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Eine Nachricht, die man in Teheran, gar nicht gerne hört

Mitglied der schiitischen PMU-Milizen mit einem Bild von Ayatollah al-Sistani
Mitglied der schiitischen PMU-Milizen mit einem Bild von Ayatollah al-Sistani (© Imago Images / UPI Photo)

Das vom wichtigsten schiitischen Kleriker im Irak unterstütze Ausscheiden einiger Milizen aus der pro-iranischen Dachorganisation, bedeutet einen Rückschlag für die Islamische Republik.

Eine Nachricht, die man in Teheran gar nicht gerne gehört haben dürfte, erreichte das Regime in Zeiten, in denen es angesichts fallender Ölpreise und einer völlig außer Kontrolle geratenen Corona-Krise im eigenen Land ohnehin schon genug schlechte Nachrichten zu verarbeiten hat: Wichtige Einheiten der 2014 im Krieg gegen den Islamischen Staat im Irak gegründeten Volksverteidigungseinheiten Hashd al-Shaabi oder Popular Mobilization Units (PMU) haben dem Iran Ende April ihre Gefolgschaft aufgekündigt.

Gegen den Einfluss Teherans

Angesichts der Bedrohung durch den IS waren sie einst von dem höchsten schiitischen Geistlichen im Irak, Ayatollah al-Sistani ins Leben gerufen worden und dienten seitdem als machtvolle Miliz neben der Armee vor allem iranischen Interessen.

Zugleich hatten sie bislang den Segen des einflussreichen Klerus aus Najaf. Allerdings begann sich schon im Herbst vergangenen Jahres das Blatt zu wenden, als es überall im Land zu Massenprotesten kam, die vor allem im Süden des Landes zum Teil mit Hilfe der PMU bekämpft wurden. Tausende Tote, zehntausende Verletzte und unzählige Inhaftierungen waren die eine Folge, die andere eine wachsende Unzufriedenheit mit dem iranischen Einfluss im Irak und den aus Teheran gesteuerten Milizen.

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Allen Versuchen zum Trotz, die Proteste gewaltsam niederzuschlagen, dauerten die Demonstrationen bis in den April hinein an und finden nun, nach einer kurzen coronabedingten Pause, erneut statt. Wie schon zuvor richtet sich der Unmut der Protestierenden nicht nur gegen eine als unfähig und korrupt wahrgenommene politische Klasse im Irak, sondern auch zunehmend vehementer gegen den Einfluss des Iran.

Klerus wendet sich ab

Umso gravierender für Teheran ist, wenn sich nun auch noch auf Geheiß genau jenes al-Sistani, der sie 2014 aus der Taufe heben half, wichtige Einheiten der PMU öffentlich vom Iran lossagen und, schlimmer noch, andere aufrufen, es ihnen nach zu tun. Was dieser Schritt für die künftige Rolle Teherans im Irak bedeuten kann analysiert Hamdi Malik für Al-Monitor:

„Die Abspaltung von der PMU auf Anweisung des Sistani-Vertrauten – wobei großer Wert darauf gelegt wird, den nationalen Interessen des Irak zu folgen – ist eine klare Botschaft, dass Sistani mit der pro-iranischen Organisation nicht zufrieden ist. Dies könnte sich als schwerer Schlag für die Milizen erweisen, die sich als Verteidiger der schiitischen Umma (Gemeinschaft) und ihrer Werte bezeichnen.

Unter diesen Umständen ist es nicht überraschend, dass vom Iran unterstützte PMU-Einheiten befürchten, dass sich weitere militante Gruppen den „Einheiten des Schreins“ anschließen und sich von der Kommission der PMU abspalten werden. Einem unbestätigten Bericht zufolge, der am 26. April veröffentlicht wurde, erwägen zehn weitere Gruppen, sich von der PMU abzuspalten. Dies steht im Einklang mit dem Eingeständnis der „den „Einheiten des Schreins“, dass sie versuchen werden, anderen PMU-Gruppen bei der Abspaltung zu helfen und eine „Reformation“ anzustreben.

Der Verlust der durch die Zustimmung Sistanis verliehenen Legitimität wird den pro-iranischen Gruppen im militärischen Bereich nicht weiter schaden. In der Politik aber könnten sie einen Teil ihrer Unterstützung unter den schiitischen Wählern verlieren.

Einige der pro-iranischen PMU-Milizen wie die Badr-Organisation und Asaib Ahl al-Haq sind wichtige Akteure im Parlament. Bei den letzten Parlamentswahlen nutzten sie ihre Rolle im Kampf gegen den Islamischen Staat als Trumpfkarte, um Stimmen zu gewinnen. Die Tatsache, dass Sistani mit ihrem Auftreten innerhalb der PMU nicht zufrieden ist, kann von der schiitischen Öffentlichkeit auch als Indikator für seine Unzufriedenheit mit ihrer politischen Leistung gelesen werden, was einen Verlust an Wählern nach sich ziehen könnte.“

Düstere Aussichten

Dies wiegt umso schwerer, ist der Irak doch mit am härtesten vom Ölpreisverfall betroffen. Experten gehen davon aus, dass sollte auch in den kommenden Monaten ein Barrel Öl so wenig kosten wie dieser Tage, Bagdad sehr bald nicht mehr in der Lage sein dürfte, Gehälter weiter wie gewohnt zu zahlen.

Zugleich nutzt der Islamische Staat die Gunst der Stunde und weitet seine Attacken auf irakische Sicherheitskräfte aus. Aber anders als 2014 wird dieses Jahr wohl niemand aus dem Irak den Iran zu Hilfe rufen.

All dies sind düstere Aussichten für die kommenden Monate. Nur, anders als in den Krisen zuvor, dürfte diesmal der Iran kaum davon profitieren, sondern wird eher erneut den ganzen Unmut der Irakerinnen und Iraker zu spüren bekommen. Die Zeiten, in denen vor allem die schiitische Mehrheit des Landes im Iran einen Helfer in der Not sah, sind vorbei und werden in absehbarer Zeit wohl auch nicht wiederkommen.

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