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Warum die Israelis von „Tehran“ so fasziniert sind

Die Macher von "Tehran" hoffen, dass ihre Serie auch Fans im Iran findet
Die Macher von „Tehran“ hoffen, dass ihre Serie auch Fans im Iran findet (Quelle: Youtube)

Die angespannte israelische Gesellschaft gönnt sich einen ganz freiwilligen Nervenkitzel, bei dem es ausgerechnet in die Hauptstadt des Erzfeindes geht.

Montagabend saßen die meisten Israelis gebannt vor dem Fernsehapparat. Nein, diesmal lauschten sie weder den aktuellen Corona-News, noch den Berichten über Demonstrationen in Jerusalem, Tel Aviv und Caesaria. Nicht einmal die Stellungnahmen von Netanyahu und Ganz zum aktuellen Hisbollah-Angriff entpuppten sich als Publikumsmagnet. Alle Augen waren vielmehr auf Teheran gerichtet, dem angeblichen Standort der neuen israelischen Hit TV-Serie „Tehran“.

Spannung gibt’s dieser Tage in Israel wahrlich im Überfluss. Innenpolitisch sowieso. Aber auch an der außenpolitischen und militärischen Front mangelt es nicht an Aufregung. Jede Menge Zündstoff bietet auch und besonders die Animosität zwischen Jerusalem und Teheran, zumal sich die Lage mit den mysteriösen Explosionen, die in den letzten Wochen den Iran erschütterten, noch weiter zugespitzt hat.

Nichts für schwache Nerven

Jetzt gönnt sich die angespannte, israelische Gesellschaft aber noch einen weiteren, diesmal ganz freiwilligen Nervenkitzel – und zwar geht es dabei ausgerechnet in die Hauptstadt des Erzfeindes. „Tehran“ heißt denn auch die neue TV-Hitserie, die Israelis aller Schattierungen fasziniert.

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Der Spionagethriller handelt von einer geheimen, israelischen Mission. Tamar Rabinyan (gespielt von der ausdrucksstarken Niv Sultan), ihres Zeichens talentierte, israelische Hackerin, soll mit wenigen Cyber-Handgriffen die iranische Luftverteidigung neutralisieren, um freien Weg für einen Angriff auf eine iranische Nuklearanlage zu schaffen. Allein, der Zufall will’s dass ein klitzekleiner Puzzlestein im ausgetüftelten Plan schiefgeht, und die junge, ungeübte Agentin muss sich blindlings im Feindesland durchschlagen. Dabei wird sie unerbittlich von keinem Geringeren als dem iranischen Sicherheitschef Faraz Mehmet (gespielt von Hollywood-Star Shaun Toub) verfolgt.

Während sich zwischen den beiden ein atemberaubendes Katz-und Maus-Spiel entspinnt, sieht sich Tamar in Teheran jäh mit ihrer eigenen Identität als ehemalige Iranerin konfrontiert (sie war sechs Jahre alt, als sie mit ihren Eltern den Iran verließ). Zudem gerät sie rasch in den Kreis junger, iranischer Dissidenten. Und weil es kommt, wie es in einem Spionagethriller kommen muss, verliebt sie sich in einen von ihnen. Ob ihr ihre Gefühle bei ihrer anspruchsvollen Mission in die Quere kommen werden, darf hier nicht verraten werden.

Erfolgsfaktor: Authentizität

Das Drehbuch zu „Tehran“ schrieben Moshe Zonder (bekannt auch für seine Hitserie „Fauda“), Maor Cohen, Dana Eden and Omri Shenhar. Gemeinsam erforschten die Autoren ganze fünf Jahre lang alles, was sie über den Iran aber auch über den israelischen Sicherheitsdienst in Erfahrung bringen konnten. Sie sprachen mit Exil-Iranern, Kulturforschern, Ex-Agenten und Cybersecurity-Experten, um eine möglichst authentische Kulisse für ihren Thriller zu schaffen.

