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Der Iran nach Khamenei: Die Stunde der Revolutionsgarde und das Rennen um die Bombe

Anhänger des iranischen Regimes demonstrieren in Teheran für die Hamas
Anhänger des iranischen Regimes demonstrieren in Teheran für die Hamas (Quelle: JNS)

Ein unmittelbarer Krieg von außen ist unwahrscheinlich, doch die iranische Revolutionsgarde festigt ihre Macht und treibt das Atomprogramm voran.

Kazem Moussavi

Mit dem aufgrund seines hohen Alters nahenden Ende des Obersten Führers der Islamischen Republik, Ali Khamenei, steht das Land nicht vor einem Übergang, sondern vor einer gezielten Machtverdichtung, denn Khamenei ist religiös, politisch und symbolisch unersetzbar. Sein Wegfall hinterlässt ein Vakuum, das die Revolutionsgarde (IRGC) füllt: bewaffnet, ideologisch radikalisiert und bereit, den Gottesstaat mit Gewalt und nuklearer Drohkulisse zu sichern. Das Regime strebt nach Eigenstabilität durch absolute Kontrolle über alle Machtbereiche und die beschleunigte Aufrüstung seines Atomprogramms.

Auf der internationalen Bühne zeigt sich diese Strategie deutlich: Mit der Verabschiedung der von den als E3 (Deutschland, Frankreich, Großbritannien) und den USA vorgelegten Resolution der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) am 20. November in Wien wurde die Islamische Republik aufgefordert, unverzüglich einen Bericht über das angereicherte Uran zu liefern.

Khamenei lehnt dies ebenso entschieden ab wie direkte Verhandlungen mit den USA. Das Regime verfolgt weiterhin den Bau einer Atombombe unter strenger Aufsicht und militärischer Planung der Revolutionsgarde. Sollte Khamenei seinen Kurs fortsetzen, wird die Nuklearfrage dem UN-Sicherheitsrat vorgelegt werden. Doch angesichts der Beschwichtigungspolitik Europas, der Verhandlungsbemühungen Trumps und der Kooperationen Chinas und Russlands mit Teheran ist ein militärisches Eingreifen der internationalen Gemeinschaft gegen die Mullahs kaum zu erwarten.

Innere Krise

Die Proteste vom November 2019, die zu mehr als 1.500 Ermordeten, tausenden Verhaftungen und hunderten Hinrichtungen führten, markieren ein kollektives Trauma der iranischen Gesellschaft und reihten sich ein in die Aufstände von 1978, 1980, 1999, 2009, 2017, 2018 und 2022.

Jede dieser Bewegungen hätte das Regime erschüttern oder stürzen können, doch der Westen ließ die Bevölkerung allein und sicherte den Mullahs damit indirekt ihr Überleben. Diese internationale Schwäche erlaubte es der Islamischen Republik, heimlich ihre Raketen- und Atomprogramme auszubauen und gleichzeitig die Hamas im Gazastreifen, die Hisbollah im Libanon, die Hashd al-Shaabi im Irak und die Huthi im Jemen über Jahre hinweg zu finanzieren. Ohne diese Rückendeckung wären der 7. Oktober 2023, die darauffolgende regionale Eskalation sowie die orchestrierten »Free-Gaza«-Aufmärsche im Westen kaum denkbar gewesen.

Selten war die Islamische Republik strategisch so entblößt. US-Angriffe auf Atomanlagen, der reaktivierte Snapback-Mechanismus bei den UNO-Sanktionen und präzise israelische Schläge gegen seine Stellvertretermilizen haben das System getroffen – doch es bleibt unverändert. Seit 47 Jahren folgt das Regime demselben Muster: Krise erzeugen, Angst säen, Menschenrechte missachten, Geiseln nehmen, internationale Verantwortung verweigern. 

Allein im heurigen Jahr wurden mindestens 1.550 Menschen hingerichtet, 170 davon im November. Während Millionen Iraner unter Armut, Wassermangel und medizinischer Not leiden, fließen die Ressourcen nach wie vor in Repression, Geheimdienste und Atomraketen. Scheinreformen – angebliche Lockerungen der Zwangsverschleierung oder staatlich zugelassene Tanzszenen – verschleiern die Realität: Sittenpolizei und Revolutionsgarde überwachen Frauen und kriminalisieren Aktivismus als »antirevolutionär« oder »zionistisch«.

Gerüchte über Putschversuche innerhalb der Revolutionsgarde, taktische Öffnungssignale und die angebliche Rückkehr monarchistischer Figuren spalten die Exilopposition und schwächen die Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung (Frau, Leben, Freiheit) zusätzlich. In Kurdistan, Belutschistan und Chuzestan herrscht faktische Militärbesatzung. Ökologische Katastrophen – Wasser- und Energiekrise, Luftverschmutzung, austrocknende Seen, Versteppung und Wüstenbildung – verschärfen die gesellschaftliche Verelendung. Das Regime nutzt diese Not gezielt: Armut und Umweltzerstörung werden zu Werkzeugen politischer Kontrolle.

