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Ehemaliger Oberrabbiner fordert Juden zum Verlassen Russlands auf

Der ehemalige Oberrabbiner von Moskau, Pinchas Goldschmidt
Der ehemalige Oberrabbiner von Moskau, Pinchas Goldschmidt (© Imago Images / Sven Simon)

Der mittlerweile in Israel lebende Pinchas Goldschmidt befürchtet, die jüdische Bevölkerung könne zum Sündenbock für die durch den Krieg verursachte Not in Russland gemacht werden.

Der selbst seit Frühling 2022 in Israel im Exil lebende ehemalige Oberrabbiner von Moskau, Pinchas Goldschmidt, meint, Juden sollten Russland verlassen, solange sie noch können, bevor sie zum Sündenbock für die durch den Krieg in der Ukraine verursachte Not gemacht werden. »Wenn wir auf die russische Geschichte zurückblicken, hat die Regierung immer dann, wenn das politische System in Gefahr war, versucht, die Wut und Unzufriedenheit der Massen auf die jüdische Gemeinschaft zu lenken«, sagte Pinchas Goldschmidt gegenüber dem britischen Guardian.

Das habe »man in der Zarenzeit und am Ende des stalinistischen Regimes gesehen«, präzisierte Pinchas und wies auf den zunehmenden Antisemitismus in Russland hin, das »zu einer neuen Art von Sowjetunion zurückkehrt, während der Eiserne Vorhang Schritt für Schritt wieder aufgebaut wird«. Deshalb glaube er, die beste Option für russische Juden bestehe darin, das Land zu verlassen.

Goldschmidt trat von seinem Amt zurück und verließ Russland, nachdem er sich geweigert hatte, die russische Invasion in der Ukraine zu unterstützen. »Die Gemeindeleiter wurden unter Druck gesetzt, den Krieg zu unterstützen, und ich habe mich geweigert, das zu tun. Ich bin zurückgetreten, weil eine Fortsetzung meiner Tätigkeit als Oberrabbiner von Moskau wegen der repressiven Maßnahmen gegen Andersdenkende ein Problem für die Gemeinde darstellen würde«, erläuterte er.

Heute leben in der Russischen Föderation nur noch etwa 165.000 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 145 Millionen. Goldschmidt schätzt, dass seit Beginn des Ukraine-Kriegs 25 bis 30 Prozent der verbliebenen Juden ausgereist seien oder planten, dies zu tun, obwohl es aktuell nur noch wenige Flüge von Moskau aus gebe und sich der Preis für einen Flug nach Tel Aviv auf etwa 1.875 Euro vervierfacht habe.

Ein großer Teil der jüdischen Gemeinde in der Ukraine sei ebenfalls abgewandert, so Goldschmidt, und befinde sich nun auf der Flucht in Deutschland, Österreich und Rumänien. Auch die Ukraine blickt auf eine lange Geschichte des Antisemitismus zurück, die von Pogromen Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Unterstützung der Massaker der Nazis während des Zweiten Weltkriegs reicht. Das am meisten berüchtigte dieser Massaker war die Ermordung von 33.000 Juden in Babyn Jar bei Kiew im Jahr 1941.

Vermehrter Antisemitismus in Amerika

Angesichts dieser Geschichte sei es bemerkenswert, meint Goldschmidt, dass Wolodymyr Selenskyj, der aus seiner jüdischen Herkunft keinen Hehl mache, mit über 70 Prozent der Stimmen zum Präsidenten der Ukraine gewählt worden war. Damit sei die Behauptung Wladimir Putins, die Ukraine werde von Neonazis regiert, ad absurdum geführt. »Zeigen Sie mir ein anderes Land, das von Nazis beherrscht wird und in dem die jüdische Gemeinschaft gedeiht«, womit sich Goldschmidt auf die Zeit vor dem russischen Angriff bezog. Er wisse allerdings nicht, wie jüdisch sich Präsident Selenskyj fühle, »der die jüdische Karte ausspielt, um Israel um Hilfe zu bitten«.

Goldschmidt merkte an, dass, während die Juden in Russland einer ungewissen Zukunft entgegensehen, der Antisemitismus auch in den USA, einem Land, das lange Zeit als jüdischer Zufluchtsort galt, auf dem Vormarsch sei. So verzeichnete die Anti-Defamation League im vergangenen Jahr einen Rekord von 2.717 antisemitischen Vorfällen, die von Übergriffen und Belästigungen bis hin zu Vandalismus reichten.

Viele Jahre lang hätten die Juden in den USA geglaubt, das, was in Europa und anderen Ländern geschah, könne in Amerika nie passieren, sagte Goldschmidt. »Aber in den letzten drei Jahren hat es dort mehr Angriffe auf Juden gegeben als in Europa.« Diese Veränderung habe sich durch eine »viel stärkere Polarisierung des politischen Systems« ergeben, aber auch dadurch, »dass der Diskurs durch die sozialen Medien verändert worden« sei: »Die Polarisierung, die wir beobachten, hat den Antisemitismus akzeptabler gemacht.«

Anfang des Monats trafen sich in Athen Bürgermeister aus 53 Städten in 23 Ländern, um zu erörtern, wie die weltweite Zunahme des Antisemitismus bekämpft werden kann. »Wir müssen die Kräfte stoppen, die versuchen, Europa von innen heraus zu zerstören«, sagte der Rabbiner. »Am Anfang, als es Angriffe auf jüdische Schulen wie die in Toulouse gab, dachten die Leute, das sei ein jüdisches Problem. Aber nach Charlie Hebdo, den Anschlägen in Nizza und auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin hat Europa verstanden, dass es sich um ein europäisches Problem handelt und nicht um ein jüdisches. Das ist es, was diese Bürgermeister verstehen müssen.«

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