„Die Revolution geht nicht zu Ende, bevor das Regime gestürzt ist“

„Es ist nun bald acht Jahre her, dass Bahr Nahhas erstmals gegen das syrische Regime demonstrierte. Er hat einen dunklen Teint, seine Haare und sein Bart sind im Ergrauen begriffen, und er trägt ein kurzärmeliges, schwarz und weiß gestreiftes Hemd. Noch immer demonstriert er jede Woche mit unverändertem Schwung. Die Parolen haben sich allerdings mit der Zeit verändert.

Seit 2011 malt der 45jährige Fliesenmacher vor jeder Freitagsdemo in der in der nordwestsyrischen Provinz Idlib gelegenen und von Aufständischen kontrollierten Stadt Maaret al-Numan sorgsam kluge Sprüche auf Protestschilder. In dem Maße, in dem die Proteste des Volks sich zum bewaffneten Konflikt entwickelten, ausländische Mächte sich einmischten und seine Gegend zur Heimat hartgesottener Dschihadisten wurde, hat sich der Tonfall der Sprüche allerdings weiterentwickelt.

Auf seiner ersten Demonstration im März 2011 forderte Nahhas in Solidarität mit den Städten, die gegen das Regime Präsident Bashar al-Assads aufgestanden waren, ‚Freiheit und Würde‘. ‚Ich werde jene Zeit nie vergessen‘, sagte der hochgewachsene Vater von fünf. Berauscht von der Aussicht, endlich ungehindert gegen das syrische Regime der eisernen Faust protestieren zu können, hätten die Demonstranten einander geküsst und umarmt, erinnert sich Nahhas. ‚Wir hofften, das Regime innerhalb weniger Tage oder Wochen stürzen zu können‘, berichtet er.

Stattdessen kam es zu einem langanhaltenden Konflikt. Die von Russland unterstützten Streitkräfte des Regimes haben die Aufständischen und Dschihadisten nach und nach zurückgedrängt. Im Sommer begannen sie, um Idlib herum aufzumarschieren. (…)

Inzwischen trennt eine unsichere Pufferzone die Streitkräfte des Regimes von der Region, von der fast die Hälfte durch die von ehemaligen al-Qaida-Kämpfern angeführte Hayat Tahrir al-Scham-Miliz (HTS) kontrolliert wird. Nahhas beharrt allerdings darauf, dass die Hardliner nicht für ganz Idlib sprechen. ‚Wir sind auf die Straße gegangen und haben demonstriert, um zu zeigen, dass wir keine Terroristen sind‘, erläutert Nahhas.

‚Unsere Stadt war eine der ersten, in denen Demonstrationen gegen den Islamischen Staat stattfanden‘, erklärt Nahhas. Dem in Großbritannien ansässigen Syrian Observatory for Human Rights zufolge kontrollierte der Islamische Staat 2014 Teile von Maaret al-Numan für kurze Zeit, bis er von aufständischen Kämpfern wieder vertrieben wurde.

‚Dann haben wir gegen die al-Nusra-Front demonstriert … und auch sie wurde vertrieben‘, fügt Nahhas hinzu. Die al-Nusra-Front war die Vorgängerorganisation der HTS. Dem Syrian Observatory for Human Rights zufolge vertrieben von der Türkei unterstützte Aufständische die HTS dieses Jahr nach monatelangen Kämpfen aus der Stadt, die die ganze Zeit über vom Regime und dessen russischem Verbündeten schwer bombardiert wurde. (…)

Die freitägliche Demonstration begann nach dem Mittagsgebet. Ein kleines Kind auf dem Arm, mischte sich Nahhas unter die Menge der Demonstranten, umgeben von Transparenten, bei deren Herstellung er mitgeholfen hat. Assad hat geschworen, letztlich ganz Maaret al-Numan sowie die Region Idlib zurück zu erobern, aber der erfahrene Demonstrant gibt nicht auf. ‚Auf keinen Fall kann diese Revolution, die so viele Menschen getötet und verschleppt gesehen hat, zu einem Ende kommen, bevor das Regime gestürzt ist‘, sagte Nahhas.“ (AFP: „In Syria’s Idlib, a protester still going strong“)

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