Die Nachrufe auf den IS wurden zu früh verfasst

„Kämpfer des Islamischen Staats, die im Flusstal des unteren Euphrat operieren, habe diese Woche 68 Angehörige der von den USA unterstützten Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) getötet. Im Schutze eines Sandsturms, der die Sicht massiv behinderte, begingen die sunnitischen Dschihadisten des Islamischen Staats eine Reihe von Selbstmordanschlägen auf Stellungen der SDF. Die Koalition verlegte rasch 500 Kämpfer der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in das Gebiet. Die SDF bestanden dort überwiegend aus arabischen Kämpfern des Militärrats von Deir ez-Zor. Schwere Luftschläge und ein massiver Artilleriebeschuss durch die Koalition folgten. Inzwischen hat die Lage sich vorerst wieder einigermaßen beruhigt. Die gemeinsame Offensive der SDF und der Koalition gegen das letzte größere vom Islamischen Staat kontrollierte Gebiet um die Stadt Hadschin dauert unterdessen an.

Man sollte die jüngsten Vorfälle in Hadschin nicht für das letzte Gefecht einiger weniger verbliebener Kämpfer des Islamischen Staats oder eine letzte grausige Fußnote der grauenerregenden Geschichte des von Abu Bakr al-Baghdadi am 29. Juni 2014 in der al-Nuri-Moschee in Mosul ausgerufenen Kalifats halten. Alles deutet darauf hin, dass der Islamische Staat mit Nachhutgefechten, an deren Ende ein definitiver Abschluss steht, nichts am Hut hat. Er hätte seinem Kampf beim Verlust der wichtigsten von ihm zeitweilig kontrollierten Gebiete um Mosul im Irak und Raqqa in Syrien ein symbolisches Ende setzen können, hat dies jedoch vermieden. Während ein harter Kern seiner Kämpfer dort noch seine letzten Schlachten focht, setzten die entscheidenden Anführer und Kader sich ab, um den Islamischen Staat für die nächste Phase seines Kampfes zu reorganisieren.

Die Vorfälle in Hadschin spiegeln also die Tatsache wider, dass der Islamische Staat nicht zerschlagen worden ist. Berichte über sein Dahinscheiden sind erheblich übertrieben worden. Er ist gegenwärtig dabei, sich zu reorganisieren und umzugruppieren, und könnte demnächst wieder großangelegte Operationen durchführen. (…)

In Syrien und dem Irak gibt es weiterhin eine sehr große Zahl unzufriedener sunnitischer Araber, die sich vom politischen Prozess ausgeschlossen fühlen. Weder das von Alawiten dominierte Regime Assads in Damaskus noch die von Schiiten geführte und dem Iran nahestehende irakische Regierung in Bagdad kümmern sich um ihre Anliegen. Wie die Ereignisse der letzten Jahre bewiesen haben, lässt sich diese Bevölkerungsgruppe am ehesten mit der Sprache des sunnitischen politischen Islam ansprechen. (…)

Dass der Islamische Staat die Macht und Größenordnung zurückerlangt, die er im Sommer 2014 hatte, ist zunächst unwahrscheinlich. Doch ein langanhaltender sunnitischer Aufstand unter Führung des Islamischen Staats in den sunnitisch-arabischen Grenzgebieten Syriens und des Irak scheint immer wahrscheinlicher. Das Kalifat mag zerstört worden sein, doch der Islamische Staat ist wieder da.“ (Jonathan Spyer: „The Return of ISIS“)

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