Worum es im Jemen-Krieg wirklich geht

Der Konflikt im Jemen ähnelt dem Krieg in Syrien. Die beiden Länder wetteifern um die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart und das ­Tableau der militärisch involvierten Länder und Gruppen ist ähnlich komplex und unübersichtlich. Die Konfrontation zwischen den Saudis und ihren Verbündeten – im Jemen spielen die Vereinigten Arabischen Emirate auch militärisch eine größere Rolle – auf der einen Seite und dem Iran auf der anderen bildet das Grundmuster. Hinzu kommen diverse innerjemeni­tische Fraktionierungen zwischen Jihadisten, südjemenitischen Separatisten, der international anerkannten Regierung, Warlords wie dem Vizepräsidenten Ali Mohsen, einem Konkurrenten Salehs. Überlagert wird das von einem komplizierten Stammesgeflecht, das vor allem im Norden eine bedeutende Rolle spielt.

Während der Iran mit Unterstützung der Hizbollah die Houthi-Kämpfer – die als Zaiditen unter die Schia subsumiert werden – bewaffnet und ausbildet, liefern Briten und US-Amerikaner die Bomben für die saudische Luftoffensive, die immer wieder auch die Zivilbevölkerung treffen. Die USA führen im Jemen zudem noch ­einen fast vergessenen Drohnenkrieg gegen al-Qaida, der regelmäßig auch Zivilisten trifft – ein Vermächtnis der ­Regierung Barack Obamas. Die Saudis und Emiratis ­haben darüber hinaus Interventionstruppen zusammengekauft, darunter sudanesische Milizen, die ihre Erfahrungen bei den Massakern in Darfur gesammelt haben. Auch Eritrea ist an der Ausbildung jemenitischer Kämpfer für die Anti-Houthi-Koalition beteiligt; dabei wurde dem Land mit einer der berüchtigtsten Diktaturen weltweit lange eine Kooperation mit den iranischen Revolutionsgarden nachgesagt. (…)

Die Houthis scheinen darauf zu vertrauen, sich weiterhin in Sanaa behaupten zu können. Doch haben sie nach ­ihrem Sieg über den ehemaligen Verbündeten Saleh ein Problem – und darin liegt nun die Hoffnung ihrer Gegner: Trotz seines verheerenden Einflusses auf die Geschicke des Landes war Saleh durchaus auch eine populäre Führerfigur. Der selbst aus der Region um Sanaa stammende ehemalige Diktator hatte 2014 den Houthis die Machtübernahme in der Hauptstadt erst ermöglicht. Ursprünglich war der Aufstand der Houthis eine lokale Rebellion im Norden und die Houthis selbst waren ein Spielstein im jemenistischen Machtspiel, das Saleh so gut beherrschte. Dabei wurde seine Position als Seniorpartner der so provinziellen wie eifrig religiösen Houthis immer schwächer. Im August soll sich Saleh bereits einmal in Hausarrest befunden haben. Die wachsende Stärke der Houthis dürfte der iranischen Unterstützung zu verdanken sein. Das so markante Bekenntnis der Houthis zum schiitisch-iranischen Lager, auch ihre Anlehnung an das Erscheiungsbild der Hizbollah – als Partei nennen sie sich Ansar Allah –, ist jedoch in weiten Teilen des Nordjemen nicht populär. Es könnte sich herausstellen, dass die Houthis fortan alleine gegen alle anderen stehen, zumal wenn sie auf heftige Repression in ihrem Machtbereich setzen.“ (Oliver M. Piecha: „Letzter Seitenwechsel“)

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