Fast 32 Monate, nachdem die Hamas die damals achtjährige Emily Hand aus dem Kibbuz Be’eri entführt hatte, ist ihr Vater entschlossen, das gemeinsame Leben dort wieder aufzubauen.
Amelie Botbol
»Natürlich möchte man als Erstes versuchen, zu verstehen, was sie durchgemacht hat. Ich weiß immer noch nicht einmal die Hälfte davon. Wenn sie älter ist, kann ich sie vielleicht fragen.« Für Tom Hand, den Vater der ehemaligen Hamas-Geisel Emily Hand, bleiben die Fragen rund um die fünfzig Tage seiner Tochter in Gefangenschaft weitgehend unbeantwortet. Doch fast drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 sagt er, die Elfjährige habe bemerkenswerte Widerstandskraft bewiesen, während sie ihr Leben neu aufbaut und sich auf die Rückkehr nach Hause vorbereitet.
Am Morgen des 7. Oktober schlief die damals achtjährige Emily im Haus ihrer Freundin Hila Rotem Shoshani im Kibbuz Be’eri, weniger als acht Kilometer vom Gazastreifen entfernt, als Hamas-Terroristen den Süden Israels stürmten, etwa 1.200 Menschen ermordeten und 251 weitere entführten. Unter den nach Gaza verschleppten Geiseln befanden sich auch Emily und Hila.
Die Leidensgeschichte der Familie nahm zunächst eine verheerende Wendung, als die Kibbuz-Behörden Hand mitteilten, dass seine Tochter wahrscheinlich getötet worden sei. Seine Reaktion sorgte weltweit für Schlagzeilen, nachdem er zugab, dass es ihm lieber sei, zu erfahren, dass sie tot sei, als die Alternative einer Gefangenschaft in Gaza. Wochen später stellten Ermittler jedoch fest, dass Emilys Leiche nicht unter den Opfern war, die aus Be’eri geborgen worden waren. In dem Haus, in dem sie gewohnt hatte, wurden keine Blutspuren gefunden, und Mobiltelefone von Mitgliedern der Gastfamilie konnten bis nach Gaza zurückverfolgt werden.
Am 17. November 2023 feierte Emily ihren neunten Geburtstag in Gefangenschaft. Neun Tage später wurden sie und Hila im Rahmen eines einwöchigen Waffenstillstandsabkommens zwischen Israel und der Hamas freigelassen, das die Freiheit von 105 Geiseln, vor allem Frauen und Kindern, sicherte.
Warten im Kibbuz Hatzerim
Tom Hand, ein in Irland geborener Bewohner des Kibbuz Be’eri, zog 1992 als Freiwilliger nach Israel. Dort baute er sich ein Leben in der Grenzgemeinde zu Gaza auf, wo er heiratete und eine Familie gründete. Heute leben er und seine Tochter zusammen mit anderen evakuierten Bewohnern von Be’eri im Kibbuz Hatzerim, während sie darauf warten, dass ihre Gemeinde den Wiederaufbau abschließt und sie nach Hause zurückkehren können.
In der Zwischenzeit hat Emily langsam in den Alltag zurückgefunden. »Da wir bald nach Be’eri zurückkehren sollten, beschlossen nach und nach alle Eltern, dass sie ihre Kinder nicht auf die hiesige Sekundarschule schicken würden, sondern auf die in der Region Eshkol, die eine Stunde Busfahrt von Hatzerim entfernt liegt«, erzählte Hand kürzlich in einem JNS-Interview. »Letztendlich war Emily die Einzige, die hierbleiben wollte. Gestern Abend hat sie sich schließlich entschieden, auch in Eshkol zur Schule zu gehen. Sie ist unglaublich kontaktfreudig. Sie hat in Hatzerim viele Freunde gefunden und wollte das nicht verlieren.«
Für Hand war diese Entscheidung emotional belastend. Die Schule in Hatzerim liegt nur wenige Minuten von ihrem vorübergehenden Zuhause entfernt, während die Fahrt zur Schule in Eshkol über Straßen in der Nähe von Gaza und teilweise über dieselben Routen führt, die von Hamas-Terroristen während des Angriffs am 7. Oktober genutzt wurden.
