Ein Lebenszeichen und Terroraufruf: Der IS gruppiert sich um

„Seit einem knappen Jahr fragen sich Kommentatoren, die sich mit dem Islamischen Staat befassen, ob der Anführer der Gruppe Abu Bakr al-Baghdadi noch am Leben sei. Am Mittwoch machte er sich dann das erste Mal seit elf Monaten wieder bemerkbar und ließ die Aufnahme einer Botschaft aus Anlass des muslimischem Feiertags Eid al-Adha veröffentlichen. In der 55minütigen Rede, der längsten je veröffentlichten, bezog er sich auf Ereignisse der jüngeren Zeit, was darauf hindeutet, dass sie in den letzten paar Wochen aufgenommen wurde. (…) Offenbar hat der Islamische Staat eine geordnete Umorientierung vom Kalifat zur Aufstandsbewegung durchlaufen und seine Einheit dabei gewahrt. Um seine Anhänger zu mobilisieren, verwies al-Baghdadi in seiner Rede voller Optimismus auf die Vergangenheit des Islamischen Staats als kleine Miliz innerhalb eines größeren aufständischen Bündnisses, das gegen die Amerikaner Krieg führte.

Sieht man von dem moralisierenden Anfang ab, präsentierte al-Baghdadi in seiner Rede den Kurs für die Umgruppierung des Islamischen Staats. In einer Schlüsselpassage rief er einzelne Anhänger zu Anschlägen mit Sprengstoff, Fahrzeugen, Schusswaffen oder Messern im Westen auf. Zuvor hatte nur der ehemalige Sprecher des Islamischen Staats solche Anschläge angeregt. Vom selbernannten Kalifen kommend, dürfte der Aufruf zusätzliches Gewicht haben. Al-Baghdadi ließ sich sogar auf quantitative Abwägungen ein. Ein Anschlag im Westen sei so viel wert wie 1000 Anschläge im Nahen Osten. Diese Berechnung erinnert an den Aufruf der IRA, mit dem sie vor Jahrzehnten dazu aufforderte, Anschläge auf dem britischen Festland zu verüben. Damals hieß es, eine Bombe auf dem Festland wiege so schwer wie 100 Anschläge in Nordirland. Wie einst die gewaltbereiten irischen Nationalisten weiß auch der Islamische Staat, dass derartige Anschläge mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden als die Abschlachtung von 200 Drusen im Süden Syriens oder eine Autobombe im Herzen Bagdads. (…)

Um den Wandel des Islamischen Staats zur Aufstandsbewegung zu erläutern, verwies al-Baghdadi auf die Vergangenheit. Er spielte mehrmals auf eine legendäre Äußerung des ursprünglichen Gründers der Gruppe Abu Musab al-Zarqawi an. Dieser hatte 2006 erklärt: ‚Der Funke ist hier im Irak gezündet worden, er wird sich immer weiter ausbreiten, bis er die Kreuzfahrerarmeen in Dabik verbrennt‘. In der nordsyrischen Stadt Dabik wird es manchen Interpretationen der islamischen Tradition zufolge einst zu einer apokalyptischen Schlacht zwischen muslimischen und christlichen Armeen kommen. Der Islamische Staat hat wiederholt auf den prophetischen Charakter von Zarqawis Worten verwiesen, insbesondere weil zum Zeitpunkt ihrer Äußerung nichts auf eine mögliche Destabilisierung Syriens hindeutete. Zweimal bezeichnete al-Baghdadi während seiner Rede den Irak als die Quelle des Funkens und erklärte, der Krieg werde nach dem Verlust des Kalifats weitergeführt. (…) Al-Baghdadi ist also kein beleidigter Kalif, der den Verlust seines Kalifats betrauert. Er hat sich offenbar an die neuen Verhältnisse angepasst und möchte, dass seine Anhänger sich von den Erfolgen der Vergangenheit inspirieren lassen, um der glorreichen Zukunft entgegenzumarschieren. Seine Rede verdeutlicht, dass der Islamische Staat sich die Lehren der vergangenen beiden Jahrzehnte sorgsam eingeprägt hat. Ob das auch für seine Gegner gilt, wird über Sieg oder Niederlage in diesem Kampf entscheiden.“ (Hassan Hassan: „ISIS Is Ready for a Resurgence“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login