Diskussion um Polygamie in Ägypten

„Einer Studie des Nationalen Zentrums für Soziologische und Kriminologische Forschung zufolge werden 70 Prozent aller zweiten Ehen geschieden und 25 Prozent der ägyptischen Ehemänner heiraten innerhalb von drei Jahren nach ihrer ersten Ehe erneut. Diese Zahlen, die schon einige Jahre alt sind, sind insofern fragwürdig, als die meisten zweiten Ehen Urfi-Ehen sind, die von der Regierung weder registriert noch anerkannt werden. Um solche informellen Ehen zu schließen, muss das Paar lediglich (mit oder ohne Zeugen) ein handgeschriebenes Dokument unterschreiben. Dadurch lassen sich die religiösen Regeln gegen außer- und vorehelichen Sex umgehen. Akkurate Zahlen lassen sich schwer ermitteln, doch eines ist klar: In Ägypten gibt es eine Ehekrise, die von manchen als tickende Zeitbombe beschrieben wird. Die Scheidungsrate ist nicht nur erschreckend hoch (in den Städten lag sie der nationalen Statistikbehörde zufolge 2017 bei über 60 Prozent), sondern auch die Zahl unverheirateter Frauen steigt dramatisch an. Im Oktober waren es 11 Millionen – schätzungsweise die Hälfte aller Frauen im heiratsfähigen Alter.

Die gegenwärtigen Umstände haben die Verfechter der Polygamie ermutigt, ihren Standpunkt in den vergangenen Monaten offensiver vorzutragen. Sie rechtfertigen die umstrittene Praxis damit, dass sie Frauen eine bessere Chance biete, ‚die Ehelosigkeit zu vermeiden’, und es ihnen leichter mache, ‚ihr Recht auf einen Ehemann gelten zu machen’. Außerdem stünde Männern mit mehreren Frauen ein ‚vernünftiger Weg zur Behebung ihrer sexuellen Frustration’ zur Verfügung. Diese stelle ‚eine häufige Scheidungsursache’ dar. Die Pro-Polygamie-Aktivistin Rania Hashem hat ein Buch mit dem Titel ‚Polygamie: Ein religiöses Recht’ geschrieben. Sie meint, dass ‚Frauen kein Recht haben, ihren Männer zu widersprechen, wenn diese mehrere Frauen heiraten wollen, denn sie können nicht untersagen, was Gott im Koran gutgeheißen hat’. (…)

Im Gegensatz zu Tunesien ist die Polygamie im vorwiegend muslimischen Ägypten erlaubt. Dort können Männer mit bis zu vier Frauen gleichzeitig verheiratet sein. Es hat jedoch einige kleine und relativ zaghafte Versuche gegeben, die Praxis einzuschränken. Ein 1985 verabschiedetes Gesetz verlangt, dass der Mann die Genehmigung der ersten Frau (oder Frauen) einholen muss, bevor er sich nochmals verheiratet. Wenn die erste Frau Einwände hat oder um die Scheidung bittet, dann muss sie vor Gericht beweisen, dass ihr die zusätzliche Ehe schaden würde. Dieses Recht ist zeitlich befristet: Die Frau muss innerhalb von einem Jahr ab dem Zeitpunkt, da sie vom Plan ihres Mannes erfährt, eine weitere Frau zu heiraten, die Scheidung verlangen. Richter weigern sich jedoch oftmals, diese Regelung anzuwenden, da sie ihres Erachtens der Sharia, die laut Artikel 2 der Verfassung die wichtigste Quelle der Rechtsprechung ist, zuwiderläuft.

Sechs Jahre vor der Inkraftsetzung dieses Gesetzes hatte Präsident Anwar Sadat eine Regelung erlassen, die der ersten Frau die Beweislast abnahm, nachweisen zu müssen, dass die zusätzliche Ehe ihr schaden würde. Der Regelung von 1979 zufolge, konnte sich eine Frau einfach scheiden lassen, wenn sie Einwände gegen die zusätzliche Ehe hatte. Als konservative muslimische Kleriker nachhaltigen Widerstand gegen die Regelung leisteten, wurde sie jedoch revidiert. Sie argumentierten, die Polygamie sei ein religiös verbrieftes Recht.“ (Shahira Amin: „Debate on polygamy heats up in Egypt“)

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