Latest News

»Die Doktrin der Abschreckung hat zur Blindheit der Streitkräfte geführt«

Sami Turgeman (re.) hat unlängst den Bericht seiner Untersuchungskommission präsentiert
Sami Turgeman (re.) hat unlängst den Bericht seiner Untersuchungskommission präsentiert (© (Quelle: JNS)

Während eine Untersuchung des israelischen Militärs die Hauptursachen für die Katastrophe vom 7. Oktober 2023 aufdeckte, warnen ehemalige Militäroffiziere, dass die tiefergehenden Probleme weiterhin bestehen.

Yaakov Lappin

Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) veröffentlichten am 10. November die wichtigsten Ergebnisse ihrer umfassenden internen Untersuchung der Invasion und des Massakers der Hamas vom 7. Oktober 2023 und identifizierten sechs Hauptursachen für die Katastrophe – angeführt von schwerwiegenden Fehlern in den Bereichen Nachrichtendienst, Konzeption und Einsatz. In ihrem Bericht konstatierten die IDF schwerwiegende Versäumnisse bei der »Wahrnehmung der Realität in Bezug auf den Gazastreifen und die Hamas« sowie eine »mangelnde Auseinandersetzung« mit dem Plan der Hamas, eine massive Bodeninvasion unter dem Namen »Mauer von Jericho« zu starten.

Der von einer Expertengruppe unter der Leitung des ehemaligen Chefs des IDF-Südkommandos Sami Turgeman erstellte Bericht umfasst fünfundzwanzig separate Untersuchungen und achtzig Befragungen von Beamten und wurde dem IDF-Stabschef Eyal Zamir vorgelegt. Laut der offiziellen Zusammenfassung erfolgte der Angriff »nicht aus dem Nichts heraus«, und sein Überraschungseffekt entstand »nicht aufgrund mangelnder Informationen, ganz im Gegenteil«, da direkte Geheimdienstinformationen »zu einer Warnung und einer bedeutenden operativen Reaktion hätten führen können und müssen«, wären sie richtig analysiert worden.

Zamir betonte, dass die Veröffentlichung des Berichts ein Teil des Wiederaufbaus des nationalen Vertrauens in die Streitkräfte sei: »Transparenz ist eine notwendige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung des Vertrauens der Öffentlichkeit in die IDF. Sie ist auch eine grundlegende Voraussetzung für unsere Fähigkeit, uns zu verbessern. Die Ergebnisse des Ausschusses stellen nicht das letzte Wort dar.«

Tiefergehende Probleme

Ehemalige Offiziere erklärten gegenüber Jewish News Syndicate, der Bericht liste zwar die Fehler auf, gehe aber nicht auf die tiefere Krise der Militärdoktrin ein, die es der Hamas ermöglicht hatte, unbemerkt zu manövrieren und mit überwältigender Gewalt zuzuschlagen.

Für Hanan Shai, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Misgav-Institut für nationale Sicherheit und zionistische Strategie und ehemaliges Mitglied der Untersuchungskommission zum Zweiten Libanonkrieg 2006, ist die aktuelle Untersuchung unvollständig, da ihr Fachwissen über »die Kunst des Krieges« fehle. »Es ist nicht passiert, weil plötzlich alle undiszipliniert wurden. Der zentrale Punkt, der nicht erwähnt wird, ist, dass die Ereignisse stattfanden, weil die IDF in den letzten Jahren nach der Doktrin der Abschreckung und nicht nach der Doktrin des entscheidenden Sieges operierten.«

Shai beschrieb Streitkräfte, die sich eher auf Zieldatenbanken und Präzisionsschläge konzentrierte als auf die Dominanz auf dem Schlachtfeld. »Alles ist durch die Datenbanken der Ziele gesperrt, anstatt zu überlegen, wie man den Wald schnell fällen kann«, was er als »eine sehr schwerwiegende Fehlfunktion« bezeichnete. Er warnte, dass schon frühere Gremien diese Mängel festgestellt hätten, die Institution es jedoch versäumten, diese zu beheben. Die derzeitigen Ermittler gehörten einer Generation an, die sich dem genannten Konzept immer noch verpflichtet fühlt, kritisierte Shai und verwies auf eine systemische Amnesie.

