Dringendes Gesundheitsproblem in Gaza: Übergewicht

„Dass Mahmud Scheich Ali ganz gut verdient an seinen darbenden Patienten, ist evident. Er ist medial präsent, hat eine eigene Sendung am Radio, berät online und weiß die Gründe für seinen Erfolg durchaus gescheit zu analysieren. ‚Gaza hat ein enormes Übergewichtsproblem. Nicht nur Gaza. Ganz Palästina ist zu dick, die ganze arabische Welt ist zu dick.‘

Schuld ist die übliche Mischung aus Fehlernährung und Bewegungsmangel, die oft – nicht immer – mit den Traditionen zu tun hat. Der Doktor hat, das ist ihm wichtig, einen emanzipativen Anspruch. Er kritisiert die Klischees der Männerwelt, er beklagt dass Frauen sich in der Öffentlichkeit nicht sportiv bewegen können. Männer müssten Kerle sein, echte Mannsbilder mit anständiger Wampe, sonst könnten sie die Karriere vergessen, egal ob in der Politik oder in der Wirtschaft. ‚Wir haben eine sitzende Kultur. Männer trinken Kaffee und rauchen, Frauen trinken viel zu süßen Tee und essen Gebäck ohne Ende.‘ Am Anfang kamen überhaupt keine Männer, heute sind es immerhin 10 Prozent. Der Doktor kann sie gut motivieren, er hat durchgemacht, was sie durchmachen. Vor ein paar Jahren wog er 140 Kilo, heute sind es 90. ‚Aus meinem eigenen Erfolg habe ich ein Geschäftsmodell gemacht.‘

Die Lage ist tatsächlich dramatisch. Im Gazastreifen haben nur noch etwa ein Viertel der Menschen so etwas wie ein normales Körpergewicht. Alle andern sind zu dick und leiden an den typischen Folgekrankheiten der Fettsucht, an Diabetes, Stress, Bluthochdruck, Rheumatismus oder Krebs. Statistiken sind stets von beschränkter Aussagekraft, aber viele Studien bestätigen die Diagnose des Auges. Als Gründe werden meist reduzierte physische Aktivität und ein gesteigerter Fettkonsum angegeben. Sport ist in Palästina kein Renner. Die Ausnahme bilden die Jungen, die Gewichte stemmen und den Body bilden. Über 30 Fitnesscenters gibt es in Gaza, die kann sich fast jeder leisten. Die Muskelmenschen werfen allerdings auch die bekannten Mittelchen ein wie anabole Steroide, Amphetamine und Speed. Die sind teuer, vor allem für Gaza, aber die Nachfrage ist groß. Praktisch überhaupt keinen Sport treiben die Frauen. Frauen joggen nicht auf der Straße. Viele möchten das gerne, aber die Islamisten erlauben ihnen das nicht.“ (Ulrich Schmid: „Wieso Übergewicht in Gaza und im Westjordanland zum Gesundheitsproblem Nummer eins geworden ist – eine Reportage“)

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