Viele junge Iraner wenden sich zunehmend von der Religion ab und der persischen Geschichte und kulturellen Identität zu, die älter sind als der Islam.
Farid Alemdar
Die Anfälligkeit des iranischen Regimes ist nicht nur das Ergebnis von struktureller wirtschaftlicher Misswirtschaft, Unterdrückung oder Korruption. Die primäre Ursache liegt in der Erosion seiner tragenden ideologischen Säule, des Islams. Insbesondere unter den jüngeren Generationen, welche die demografische Mehrheit im Iran bilden, wird die Ablehnung religiöser Zwänge und des staatlich verordneten Islams immer sichtbarer. Dieser Trend erschüttert die Legitimität des Regimes in seinen Grundfesten.
In den Jahren 1974 bis 1975 befand sich der Iran in einer außergewöhnlich günstigen wirtschaftlichen Lage. Die Ölpreise hatten sich verdoppelt und der Schah hatte beabsichtigt, die daraus resultierenden Einnahmen zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums und der Modernisierung zu nutzen. Doch diese Ambitionen standen im Widerspruch zur damaligen sozialen Realität. Landesweite Umfragen, die 1974 von den iranischen Staatsmedien durchgeführt wurden, zeigten, wie tief Religion und konservative soziale Verhältnisse in der Gesellschaft verwurzelt waren.
Bis zu 96 Prozent der Iraner gaben an, regelmäßig zu beten, während 79 Prozent den Ramadan einhielten. Darüber hinaus mieden 23 Prozent bewusst den Kinobesuch, da dieser als haram, also als religiös verboten galt. Wenn überhaupt, waren Kinobesuche größtenteils eine männliche Aktivität; rund 70 Prozent der Männer hielten es für unangemessen, gemeinsam mit ihren Ehefrauen ins Kino zu gehen. Auch die Erwerbstätigkeit von Frauen außerhalb des Hauses stieß auf breite Ablehnung: 75 Prozent der Männer lehnten diese Idee ab. Gleichzeitig hatten rund 60 Prozent der Bevölkerung so gut wie keine Ausbildung.
Ideologische Säule bröckelt
Diese Zahlen veranschaulichen eine Gesellschaft mit stark konservativen sozialen Strukturen, die kulturell und sozial schlecht auf das Tempo der wirtschaftlichen Modernisierung vorbereitet war. Der Staat ging vorwärts, doch die Gesellschaft hielt nicht Schritt. Der Begründer der ersten landesweiten Meinungsumfragen im Iran, Ali Assadi, beschrieb dies als eine Phase sozialer Entwurzelung, in der eine Gesellschaft ihre vertraute Vergangenheit hinter sich lässt, ohne bereits eine klare Vision für die Zukunft entwickelt zu haben. Unter solchen Umständen suchen die Menschen Stabilität und Sinn in Strukturen, die Gewissheit bieten. Im Iran wurde diese Rolle zunehmend vom Islam übernommen.
Der 1979 verstorbene, prominente iranische Intellektuelle Parviz Nikkhah belegte in seiner Doktorarbeit, dass Wirtschaftswachstum und Modernisierung in vielen Ländern typischerweise zu einem Rückgang religiöser Gruppen und religiöser Bildung führen. Im Iran geschah jedoch das Gegenteil. Der Islam fungierte nicht nur als Glaubenssystem, sondern entwickelte sich auch zu einem sozialen Anker innerhalb der Gesellschaft.
Im heutigen Iran zeichnet sich der gegenteilige Trend ab. Junge Menschen distanzieren sich zunehmend vom Islam. Die Ablehnung der Religion hat erheblich zugenommen, was zum Teil auf das diktatorische Regime der letzten 47 Jahre zurückzuführen ist, das unter dem Banner des Islams zahlreiche Gräueltaten begangen hat.
Dies steht in krassem Gegensatz zur Situation in den 1970er-Jahren. Damals befürworteten etwa 75 Prozent der Bevölkerung das Kopftuch, während die iranischen Medien aktiv modernere und westlichere Kleidungsstile propagierten. Aktuelle Umfragen zeigen, wie dramatisch sich die Einstellungen gewandelt haben. Laut einer groß angelegten Umfrage des Forschungsinstituts GAMAAN lehnen rund 80 Prozent der Iranerinnen und Iraner das Hidschab-Gebot ab; etwa 68 Prozent befürworten eine Trennung von Staat und Religion. Seit der »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung von 2022/23 und den Protesten im heurigen Januar sind diese Zahlen wahrscheinlich noch gestiegen.
Dieser Wandel spiegelt die Suche nach alternativen Identitätsquellen wider. Viele junge Iraner wenden sich zunehmend der persischen Geschichte und der kulturellen Identität zu, die dem Islam vorausging. Sie beziehen sich häufig auf Kyros den Großen, der das erste Persische Reich gegründet und den Grundstein für eine der frühesten Zivilisationen der Welt gelegt hatte. Gleichzeitig vergleichen sie dieses Erbe mit dem Iran vor der Revolution von 1979, als das Land unter der Führung des Schahs versuchte, sich der Modernisierung und wirtschaftlichen Entwicklung anzupassen.
Viele junge Menschen ziehen eine historische Parallele: So, wie der Islam im siebten Jahrhundert durch Eroberung in den Iran gelangte, sehen sie die iranische Revolution von 1979 als jenen Moment, in dem die Ayatollahs der Gesellschaft erneut den staatlichen Islam aufzwangen und die persische Identität in den Hintergrund drängten. Dieser Trend unter der jüngeren Generation untergräbt das ideologische Fundament, auf das sich das Regime seit Jahrzehnten stützt. Das Regime hat fast fünf Jahrzehnte lang versucht, die Bevölkerung durch Unterdrückung und Gewalt zu kontrollieren, doch Identität und Überzeugung können nicht unterdrückt werden.
Die wichtigste Säule des Regimes beginnt daher zu bröckeln. Die Macht mag noch intakt erscheinen, doch der Zusammenbruch wird unvermeidlich sein. Letztendlich wird ihn keine Kugel aufhalten können.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