Frage der Nachfolge

Mit Ali Khameneis Gesundheitsverfall rückt die Nachfolgefrage ins Zentrum. Die religiöse Legitimation ist erschöpft; kein Kleriker kann seine Autorität ersetzen. Dieses Machtvakuum füllt die Revolutionsgarde. Formal mag ein Führungsrat oder ein neuer Oberster Ayatollah präsentiert werden – real liegt die Macht längst bei der IRGC, die Außenpolitik, Wirtschaft, Geheimdienste und Militär kontrolliert. Die Islamische Republik wird so zu einem System aus religiöser Fassade, militarisierter Ökonomie und Sicherheitsapparat, getragen von klerikal-faschistischer Ideologie, die auf Abschreckung, Totalüberwachung und Drohungen gegen Israel setzt.

Das Regime setzt auch auf begrenzte Stellvertreterangriffe, Sabotage und asymmetrische Gewalt, mit dem Kalkül, dass die Gegenseite zurückhaltend bleibt, solange kein eindeutiger Durchbruch zur Entwicklung und Produktion von Atomwaffen nachweisbar ist. Nach außen propagiert das Regime Frieden und Dialogbereitschaft, im Inneren mordet es und beschleunigt die militärische Aufrüstung.

Seit Anfang 2025 flossen laut Berichten mindestens eine Milliarde Dollar an die Hisbollah, während mittlerweile versucht wird, die Hamas wieder aufzurüsten. Khameneis Bedingungen für jedwede Verhandlungen – Ende der US-Unterstützung für Israel, Abzug aller US-Truppen in der Region, völlige Nichteinmischung in iranischen Angelegenheiten – sind bewusst unerfüllbar.

Außenminister Abbas Araghchi diffamiert jedes Nachdenken über Diplomatie mit den USA als »Verrat«. Hinter diplomatischen Nebelwänden modernisiert das Regime seine Drohnenproduktion und treibt das Atomraketenprogramm voran – nicht zur Abschreckung, sondern zur Erpressung und Beherrschung der gesamten Region. Eine IRGC-Diktatur mit Atomwaffen wäre die gefährlichste Eskalation für den Iran, Israel und den Nahen Osten.

Die Nuklearfrage bleibt der strategische Kern des Systems. Das Regime soll weiterhin mehr als vierhundert Kilogramm nahezu waffenfähigen Urans besitzen, die an unbekannte Orte gebracht wurden. Gleichzeitig behauptet US-Präsident Donald Trump, das iranische Atomprogramm sei »zerstört«. Die IAEO bleibt ausgesperrt, besonders aus den bei den israelischen und US-Angriffen beschädigten Anlagen. 

Die IAEO-Resolution vom 20. November 2025 verpflichtete das Regime zwar, die beschädigten Standorte offenzulegen und genaue Angaben über sein angereichertes Uran sowie über laufende Nuklearaktivitäten zu liefern, die sofort erfolgte Weigerung Teherans verdeutlichte aber erneut die Grenzen internationaler Einflussnahme. Kurz darauf erklärte Araghchi die im vergangenen September geschlossene Kairoer Vereinbarung zur Findung eines neuen Überwachungsrahmens mit der IAEO für ungültig – ein offener Schritt hin zu einer verdeckten, atomaren Erpressungsordnung unter direkter IRGC-Führung.

Russland, China und mehrere arabische Staaten stabilisieren das Regime wirtschaftlich, militärisch und diplomatisch, erleichtern die Umgehung von Sanktionen und ermöglichen den Ausbau seiner Programme trotz innerer Schwäche. Resolutionen bleiben wirkungslos, solange keine entschlossene politische Linie verfolgt wird.

Falschmeldungen über angebliche US- oder israelische Angriffe und interne Machtverschiebungen dienen der Demobilisierung der Bevölkerung. Ein direkter Krieg bleibt aber unwahrscheinlich, solange ein atomarer Durchbruch nicht nachweisbar ist. Der Westen strebt keinen Regimewechsel an, die Exilopposition ist zersplittert, und die iranische Gesellschaft ist durch Armut, Repression und Furcht massiv geschwächt.

Entscheidende Frage

Die tatsächliche Alternative kommt trotzdem aus der iranischen Gesellschaft selbst. Die Bewegung Frau, Leben, Freiheit zeigt, dass Millionen bereit sind, Widerstand zu leisten – in Städten, Provinzen, Universitäten, Fabriken, Frauenrechtsinitiativen, Umweltgruppen und selbst in Gefängnissen. Ohne internationale Unterstützung dieser Zivilgesellschaft aber, ohne die weltweite Terrorlistung der Revolutionsgarde und die Austrocknung ihrer ökonomischen Netzwerke droht ein nuklear abgesicherter, islamistisch-antisemitischer Militärfaschismus. Ein solches System würde einen unkontrollierbaren atomaren Rüstungswettlauf auslösen – mit Folgen weit über den Nahen Osten hinaus.

Die entscheidende Frage lautet: Wird die Welt der iranischen Bevölkerung endlich vertrauen – und zwar rechtzeitig? Kann die Gesellschaft sich selbst befreien, bevor ein gewalttätiges, nuklear gestütztes System endgültig fest etabliert ist? Die Zukunft des Irans liegt allein in den Händen der Iranerinnen und Iraner. Nicht nur die Exilopposition, auch die internationale Gemeinschaft muss die Jin-Jiyan-Azadi-Bewegung im Iran unterstützen, darf sie aber niemals durch eine undemokratische Fake-Opposition ersetzen.

Der Artikel erschien zuerst bei Jungleblog.

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