„Die Proteste im Iran zeugen von einer neuen Situation“

„Ein herausstechendes Merkmal der Proteste bestand darin, dass die Parolen der Demonstranten und die Reden ihrer Anführer erstmals in der jüngeren Geschichte des Iran frei von jedem religiösen Unterton waren. Wir wurden Zeugen einer politischen Bewegung mit politischen Zielen. (…) Viele Iraner, darunter auch einige, die dem Regime angehören, stimmen darin überein, dass die Mullahs vor vier Jahrzehnten ein relativ wohlhabendes Land übernahmen und es in ein Armenhaus verwandelt haben, in dem fünf Millionen Menschen an chronischer Unterernährung leiden und weitere 25 Millionen Menschen in menschenunwürdigen Slums hausen. Dennoch begreifen sie, dass die Wirtschaftsnot in dem Land das Ergebnis der unverantwortlichen Innen- und Außenpolitik des Regimes ist. Wir waren also Zeugen eines landesweiten politischen Aufstands gegen den Status quo.

Dass es sich um einen landesweiten Aufstand handelte, soll nicht besagen, dass der ganze Iran oder auch nur die Mehrheit der Iraner beteiligt war. Es handelte sich um einen landesweiten Aufstand, weil er sich nicht an soziale, regionale, ethnische und religiöse Grenzen hielt. In manchen Orten, so beispielsweise in Isfahan, marschierten die reichsten Bewohner Seite an Seite mit den ärmsten und mit Angehörigen der Mittelschichten. In der Industriestadt Arak marschierten Arbeiter gemeinsam mit ihren Arbeitgebern, um zu demonstrieren, dass sie das Mullahregime satt haben. Es handelte sich auch um einen generationenübergreifenden Aufstand, der Menschen aller Altersgruppen zusammenbrachte. Zugegeben, die meisten Demonstranten waren jung. Mehr als 90 Prozent der vom Islamischen Sicherheitsdienst verhafteten ungefähr 3000 Demonstranten waren unter 30. Doch wer könnte die Szenen vergessen, in denen Männer und Frauen in ihren Achtzigern die Demonstrationen in Maschhad, Tabriz, Shiraz und Kerman anführten? Es handelte sich auch um einen geschlechterübergreifenden Aufstand, an dem Männer und Frauen zu gleichen Teilen beteiligt waren. In vielen Orten, selbst in kleineren Städten, führten Frauen die Proteste an oder erinnerten mit ihren leidenschaftlichen Reden an La Pasionaria. (…)

Es war ein wahrlich landesweiter Aufstand, der in der jüngeren Geschichte des Iran präzedenzlos dasteht und sich gegen die bestehende Ordnung richtete. Er bot keine klare Alternative, hat aber insofern eine neue Situation geschaffen, als er gezeigt hat, dass das Mullahregime seinen eigenen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz keineswegs unbesiegbar ist. Noch vor einem Jahr hätten wenige zugegeben, dass das Mullahregime gestürzt werden könnte. Jetzt tun das viele, sogar öffentlich, darunter auch manche Lobbyisten des Regimes im Ausland.“ (Amir Taheri: „Iran: Anatomy of a National Revolt“)

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