Wie antisemitisch sind junge muslimische Zuwanderer wirklich?

„Gibt es in Deutschland einen neuen ‚importierten‘ Antisemitismus als Folge der jüngsten Zuwanderung aus islamischen Ländern? Die für die Beantwortung dieser Frage eigentlich Zuständigen, also die Migrations- und Antisemitismusforscher, haben sich lange mit eindeutigen Aussagen zu diesem in der Öffentlichkeit heftig diskutierten Thema zurückgehalten. Es sei noch zu früh, heißt es, die Datenerhebung gestalte sich ohnehin äußerst schwierig, und außerdem gebiete das Thema besondere Zurückhaltung. Ein Blick in aktuelle Publikationen hierzu verrät ein entsprechendes Absicherungsbedürfnis ihrer Autoren. Wer über den neuen Antisemitismus der Zuwanderer schreibt, kann sich das offensichtlich nicht erlauben, ohne zunächst stets den alten Antisemitismus der Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund zu erwähnen, auch wenn nach dem gar nicht gefragt wird. Zieht man ihn aber als Vergleichsgröße heran, zeigt sich rasch, dass Einstellungsforschung keine exakte Wissenschaft ist. (…)

[Mathias] Berek verweist [in seinem Beitrag in der jüngsten Ausgabe des ‚Jahrbuchs für Antisemitismusforschung‘] dann aber darauf, dass deutsche Muslime antisemitische Einstellungen zeigten, die regelmäßig höher lägen als bei nichtmuslimischen Vergleichsgruppen. So äußerten etwa 2013 in einer Studie von Jürgen Mansel und Viktoria Spaiser drei Prozent der Befragten mit deutschem Familienhintergrund die Überzeugung, die ‚Juden hätten zu viel Einfluss in der Welt‘. Bei den Befragten aus türkischen Familien stieg die Zustimmung hierzu allerdings schon auf 25 Prozent, und bei arabischen Familien gar auf 40 Prozent. Es bestehe in der Forschung jedoch kein Konsens darüber, ob es einen spezifisch muslimischen Antisemitismus gebe. Aber ob man den muslimischen Antisemitismus nun religiös-ethnisch begründet sieht oder doch nur als eine Unterform des allgemeinen Antisemitismus – unbestritten ist sein nicht geringes Ausmaß. Insofern wäre es doch geradezu töricht, von den muslimischen Flüchtlingen angesichts ihrer Herkunftsländer zu erwarten, sie würden sich in ihren Einstellungen gegenüber den Juden von den bereits länger hier lebenden Muslimen signifikant unterscheiden. Und doch drängt sich der Eindruck auf, dass die Antisemitismusforschung das Thema mit besonders spitzen Fingern anfasst. Mancher scheint dem Phänomen mit Methoden nachzuspüren, die den Nachweis seiner Nichtexistenz oder zumindest Unbedeutendheit nachgerade unausweichlich machen. Die Wahrnehmung von Befunden, die nicht zu den eigenen passen, ist in manchen Publikationen der Antisemitismusforschung zu Flüchtlingen auffallend groß.“ (Gerald Wagner: „Wovon man lieber nicht spricht“)

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