Eine historische Wende zum gemäßigten Islam?

Mohammed bin Salman (By Alshareefsn, WikiCommons)

„Fast zwei Jahrzehnte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 besteht die größte Fehlleistung des ‚war on terror’ wohl darin, dass es nicht gelungen ist, die extremistische Ideologie zu delegitimieren, die Gruppen wie Al-Qaeda und den Islamischen Staat befeuern. Die Vereinigten Staaten haben zwar zehntausende Kämpfer getötet, zahlreiche Geldflüsse gestoppt und unzählige Konten in den sozialen Medien geschlossen. Es ist ihnen jedoch nicht gelungen, die hasserfüllte Doktrin zu diskreditieren, die dem Terrorismus einen steten Strom an Rekruten zugeführt hat. So stehen sie vor der beunruhigenden Tatsache, dass Al-Qaeda heute in mehr Ländern in Afrika, im Nahen Osten und in Asien über eine ungleich größere Präsenz verfügt, als am Tag, an dem die Twin Towers zerstört wurden. (…)

In dem Bestreben, der seit der schiitischen Revolution von 1979 vom Iran ausgehenden Gefahr entgegenzutreten und ihre eigene Legitimation im Inland mit der Hilfe mächtiger konservativer Kleriker zu stärken, haben die saudischen Machthaber Jahr für Jahr Milliarden in die weltweite Verbreitung der in dem Königreich geltenden, ausgesprochen strengen wahhabitischen Auslegung des Islam gesteckt. Mit saudischen Mitteln sind auf allen Erdteilen Moscheen und Schulen errichtet und die Kleriker und Lehrer ausgebildet worden, die in ihnen arbeiten. Die Saudis haben Koranausgaben und Schulbücher vertrieben, die durchdrungen sind von dem Hass auf alle, einschließlich anderer Muslime, die der wahhabitischen Orthodoxie nicht folgen. So sind die Ansichten von Millionen jungen Muslimen von Mali bis Malaysia, von Belgien bis Bangladesch darüber, was es heißt, ein guter Muslim zu sein, auf heimtückische Weise durch ein Narrativ geprägt worden, das auf die systematische Dehumanisierung des Anderen abzielt. Dadurch ist ein großes Reservoire potenzieller Rekruten geschaffen worden, das für den Sirenengesang des Dschihadismus in besonderem Maße empfänglich ist.

Und nun kommt das großangelegte Reformversprechen von Mohammed bin Salman. Seit Monaten betonen der Kronprinz und seine engsten Berater immer wieder aufs Neue, dass die Modernisierung Saudi-Arabiens die Einführung eines ‚gemäßigten Islam’ voraussetzt. Er hat die extremistische Ideologie, die das Königreich seit der Revolution im Iran so intensiv befördert hat, scharf kritisiert und eingeräumt, dass ‚das Problem weltweit verbreitet worden ist’. Er hat gelobt, dass es ‚jetzt an der Zeit ist, sich dessen zu entledigen’, und erklärt, dass ‚wir nicht dreißig Jahre unseres Lebens auf den Kampf gegen das extremistische Gedankengut vergeuden werden, wir werden ihm jetzt sofort ein Ende bereiten’.

Die Priorität der USA sollte darauf liegen, Mohammed bin Salman dazu zu drängen, mit seiner Kampagne auf Tour zu gehen. Seine Bereitschaft, das Unwesen des weltweiten Dschihad, zu dessen Schaffung das Königreich so viel beitrug, zu zerschlagen, muss in einen konkreten Plan umgemünzt werden. (…) Wenn die politischen Entscheidungsträger in den USA seit dem 11. September 2001 eines gelernt haben, so ist es, dass nur Muslime anderen Muslimen die extremistische Ideologie (in Trumps Formulierung) ‚austreiben’ können, gegen die der langjährige und kostspielige amerikanische ‚war on terror’ sich richtet. Saudi-Arabien ist möglicherweise der einflussreichste islamische Staat. Es hat nun einen Kronprinzen, der sagt, er wolle genau das tun. So haben wir es mit einem potenziell historischen Augenblick zu tun, den der Präsident nicht verstreichen lassen, sondern mitformen und der Förderung überlebenswichtiger US-amerikanischer Interessen nutzbar machen sollte.“ (John Hannah: Saudi Arabia Can Win Islam’s War of Ideas)

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