Eine ordnungsgemäße Untersuchung müsse die Ursachen erklären und nicht nur die Ereignisse beschreiben. »Wir müssen auch herausfinden, woher diese Ereignisse kamen und die Fehler beheben«, forderte Shai und widersprach der Behauptung, der Militärgeheimdienst hätte die Bedrohung nicht richtig interpretiert: »Derjenige, der für die Erklärung der Situation verantwortlich ist, ist nicht der Geheimdienst, sondern der Kommandant.«

Entzug von Autonomie und Flexibilität

Der ehemalige Kommandeur der Eliteeinheit Sayeret Matkal (Generalstabsaufklärungseinheit) Doron Avital erhob gegenüber Jewish News Syndicate den Vorwurf, dass die jahrzehntelange Zentralisierung der IDF-Führung den Streitkräften deren Autonomie und Flexibilität im Einsatz genommen habe und verglich die Struktur des Militärs mit einem Fahrzeug ohne unabhängige Federung: »Wenn alles Gewicht auf derselben Achse lastet, kann man [einzelne Stöße] nicht abfedern, und dann bricht die Achse. Das gesamte System war nach einer starren Struktur organisiert.«

Avital verwies auch auf eine gefährliche Tendenz zur technologischen Abhängigkeit gegenüber der Kampfbereitschaft. »Das Visier der Armee wurde ausgehöhlt«, kritisierte er und verwies auf die Vernachlässigung traditioneller Frühwarnverfahren wie dem Morgendämmerungsalarm, bei dem Soldaten, die Außenposten und Stellungen bemannen, früh aufstehen, um die Sicherheit des Geländes und eine hohe Einsatzbereitschaft bei Tagesanbruch zu gewährleisten.

Eine risikoscheue Kultur anstelle einer dynamischen Risikobereitschaft habe die Lage noch verschlimmert. Es sei eine solch dynamische »Risikobereitschaft, welcher die Konfrontation mit dem Feind sucht«, sagte er und verwies als Beispiel auf den tragischen Tod von Zivilisten und Soldaten in befestigten Luftschutzbunkern, die zu »Schutzräumen des Todes« wurden.

Akute Mängel

Der Turgeman-Bericht listet akute Mängel in allen Kommandostrukturen auf: Der Generalstab unterschätzte die Hamas und versäumte es, sich auf eine »Terrorarmee« vorzubereiten; die Operationsdirektion leitete keine Vorbereitungen für ein Überraschungskriegsszenario; der Militärgeheimdienst versäumte es, die wachsenden Fähigkeiten der Hamas zu verfolgen und die letzten Vorbereitungen zu erkennen; das Südkommando versäumte seine Warn- und Verteidigungsaufgaben; die Luftwaffe entwickelte keine Reaktion auf Bedrohungen in geringer Höhe und verfügte nicht über das erforderliche Situationsbewusstsein, und die Marine versäumte es, die Küste von Beginn an zu sichern.

Der Bericht hält fest, dass sowohl die Luftwaffe als auch die Marine schneller hätten reagieren können, wären die Warnungen früher ausgesprochen worden. Er hebt auch den außergewöhnlichen Mut unter unmöglichen Bedingungen hervor. »Viele IDF-Kommandeure eilten sofort in den südlichen Sektor, ohne dazu aufgefordert worden zu sein und ohne Befehle. Einige von ihnen bezahlten dafür mit ihrem Leben.«

Yaakov Lappin ist Korrespondent und Analyst für militärische Angelegenheiten in Israel, hausinterner Analyst am MirYam-Institut, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Alma-Forschungs- und Bildungszentrum und am Begin-Sadat-Zentrum für strategische Studien an der Bar-Ilan-Universität sowie Autor von Virtual Caliphate – Exposing the Islamist State on the Internet. (Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!