In mühevoller Casting-Kleinarbeit engagierten sie zahlreiche Ex-Iraner, wie etwa Esti Yerushalmi, Shaun Toub und Navid Negahban als Haupt- und Nebendarsteller. Gefilmt wurde schließlich in Athen, weil die Crew im Iran nicht drehen durfte und weil die griechische Hauptstadt die beste Möglichkeit bot, das Stadtbild von Teheran zu replizieren. In einem weiteren Versuch, die Echtheit der Atmosphäre zu maximieren, sprechen die Schauspieler, je nach Situation und Laune, alternativ Englisch, Farsi und Hebräisch.

Erfolgsfaktor: Sexy Handlung

Klar, ganz so wie die Serie eine israelische Spionagemission beschreibt, spielt sie sich in Wirklichkeit wohl nicht ab. „‚Tehran‘ ist eine richtig-gute TV-Serie und zeichnet ein akkurates Bild vom Leben im Iran in 2020“, erklärt Gad Shimron in einem Interview für den Radiosender Kan11.

In Wirklichkeit sähen, laut dem ehemaligen Mossad-Agenten, die Aktionen der Informationsdienste aber ganz anders aus. Kein Wunder! Real-Life-Agenten würden die meiste Zeit einfach nur in Wartehaltung verbringen. Das sei nun mal sehr langweilig und würde sich für einen sexy Spionagefilm einfach nicht eignen.

Erfolgsfaktor: Apple

Dass „Tehran“ sexy ist, darüber besteht offenbar kein Zweifel. Die Serie begeistert nämlich nicht nur das israelische Fernsehpublikum. Noch bevor sie offiziell ausgestrahlt wurde, erstand Apple TV die ersten acht Folgen für, so wird in Industriekreisen gemunkelt, 1.5 Millionen US-Dollar pro Folge und verpflichtete sich, zwei weitere Staffeln zu produzieren.

Erfolgsfaktor: Nuancierung

Zonder ist überzeugt, dass der Erfolg von „Tehran“ auch damit zusammenhängt, dass hier versucht wird, eine andere, positivere Seite des Irans zu präsentieren– eine Seite, die man im Westen so nie zeigt. „Der Iran ist ein schönes Land, und die jungen Leute in Teheran haben eine richtig, blühende Untergrund- Avant-Garde’-Szene mit viel Sex, Drogen und Rock’n’Roll“, erklärt Zonder neulich in der israelischen Zeitung Haaretz.

Trotzdem, so der Drehbuchautor weiter, sei der Iran kein Paradies, und das Regime der Ayatollahs wäre „bedrückend, bedrohlich und erschreckend“. Das würden er und seine Kollegen auch von Anfang an zeigen wollen. Zudem ginge es ihnen aber auch darum, eine nuancierte Sichtweise zu einem tiefsitzenden Konflikt zu präsentieren.  Sie wollten dem Mythos entgegenwirken, Iran sei einzig und allein an der Zerstörung Israels interessiert.

Frommer Wunsch

Die Tatsache, dass hier die Realität so differenziert präsentiert wird, soll auch dazu beitragen, dass die Serie bei allen Seiten Anklang findet. „In ‚Tehran’ gibt es weder Helden noch Bösewichte. Es ist alles viel komplexer, und ich bin mir sicher, dass die Show den Iranern gefallen wird“, meint auch Co-Autorin Dana Eden.

Zonder, seinerseits, hofft gar mit der Hit-Serie eine einschneidende Änderung zu erwirken: „Ich mache mir nichts vor, aber vielleicht kann ‚Tehran‘ helfen, den Abstand zwischen Israelis und Iranern zu verkleinern.“

Von offizieller iranischer Seite gibt es noch keine Reaktionen zu „Tehran“. Die konservative Zeitschrift Kayhan schrieb im April, die Serie zeige die „pro-westliche und promiskuitive“ Natur jener Aktivisten, die gegen den Iran vorgehen. Kayhan International nannte „Tehran” gar eine „Anti-Iran Produktion”.

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