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Die Strategie der Muslimbruderschaft im Westen

Lorenzo Vidino ist der rührende Experte zur Muslimbruderschaft im Westen. (Camera dei deputati/CC BY-ND 2.0)
Lorenzo Vidino ist der rührende Experte zur Muslimbruderschaft im Westen. (Camera dei deputati/CC BY-ND 2.0)

Die Muslimbruderschaft versucht, als Repräsentant der islamischen Gemeinden anerkannt zu werden – der Staat sollte das tunlichst vermeiden.

Lorenzo Vidino, Jungle World

Die ersten Mitglieder der Muslimbrüder kamen in den fünfziger und sechziger Jahren nach Europa und Nordamerika, wo sie einige der Strukturen aus der arabischen Welt nachgebildet haben. Diese Organisationen existieren heute noch und funktionieren im Wesentlichen wie jene im Nahen Osten, nur auf niedrigerem Niveau. Allerdings werden sie geheim gehalten, ihre Existenz wird standhaft geleugnet. Die Muslimbruderschaft präsentiert sich im Westen lieber in Gestalt öffentlicher Organisationen, deren Namen in keiner Weise auf die Muslimbruderschaft rekurrieren. Vielmehr versucht man, den Eindruck zu vermitteln, die gesamte muslimische community zu repräsentieren.

Ableger der Muslimbruderschaft im Westen haben historische, organisatorische, personelle und finanzielle Verbindungen zu den größeren Gruppen in der arabischen Welt, von denen sie abstammen. (…) Die Muslimbruderschaft ist eine große transnationale Familie, deren Ableger im Westen zweifellos die Juniormitglieder sind. Allerdings ist das nicht wie seinerzeit im Realsozialismus, als die Komintern für alle das Sagen hatte. (…)

Grundsätzlich gibt es zwei Ziele: Erstens versucht die Muslimbruderschaft, die eine geringe Mitgliederzahl hat, aber über reichliche Ressourcen verfügt, die religiösen und politischen Ansichten der im Westen lebenden Muslime zu beeinflussen. Das zweite Ziel besteht darin, bevorzugter Ansprechpartner westlicher Regierungen und als offiziell anerkannter gatekeeper der muslimischen Gemeinschaft mit der Verwaltung aller Aspekte des muslimischen Lebens betraut zu werden, um die Politik beeinflussen zu können. (…)

Der „Arabische Frühling“ hat für die Muslimbruderschaft erhebliche geopolitische Umwälzungen mit sich gebracht, vor allem das Ende der finanziellen Unterstützung durch die Mehrzahl der Golfstaaten, was eine der Voraussetzungen darstellte, um ein derart breites Netzwerk mit weltweiter Geltung im Westen zu etablieren. Dennoch kann die Muslimbruderschaft weiterhin auf einige wohlhabende individuelle Unterstützer am Golf zählen. Auf staatlicher Ebene unterstützt sie allerdings nur noch Katar – das aber ziemlich großzügig. (…)

Die Muslimbruderschaft im Westen bildet eine Realität ab, die nicht ignoriert werden kann. Sie hat einen signifikanten Einfluss bekommen, so dass es unrealistisch wäre, einer Regierung vorzuschlagen, sie niemals zu beteiligen. Aber was viele Regierungen gerade tun, ist, die Muslimbruderschaft zu ermächtigen, indem sie sie als Repräsentantin der muslimischen community behandeln und zahlreiche Partnerschaften eingehen. Das reicht vom islamischen Religionsunterricht bis zur Radikalisierungsprävention und dem Gewähren finanzieller Mittel.

Jedes Treffen, jede Partnerschaft, jede gemeinsame Aktivität, so klein und belanglos sie auch erscheint, ist ein kleines Glied in der Legitimationskette, die Islamisten zu schmieden versuchen – und das ist hochproblematisch. Deswegen sollten Regierungen eine Politik betreiben, die der Bruderschaft keinerlei Plattform bietet. Treffen nur, wenn nötig, aber jede Handlung vermeiden, die sie ermächtigt oder legitimiert.

(Auszüge aus einem Interview mit Lorenzo Vidino, das Jonas Kruthoff mit ihm für die Jungle World geführt hat.)

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