Trotz dieser Bedenken sagt er, dass Emily sich außerordentlich gut eingelebt hat. »Es ist sehr schwer, nichts zu wissen«, sagte Hand über ihre Gefangenschaft. »Ich wünschte, ich hätte ein Video von allem, was ihr vom Morgen des 7. Oktober bis zu ihrer Rückkehr widerfahren ist, um zu wissen, was zum Teufel sie durchgemacht hat. Die Vorstellung ist meist schlimmer als die Realität. Sie ist einfach unglaublich, dass sie das durchgemacht hat und gestärkt daraus hervorgegangen ist.«
Einerseits sei es »schrecklich, dass sie so jung war, aber andererseits war es vielleicht ein Segen. Ich kenne ältere Kinder aus Be’eri, denen es überhaupt nicht gut gegangen ist. Sie sind völlig in sich gekehrt und wollen immer noch nicht aus dem Haus gehen. Was auch immer mit ihr und uns passiert ist, es ist gut ausgegangen, Gott sei Dank.«
Hand führt einen Teil ihrer Widerstandsfähigkeit auf die Schwierigkeiten zurück, mit denen sie schon vor dem 7. Oktober zu kämpfen hatte. Emilys Großvater, Onkel und Mutter starben alle innerhalb von drei Jahren an Krebs. Ihre Stiefmutter Narkis, die sie mit großgezogen hatte, wurde während des Angriffs auf Be’eri von Hamas-Terroristen ermordet. »Ich habe meinen Kindern immer beigebracht, unabhängig und stark zu sein, hoffentlich selbstbewusst, und sie hatte schon vor dem 7. Oktober einige schwere persönliche Krisen durchgemacht. Sie musste lernen, mit Traumata umzugehen. Wenn man im Leben Widrigkeiten durchlebt, kann man leichter damit umgehen.«
Obwohl Vater und Tochter selten direkt über ihre Gefangenschaft sprechen, sagte Hand, dass Emily gelegentlich von sich aus Erinnerungen anspricht. »Gelegentlich bringt sie etwas aus der Vergangenheit zur Sprache, über das sie reden möchte. Sobald sie darüber gesprochen hat, ist es für sie erledigt.«
An den meisten Tagen, fügte er hinzu, scheine Emily nicht anders zu sein als andere Kinder auch. Er sei »fest davon überzeugt, dass sie sich anpassen wird. Sie ist ein unglaublich starkes Mädchen. Nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft war es ein paar Monate lang schwer, aber jetzt ist sie wie ein ganz normales Kind. Wenn man mit ihr in einem Raum säße, würde man nicht denken: ›Oh, dieses arme Mädchen hat viel durchgemacht.‹ Sie ist genau wie jedes andere Kind in ihrem Alter.«
Dennoch blieben Erinnerungen zurück, sagt Hand. »Ich wache morgens auf, und sie liegt in meinem Bett. Sie hat Albträume und kommt zu mir, um sich in Sicherheit zu fühlen. Wenn ich abends zum Einkaufen gehen muss, ist sie nicht besonders glücklich darüber, dass ich nachts weggehe. Es lässt langsam nach. Ich merke mit der Zeit, dass sie sich wegen solcher Kleinigkeiten immer weniger stresst. Sie ist erst elf. Ich mache mir keine Sorgen um sie.«
Während sich die Gemeinde auf die Rückkehr nach Be’eri vorbereitet, sagt Hand, dass sowohl die Bewohner als auch die örtlichen Sicherheitsteams entschlossen sind, die Fehler nicht zu wiederholen, die den Kibbuz am 7. Oktober verwundbar gemacht haben. »Was am 7. Oktober passiert ist, war absolut schockierend. Wir wurden so lange allein gelassen. Ich war von 6:30 Uhr morgens bis 23:30 Uhr abends alleine vor Ort, bevor der erste Soldat zu mir kam. Manche Menschen wurden erst am nächsten Morgen aus ihren Häusern befreit.«
»Es wird toll sein, zurückzugehen«
Vor dem Massaker war die Sicherheitstruppe von Be’eri darauf ausgelegt, begrenzte Infiltrationsversuche abzuwehren und einzelne Angreifer aufzuhalten, bis militärische Kräfte eintrafen. Stattdessen überrannten Hunderte von Hamas-Terroristen die Gemeinde und deckten Schwächen sowohl in der Vorbereitung als auch bei den Reaktionszeiten auf.
Hand sagte, er trage weiterhin eine Schusswaffe bei sich und beabsichtige, bei seiner Rückkehr zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. »Ich hatte immer eine Waffe. Das war an jenem Tag ein großer Trost und gibt mir ein Gefühl der Sicherheit. Als ich in Be’eri lebte, hatte ich immer vor, einen Geheimraum zu bauen, einen Raum abzuschotten und ihn wie eine Wand aussehen zu lassen, vor der ein Bücherregal steht. Denn ich glaubte, dass die Menschen in Gaza eines Tages losbrechen würden. Leider war ich zu faul und bin nie dazu gekommen, es zu tun.«
Wenn er zurückkehre, werde er Notfallpläne in dieser Richtung erstellen, sagt Hand. Er ist auch der Meinung, dass die Gemeinschaft die Kontrolle über Arbeiter, die den Kibbuz betreten, verstärken und in Sicherheitsfragen autarker werden muss.
Die physischen Narben des 7. Oktobers sind in ganz Be’eri noch immer sichtbar. Viele der angegriffenen Häuser wurden abgerissen, darunter auch das Haus, in dem Emilys Stiefmutter getötet wurde. »Das Bild, das ich im Kopf habe, ist Narkis’ Haus, das nun zerstört ist. Ich glaube nicht, dass viele Menschen eine Erinnerung an diesen Tag wollen. Es ist zu traumatisch.«
Doch trotz aller Verluste ist der Wiederaufbau im Gange. An der am weitesten von Gaza entfernten Seite des Kibbuz entsteht ein neues Viertel, das die bei dem Angriff zerstörten Häuser ersetzt. »Hoffentlich ist der Ort geräumt, wenn wir zurückkehren. Es werden viele Häuser fehlen und viele leere Flächen dort sein, wo einst Häuser standen, aber es wird besser sein.« Trotz allem bleibt er optimistisch, was die Rückkehr angeht. »Es wird toll sein, zurückzugehen. Das wird jedem ein sehr gutes Gefühl geben. Mein Haus hatte ein paar Einschusslöcher, aber der Kibbuz hat das gesamte Viertel neu gestrichen. Es wird im Grunde ein Neuanfang sein.«
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






