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Zwischen Sirenen und Sonnenuntergang: Ein Tag Krieg, ein Abend Normalität

Ein Tag Krieg: Die iranischen Raketenangriffe zwangen die Israelis erneut in die Schutzräume
Ein Tag Krieg: Die iranischen Raketenangriffe zwangen die Israelis erneut in die Schutzräume (© Imago Images / Anadolu Agency)

Innerhalb weniger Stunden wechselt Israel vom Alltag in den Ausnahmezustand und zurück. Eine Reportage über das Wiederaufflammen des Kriegs mit dem Iran.

Am Sonntagabend kommt die Nachricht, mit der viele eigentlich nicht mehr gerechnet hatten: Iran hat erstmals seit der Waffenruhe im April wieder Raketen auf Israel abgefeuert. Die Angriffe gelten als Reaktion auf die anhaltenden Kämpfe im Libanon und markieren die schwerste Eskalation zwischen beiden Ländern seit Monaten.

In den sozialen Medien kursieren erste Warnungen. Manche Menschen gehen gar nicht erst schlafen und warten auf die Sirenen. Andere beginnen, die Schutzräume vorzubereiten, bringen Wasser, Snacks oder Decken hinunter. Die Heimatschutzbehörde verschärft die Sicherheitsvorschriften. Schulen und Kindergärten bleiben geschlossen, Versammlungen werden eingeschränkt oder ganz untersagt.

Wie in alter Routine legen mein Partner und ich unsere Kleidung neben das Bett. Wir haben, wie viele andere in Tel Aviv, keinen Schutzraum in unserem Haus. Bei Alarm müssen wir über die Straße laufen und in den Keller eines nahegelegenen Kaffeehauses.

Gegen sechs Uhr morgens ertönt die erste Warnung auf dem Handy. Innerhalb weniger Sekunden sind wir angezogen und auf dem Weg nach unten. Auf der Straße ist es noch dunkel. Im Schutzraum gegenüber versammeln sich deutlich mehr Menschen als sonst. Viele Gesichter kommen mir bekannt vor. Nachbarn, die ich seit den letzten Angriffen nicht mehr gesehen habe. Ein Hund springt zwischen den Menschen herum. Einige unterhalten sich leise. Andere warten schweigend ab, bis es vorbei ist. Dann heulen die Sirenen und kurz darauf sind Explosionen zu hören. Nach einigen Minuten dürfen wir den Schutzraum wieder verlassen. Wir gehen zurück in die Wohnung, machen Kaffee und beginnen unseren Tag. Es wirkt fast absurd, wie schnell man zwischen Ausnahmezustand und Alltag wechseln kann.

Trotz allem beschließe ich, zur Arbeit zu fahren. Ich nehme mein Fahrrad, obwohl ich sonst zu Fuß gehe. Doch so ist der Weg kürzer, falls erneut Alarm ausgelöst wird. Kaum angekommen, ertönt die nächste Sirene. Dieses Mal gehe ich in eine nahegelegene Tiefgarage. Vier Stockwerke unter der Erde fühlt man sich sicher. Als ich später wieder nach oben komme, sind die Straßen ungewöhnlich leer. Nur vereinzelt sieht man Eltern mit ihren Kindern. Wahrscheinlich versuchen sie herauszufinden, wie sie die Tage organisieren sollen, solange Schulen und Kindergärten geschlossen bleiben.

Während des Vormittags wird mehrmals Alarm ausgelöst. Gleichzeitig beginnt überall im Land die bekannte Selbstorganisation. Menschen prüfen ihre Schutzräume, kaufen Vorräte ein, Familien suchen verzweifelt nach Babysittern. Nach zwei Monaten, in denen sich das Leben langsam wieder normalisiert hatte, befindet sich das Land innerhalb weniger Stunden erneut im Ausnahmezustand.

Kurzer Krieg mit langer Wirkung

Militärisch dauerte die Eskalation nur etwa einen Tag. Politisch zeigte sie jedoch, wie fragil die Waffenruhe geblieben war. Bereits seit Wochen hatten sich die Spannungen rund um die Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah im Libanon wieder verschärft. Die iranischen Raketenangriffe waren die ersten direkten Attacken auf Israel seit der Waffenruhe im April und führten sofort zu neuen Sicherheitsmaßnahmen im ganzen Land.

Für viele Israelis war weniger die Dauer der Angriffe entscheidend als die Erkenntnis, wie schnell sich die Realität wieder verändern kann. Auch jetzt, wo die Angriffe vorbei sind, überprüfe ich öfter als gewöhnlich die Nachrichten auf meinem Handy. Vor dem Schlafengehen stelle ich meine Schuhe neben das Bett und bereite meine Kleidung vor. Mental bin ich noch nicht im Frieden angelangt, doch war es wahrscheinlich davor auch nicht.

Am Abend kommt schließlich die Nachricht, auf die alle gewartet haben: Die Angriffe sind vorerst beendet. Als ich von der Arbeit nach Hause fahre, ist der Park am Meer voll. Gruppen haben sich versammelt, sitzen auf Decken im Kreis. Einige trinken Wein und genießen den Sonnenuntergang. Kinder spielen auf den Wiesen. Von der Anspannung des Morgens ist kaum noch etwas zu spüren.

Nach sieben Jahren in Israel fällt es mir immer noch schwer, diese plötzlichen Übergänge zu begreifen. Innerhalb weniger Stunden wechselt das Land vom Ausnahmezustand zurück in den Alltag. Von Sirenen zu Picknicks. Von Schutzräumen zu Sonnenuntergängen. Vielleicht ist genau das eine der bemerkenswertesten Eigenschaften der israelischen Gesellschaft: die Fähigkeit, selbst nach den unruhigsten Tagen weiterzumachen. Nicht, weil die Angst verschwunden wäre. Sondern weil das Leben trotzdem weitergeht.

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