausschließlich um Kritik und nicht um tatsächliche Beleidigungen.«
Im Falle einer Verurteilung drohen ihr nach eigenen Angaben mehrere Jahre Haft sowie der Verlust politischer Rechte. Zudem rechnet sie damit, dass weitere Verfahren gegen sie eingeleitet werden könnten. Eine Rückkehr in die Türkei hält sie derzeit für zu riskant. Sie verweist auf vergleichbare Fälle, in denen Betroffene unmittelbar nach ihrer Einreise festgenommen und über Monate in Untersuchungshaft gehalten worden seien.
Ihr Fall steht exemplarisch für eine breitere Entwicklung. Seit Jahren kritisieren internationale Menschenrechtsorganisationen die strafrechtliche Verfolgung von Regierungskritikern in der Türkei. Nach Angaben der Studentin wurden seit 2014 mehr als 100.000 Menschen auf Grundlage des Straftatbestands der Präsidentenbeleidigung angeklagt. Trotz allem zeigt Avcı sich nicht resigniert. Langfristig hofft sie auf politische Veränderungen in ihrem Heimatland. Unter rechtsstaatlichen Bedingungen könne sie sich vorstellen, eines Tages zurückzukehren und sich den Vorwürfen zu stellen.
Ihre inhaltlichen Positionen würde sie rückblickend nicht ändern, sagt sie. Allerdings haben sie aus den vergangenen Monaten gelernt, künftig professioneller zu arbeiten. Langfristig könne sie sich vorstellen, stärker journalistisch tätig zu werden. Menschen, die sich öffentlich zu politischen Themen äußern wollen, rät sie zur Vorsicht, nicht jedoch zum Schweigen. »Man sollte sich der Risiken bewusst sein und ein unterstützendes Umfeld haben. Wenn man wirklich überzeugt ist, sollte man trotzdem seine Stimme erheben, aber eben so sicher wie möglich.«






