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Endet mit Wahlniederlage in Marokko die Ära der Muslimbrüder in Nordafrika?

Der Vorsitzende der "Nationalen Sammlung der Unabhängigen", Aziz Akhennouch, feiert den Wahlsieg seiner Partei
Der Vorsitzende der "Nationalen Sammlung der Unabhängigen", Aziz Akhennouch, feiert den Wahlsieg seiner Partei (© Imago Images / Xinhua)

Die Muslimbruderschaft hat in Marokko eine schwere Wahlniederlage erlitten, die die Reihe der Misserfolge der Gruppe in der nordafrikanischen Region vervollständigt und viele Fragen über die Zukunft des politischen Islam aufwirft.

Bei den Parlamentswahlen in Marokko im September dieses Jahres errang die der Muslimbruderschaft nahestehende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) 13 Sitze im Vergleich zu 125 Sitzen beim vorangegangenen Urnengang. Ihrem Generalsekretär und dem bisherigen Regierungschef, Saad Eddine El Othmani, gelang es dabei nicht seinen Parlamentssitz zu verteidigen.

Diese massive Niederlage der Muslimbruderschaft in Marokko war nicht annähernd erwartet worden, wie der marokkanische Auor Said Al-Wazzan in der marokkanischen Zeitung Hespress schrieb: „Nicht einmal die einflussreichsten Astrologen haben mit einem so umfassenden Absturz einer der größten Parteien gerechnet, die die politische Szene und die Regierung mehr als ein Jahrzehnt lang dominiert hat.“

Ahmed Aseed schrieb in derselben Zeitung: „Was hier passiert ist, ist der völlige Zusammenbruch der Muslimbruderschaft in Marokko aufgrund der Erosion des Wahlblocks der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung.“

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Aseed ist der Ansicht, dass der Wahlblock der PJD aus mehreren Gründen „erodiert“ sei, darunter „die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der Regierungspolitik, die zunehmende Arbeitslosigkeit und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten sowie die internen Konflikte in der Partei und schließlich die Entwicklung anderer Parteien sowie die Übernahme moderner Methoden zur Gewinnung von Wählern.“

Reihe von Niederlagen

Die Wahlniederlage der marokkanischen Muslimbruderschaft reiht sich ein in die Reihe gescheiterter Versuche der Organisation, in Tunesien, Ägypten und im Sudan an die Macht zu kommen und sich dort zu behaupten. Eine Analyse der arabischen Presse sprach gar davon, dass der Fall in Marokko der „endgültige Zusammenbruch der Organisationen der Muslimbruderschaft in der Region“ sei.

In Tunesien befinden sich die Muslimbruderschaft und ihre politische Partei, die Ennahda-Bewegung, in einer komplizierten Lage, nachdem der Präsident des Landes, Qais Saied, im vergangenen Juli beschlossen hatte, die Arbeit des von der Gruppe kontrollierten Parlaments einzufrieren und die mit ihr verbündete Regierung zu entlassen.

Zwei Jahre zuvor gelang es einem breiten Volksaufstand im Sudan, das mit der Muslimbruderschaft verbundene Regime von Omar al-Bashir, zu stürzen, nachdem es rund 30 Jahre lang die Macht im Land inngehabt hatte.

Im Jahr 2013 stürzte die ägyptische Armee mit breiter Unterstützung der Bevölkerung den von der Muslimbruderschaft gestellten Präsidenten Mohamed Morsi und beendete damit die einjährige Herrschaft der Gruppe im größten arabischen Land.

In diesem Zusammenhang sagte der auf islamische Bewegungen spezialisierte Forscher Ahmed Khairy Darwish in einer Presseerklärung: „An dieser massiven Niederlage der Muslimbruderschaft in Marokko lässt sich ein klarer Trend absehen, der besagt, dass die politische Lebensdauer dieser Bewegung an der Macht ein Jahrzehnt nicht überschreiten kann. Denn dann bemerken die Wähler die große Kluft zwischen den Versprechungen und der Rhetorik der Gruppe auf der einen und ihren ausbleibenden Erfolgen und der mangelhaften Realpolitik auf der anderen Seite.“

Diese Erfahrung hätten laut Darwish „die Gesellschaften in allen Ländern des arabischen Maghreb gemacht, von Ägypten bis Marokko, über den Sudan und Tunesien. Die Niederlagen der Muslimbruderschaft in diesen Ländern werden große und dauerhafte Auswirkungen auf die Gruppe in den Ländern des arabischen Maschrek haben, insbesondere in Syrien, Irak, Libanon, Jordanien und natürlich Palästina.“

Der ägyptische Islamismusexperte Amr Farouk ist ebenfalls der Ansicht, dass der Fall der Muslimbruderschaft in Marokko Teil des Niedergangs ist, den die Gruppe in der arabischen Region erlebt.

Ende oder Comeback

Die wiederholten Niederlagen der Muslimbruderschaft in den nordafrikanischen Ländern haben einige Beobachter zu der Auffassung veranlasst, dass die Ära des politischen Islams in dieser Region zu Ende ist. Andere sind jedoch der Meinung, dass es zu früh wäre, so etwas zu behaupten

Abdulrahman Al-Rashed schrieb in der Zeitung Al-Aawsat: „Die lokale und internationale Bewegung der Muslimbruderschaft befindet sich im Niedergang. Ihre Anhänger führen dies auf Putsche und Verschwörungen zurück, aber ihre durch ihr Scheitern im politischen Prozess – das einen weit verbreiteten Hass in der Bevölkerung gegen sie hervorrief – selbst herbeigeführte Niederlage in Tunesien können sie nicht leugnen“.

Andere hingegen sehen die Muslimbruderschaft angesichts der Erfahrungen, die die Gruppe im Laufe ihrer Geschichte gemacht hat, in der Lage, ein Comeback zu feiern.

Mohamed Daadaoui, Professor für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Nordafrika an der Oklahoma City University in den USA, sagte gegenüber der Deutschen Welle: „Ihr Untergang wurde schon in den 50er, 60er und 70er Jahren vorausgesagt. Aber sie kommen immer wieder zurück. Die Islamisten haben eine enorme Fähigkeit, sich neu zu erfinden und zu erneuern.“

Abschließend fügte Daadaoui hinzu: „Sie mögen sich im Moment in einem Moment der Schwäche befinden, aber sie sind nicht verschwunden.“

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