Die Pyrrhussiege des Assad-Regimes

„Von Russland und dem Iran unterstützte Regierungsstreitkräfte sind dabei, ihre Kontrolle über Ghouta und andere Gebiete im Umkreis von Damaskus zu festigen. Angesichts eines derartig seismischen Umschwungs hat es den Anschein, als sei Assad wieder einmal obenauf, während der Aufstand tot zu sein oder zumindest in den letzten Zügen zu liegen scheint. Eine solche Sichtweise würde die Lage jedoch grob vereinfachen, denn die Realität vor Ort sieht ganz anders aus. Selbst wenn es Assad gelingen sollte, seine Feinde aus dem Umland von Damaskus zu vertreiben, ja selbst wenn es ihm gelingen sollte, seine Streitkräfte in Aleppo dauerhaft zu etablieren und die letzten Hochburgen der Aufständischen in Idlib zurückzuerobern, scheint es fraglich, ob er die übrigen Teile Syriens wieder übernehmen könnte. (…)

Dann ist da der Iran, dessen Streitkräfte Seite an Seite mit den irakischen Milizen im Südosten des Landes operieren. Diese Gruppen spielten zu Beginn des Konflikts, vor der russischen Intervention, eine entscheidende Rolle im Widerstand gegen die aufständischen Streitkräfte und fügten der Freien Syrischen Armee 2013 in Kusseir zusammen mit der Hisbollah eine schwere Niederlage zu. Nachdem sie die kurdischen Hoffnungen auf Unabhängigkeit im eigenen Land zerschlagen und die Enklaven des Islamischen Staats im Irak beseitigt haben, nutzen diese Milizen den Vorwand, sie würden weiterhin den Terrorismus bekämpfen, um ihre fortgesetzte Präsenz in Syrien zu rechtfertigen.

Dass Assads Fähigkeit zur weiteren Ausübung der Kontrolle über Syrien von diesen Kräften abhängt, bringt seine eigenen Schwierigkeiten mit sich. Realistischerweise kann er sie nicht einfach zum Rückzug auffordern. Zudem wird jede Konfrontation mit dem Iran dadurch erschwert, dass Teheran Assad letztlich in einem Zangengriff hat. Mit der Hisbollah im Westen und den Milizen im Osten, die beide nicht allzu weit von Damaskus entfernt sind, ist Assad im Grunde genommen eine Geisel. Dieser Zustand wiegt umso schwerer, als es keine glaubwürdige syrische Armee gibt. (…) Unterdessen haben die Russen ihre Präsenz in Hmeimim und Tartus gefestigt. Ausländische Interventionen sind nie umsonst und Syrien wird einen hohen Preis für die erheblichen Anstrengungen Russlands zur Rettung des Regimes zu entrichten haben. (…)

Wie weit Regierungsstreitkräfte bei dem Versuch, Syrien zurückzuerobern, kämen, lässt sich schwer sagen. Sie sind nicht stark genug, um es mit der türkischen Armee aufzunehmen und werden sich bei diesem Unterfangen wohl kaum auf das zurzeit mit der Türkei verbündete Russland verlassen können. Um gegen die US-Streitkräfte in Manbidsch vorzugehen, fehlt ihnen ebenfalls die Stärke. Die Regierungstruppen werden durch die iranischen Milizen lahmgelegt und trauen sich nicht, das entscheidende Machtmittel der russischen Luftwaffe anzufordern, das den Spieß einst zugunsten Assads umdrehte. Daher verfügt Assad über nichts, was er in die Waagschale werfen könnte, um Russland oder den Iran in einen offenen Konflikt mit den USA und den Türken zu locken. So handelt es sich bei dem scheinbaren Wiedererstarken Assads mehr um Schein als Sein, und seine Siege können nur als hohl bezeichnet werden.“ (Sami Hamdi: „Even if he ‚wins,‘ Assad has lost Syria“)

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