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»Nichts an diesen Protesten ist pro-palästinensisch«

Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 stellt sich Karoline Preisler den antiisraelischen Protesten entgegen
Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 stellt sich Karoline Preisler den antiisraelischen Protesten entgegen (© Imago Images / Seeliger)

Im Gespräch mit Elisa Mercier spricht die Aktivistin Karoline Preisler über die anti-israelischen Demonstrationen in Deutschland und ihren unermüdlichen Protest dagegen.

Elisa Mercier (EM): Israelhass und Antisemitismus nehmen weltweit enorm zu. Wie nehmen Sie die Situation in Deutschland bzw. Berlin wahr?

Karoline Preisler (KP): Wir sind an einem Scheideweg und müssen uns entscheiden, ob wir unsere Menschlichkeit und Errungenschaften bewahren wollen oder offenen Judenhass und brutale Gewalt als unsere Zukunft akzeptieren. Ich will ehrlich sein: Entweder halten wir die Selbstermächtigung totalitärer Antisemiten auf, oder wir werden alle den höchsten Preis zahlen.

EM: Wir erleben global immer mehr pro-palästinensische Demonstrationen. Wie würden Sie jene von Berlin beschreiben?

KP: Die Versammlungen haben nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 starken Zulauf bekommen. Berlin war schon zuvor ein Sammelbecken einer antisemitischen Querfront gewesen, doch in den letzten zwei Jahren haben die Gewaltbereitschaft und die Schamlosigkeit bei der Verbreitung antisemitischer Narrative zugenommen. Offen wird das erschütternde Massaker vom 7. Oktober 2023 als Befreiungsschlag gefeiert.

Nichts an diesen Protesten ist pro-palästinensisch. Niemand dort fordert zum Beispiel eine bessere Infrastruktur oder eine bessere Versorgung für Frauen im Gazastreifen. Die Teilnehmenden solcher Proteste wollen Israel auslöschen. Doch dabei bleibt es nicht. Sie rufen: »Von Berlin bis nach Gaza, yalla, yalla, Intifada!« Das ist ein Schlachtruf, der wenig unserer Fantasie überlässt. Es geht um Unterwerfung. Nach Israel greifen sie jede andere freie Gesellschaft an. Wir sollten uns nichts vormachen.

EM: Sie selbst protestieren häufig auf diesen Demos. Wie sind die Reaktionen?

KP: Oft kommen am Rande Gespräche mit Teilnehmenden zustande. Überwiegend werde ich aber von Passantinnen und Passanten oder Leuten, die Berlin besuchen, angesprochen. Sie sind froh, dass jemand Gegenreden hält. Das sind gute Gründe, um die ablehnenden Reaktionen auszuhalten. Diese bestehen etwa in Beschimpfungen und Spuckattacken. Seltener, aber noch immer zu oft, erlebe ich körperliche Gewalt.

EM: Denken Sie manchmal daran, mit Ihren Protesten aufzuhören?

KP: Inzwischen bin ich seit vierzig Jahren politisch aktiv. Evaluation meines Engagements gehört dazu. Oft passe ich meinen Protest an neue Umstände an. Jedes Engagement einzustellen, ist keine Option für mich. Politische Teilhabe ist eine demokratische Errungenschaft, die ich nicht missen möchte.

EM: Was motiviert Sie, sich zu engagieren?

KP: Mit meinem Protest kann ich auf praktische Weise etwas gegen die Verherrlichung von Terror und Antisemitismus unternehmen. Ich möchte meine Möglichkeiten ausschöpfen. Schweigen kommt für mich nicht infrage, da unter anderem das dem Judenhass mehr Raum gibt. Das darf nicht sein.

EM: Muss sich die Zivilgesellschaft stärker gegen Antisemitismus und für Israel engagieren?

KP: Unbedingt! Die Zivilgesellschaft muss sich sehr viel stärker gegen Antisemitismus und Israelhass stellen. Sie muss! Israel und wir teilen viele Werte, demokratische Errungenschaften und Freiheitsrechte. Wir sollten uns nicht einbilden, dass Antisemitismus keine Folgen für Nichtjuden hat. Das Gegenteil ist der Fall. Antisemiten hassen Juden und alle anderen Menschen, die ihre Ideologie nicht teilen. Niemand bliebe verschont. Das muss uns klar sein. Ich wünschte, wir müssten das Gespräch nicht führen. Wir alle sollten aus der Shoah gelernt haben.

EM: In Berlin gibt es eine relativ große, aktive, pro-israelische Szene. Fehlt es hier teils an gemeinsamem Handeln? Wie nehmen Sie dies wahr?

KP: Ich mag die Vielfalt und die pro-israelischen Proteste. Manchmal besuche ich Demonstrationen von Freundinnen und Freunden. Unsere liberale Demokratie ist dynamisch und die pro-israelische Szene in Berlin gehört dazu.

Doch ich meide Gruppierungen, die zum Beispiel mit dem deutschen Rechtsextremisten Oliver Kulik gemeinsame Sache machen. Kulik zeigte sich mehrfach in Begleitung einer Aktivistin, die in Berlin merkwürdige pro-israelische Proteste anmeldet. Mit solchen Leuten will ich nichts zu tun haben. Ich halte Rechtsextremismus für keine zielführende Antwort auf Islamismus und Linksextremismus. Wie so oft liegt die Antwort in der Mitte und ist mit harter Arbeit verbunden. Die Politik der Mitte muss endlich aus dem Koma erwachen.

EM: Sind Sie mit der Politik im Austausch zu Themen wie Antisemitismus und Einsatz für Israel?

KP: Ja. Ich führe fast täglich Gespräche mit Politikerinnen und Politikern im In- und Ausland. Wir vernetzen uns und werben für gemeinsame Lösungen. Wir alle haben gelernt, dass islamistische, linksextreme und rechtsextreme Netzwerke funktionieren, weil sie sich global vernetzen. Demokratinnen und Demokraten haben das in der Vergangenheit teils vernachlässigt. Es wird Zeit, besser zu werden als unsere Feinde.

EM: Wie kann man Druck auf die Bundesregierung ausüben, damit sie sich für die Hamas-Geiseln einsetzt, darunter Deutsch-Israelis?

KP: Dazu will ich allen Bürgerinnen und Bürgern sagen: Werden Sie laut! Agieren Sie sichtbar! Schreiben Sie Briefe an Politikerinnen und Politiker! Gehen Sie auf die Straße! Die Geiseln müssen dringend freigelassen werden. Sie sind seit fast zwei Jahren in der Gefangenschaft der Hamas-Terroristen. Fast verhungert, psychisch extrem belastet, medizinisch unversorgt. Das sind Verbrechen gegen die Menschlichkeit, welche die Zivilgesellschaft und die Politik keinesfalls weiter hinnehmen dürfen.

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