Ausgerechnet kurz nach dem Massaker an mindestens 30.000 iranischen Demonstranten gratulierte UNO-Generalsekretär António Guterres der Islamischen Republik zum Jahrestag ihrer Revolution von 1979.
Jasmin Arémi
Dieser Tage muss man sich wieder einmal fragen, ob die Vereinten Nationen eine internationale Organisation sind oder vielmehr ein globales Performance-Kollektiv. Eines allerdings, das moralische Tragödien für Satire hält. Der neueste Akt von UNO-Generalsekretär António Guterres in dieser Schmierenkomödie bestand darin, dem iranischen Präsidenten Masoud Peseschkian ein Glückwunschschreiben zum Nationalfeiertag der Islamischen Republik übermittelt zu haben – trotz der jüngsten Massenhinrichtungen, der systematischen Gewalt gegen Demonstranten und der alltäglichen Menschenrechtsverletzungen.
Der Feiertag markiert den Jahrestag der Gründung der Islamischen Republik im Jahr 1979. Laut der iranischen Nachrichtenagentur IRNA habe Guterres diesen Tag als »wichtige Gelegenheit« beschrieben, um über den »Weg eines Landes, seine Rolle und seinen Beitrag innerhalb der internationalen Gemeinschaft sowie über die Ideale, die seine Zukunft prägen«, nachzudenken.
Zudem habe der UNO-Generalsekretär betont, dass solche Jahrestage daran erinnern, wie wichtig Dialog und Solidarität bei der Bewältigung globaler Herausforderungen sind. Die Beendigung von Kriegen, die Verhinderung neuer Konflikte, die Klimakrise, der Abbau von Ungleichheiten, die Regulierung mächtiger Technologien: All dies, so wird er zitiert, »erfordere ein erneuertes Engagement und Bekenntnis zur multilateralen Zusammenarbeit, um Frieden und Sicherheit voranzubringen, die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen und die Menschenrechte zu wahren«.
Unklar ist, ob Guterres in dem Schreiben die brutale Niederschlagung der regimekritischen Proteste in den vergangenen Wochen erwähnte. Stattdessen: ministeriale Freundlichkeit, diplomatischer Weihrauch, irgendein Hinweis auf Frieden und Sicherheit – Worte wie aus dem Baukasten globaler Höflichkeit. Der britische Jewish Chronicle brachte die Sache auf eine zugespitzte Formel: »Hat der UNO-Generalsekretär gerade der iranischen Diktatur ›Happy Birthday‹ gewünscht?« Eine Frage, die bei näherer Betrachtung weniger polemisch wirkt, als sie zunächst scheint.
Die Nichtregierungsorganisation UN Watch forderte Guterres daraufhin auf, den vollständigen Wortlaut seines Schreibens zu veröffentlichen: »Die Welt verdient Transparenz.« Sollten die Berichte zutreffen, habe er zu erklären, »wie Glückwünsche an ein Regime, das für anhaltende Massaker verantwortlich ist, dem Ziel von Frieden und Gerechtigkeit dienen«. Das Büro des Generalsekretärs wurde um eine Stellungnahme gebeten.
Did the UN Secretary-General just say ‘happy birthday’ to the Iranian dictatorship?https://t.co/zcB7GZ4Hy3
— The Jewish Chronicle (@JewishChron) February 11, 2026
Die Werte der UNO
Man könnte diese Episode als diplomatische Routine verbuchen, als eine jener Gesten, die in den ritualisierten Abläufen internationaler Politik kaum mehr Aufmerksamkeit verdienen als ein korrekt gesetztes Protokollhäkchen. Doch im Kontext der vergangenen Wochen bekommt Guterres’ Brief einen schalen Beigeschmack. Die UNO, einst gegründet, um Frieden zu sichern und den Menschenrechten ein institutionelles Dach zu geben, wirkt bisweilen wie ein Ort, an dem man vor allem gut vergessen kann, wozu man gegründet wurde. Soll das der eigentliche Geist multilateraler Diplomatie sein? Man gratuliert allen, in der Hoffnung, niemandem zu nahe zu treten, und tritt damit jenen zu nahe, die auf Solidarität hoffen.
Zur Steigerung der Absurdität trägt bei, dass die Organisation weiterhin an Francesca Albanese, ihrer Sonderberichterstatterin für die palästinensischen Gebiete, festhält. Am vergangenen Wochenende ließ sich Albanese per Video zu einer Konferenz des katarischen TV-Senders Al Jazeera zuschalten, auf deren Teilnehmerliste auch der langjährige Chef des Hamas-Politbüros Khaled Mashal stand. In ihrem Grußwort sprach sie vom Recht der Palästinenser auf »Widerstand« und versuchte dann zu präzisieren, dass solcher Widerstand oft stigmatisiert und mit Terrorismus gleichgesetzt werde, dabei sei er legitim, solange er sich gegen militärische und nicht gegen zivile Ziele richte.
Es ist jener semantische Balanceakt, der in internationalen Debatten bei Albanese regelmäßig zu beobachten ist: Die rhetorische Abgrenzung von Terror bei gleichzeitiger emphatischer Aufladung des Begriffs »Widerstand«. In diesem Zusammenhang ist es auch interessant, dass die Vereinten Nationen die Hamas bislang nicht auf ihrer Terrorliste führen, anders als etwa Al-Qaida oder den Islamischen Staat. Gleichwohl verpflichtet der Verhaltenskodex für UNO-Sonderberichterstatter diese zu Neutralität, Objektivität und fachlicher Unabhängigkeit – also zu dem, was Albanese in keiner Weise erfüllt.
Die Stellungnahmen der Sonderberichterstatterin konzentrieren sich nahezu ausschließlich auf mutmaßliche israelische Vergehen. Gewalt und Repression anderer Akteure scheinen, wenn überhaupt, nur als Randnotiz auf.
Das sieht auch der französische Außenminister Jean-Noel Barrot so. Für die Sitzung des UNO-Menschenrechtsrats am 23. Februar ist angekündigt, dass die Forderung des Rücktritts von Albanese eingebracht werden wird: Sie stelle sich als unabhängige Expertin dar, erklärte Barrot, sei aber »weder Expertin noch unabhängig«, sondern vielmehr eine politische Aktivistin, die Hass gegen Israel schüre und der Sache der Palästinenser schade, die sie zu vertreten vorgebe. Seit dem vergangenen Jahr ist Francesca Albanese bereits wegen Antisemitismus und Terrorunterstützung von den USA sanktioniert.
Natürlich sind die Vereinten Nationen kein Monolith, sondern ein komplexes Geflecht aus Staaten, Gremien, Mandaten und Interessen. Doch wenn der Generalsekretär einem islamistischen Regime zum Nationalfeiertag gratuliert, obwohl es Menschenrechtsverletzungen, Repressionen und Massenmord im großen Stil begeht, entsteht ein Bild, das sich nicht allein mit diplomatischer Routine erklären lässt. Und wenn eine Sonderberichterstatterin sich vor allem dadurch profiliert, Israel zu diskreditieren, sollte dies zu Irritation und Empörung führen und nicht zu Business as usual.
Eine Organisation, die sich als Hüterin universeller Werte versteht, muss sich daran messen lassen, wie und wem gegenüber sie diese Werte kommuniziert. Vielleicht ist das die eigentliche Prüfung multilateraler Glaubwürdigkeit: Nicht die Formulierung wohlklingender Sätze, sondern das Handeln nach jenen Werten, die zu vertreten und zu wahren man vorgibt.






