Die militante Frömmigkeit im Süden Tunesiens

„In Tunesien kennt jeder irgendwen, der nach Syrien in den Jihad gezogen ist. Die vielen Rückkehrer stellen das kleinste Land Nordafrikas vor gewaltige Probleme. Derweil sind die radikalen Prediger längst nicht verstummt. (…) ‚Der IS ist hier, überall‘, sagt [Fatima] und meint damit in Douz. Das ist eine kleine Stadt in der südtunesischen Wüste nicht weit von der algerischen Grenze, wo es besonders schlimm sein soll. ‚Aus jedem Haus gibt es jemanden, der nach Syrien gegangen ist‘, berichtet Mohammeds Mutter. 60 Prozent der jungen Leute seien hier Salafisten, 30 Prozent von ihnen Jihadisten, so schätzt sie. Auch noch, nachdem das sogenannte Kalifat des IS im arabischen Osten untergegangen ist. Der karge und staubige Ort hat große Probleme damit, seinen Jungen andere Perspektiven zu bieten als die extreme und oft auch militante Frömmigkeit, die seit einigen Jahren in die Moscheen der Umgebung eingezogen ist. (…)

‚Das hat uns die Revolution gebracht: Freiheit für extremistisches Gedankengut, das sich wie ein Geschwür in ganz Tunesien ausbreiten konnte.‘ Fatima schüttelt traurig den Kopf. ‚Wenn wir nur die Zeit zurückdrehen und Ben Ali wiederhaben könnten. Damals konnten Jihadisten noch nicht offen arbeiten.‘ Sie spricht aus, was viele im tunesischen Hinterland denken. Von der Freiheit der Revolution ist hier nichts angekommen, außer der Freiheit für Extremisten. (…) Fatimas Eindruck wird bestätigt von einem neuen, im Auftrag der Uno angefertigten, vertraulichen Dossier über Radikalisierung in Tunesien.

Eine der Hauptursachen für den Zulauf zu militanten Gruppen ist demnach, dass sich die jugendliche Bevölkerungsmehrheit politisch in der Minderheit wähnt. Der heutige Staatspräsident Beji Caid Essebsi ist 91 Jahre alt und diente bereits unter den Langzeitherrschern Bourguiba und Ben Ali. Ihm gegenüber steht eine Bevölkerung mit einem Altersdurchschnitt von 30 Jahren. Die Repräsentanten des alten Regimes erschweren, dass die junge Generation am politischen System teilhat. Kein Wunder, traut die Jugend ihrem eigenen Staat nicht über den Weg. Zum ersten Mal repräsentiert fühlten sich die jungen Marginalisierten nach Ben Alis Sturz: von der Terrororganisation Ansar al-Sharia, die von 2011 bis 2013 ungestört agieren konnte. Zu diesem Ergebnis kommt das Dossier. Eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis: Viele der späteren Jihadisten wollten auf der Suche nach besseren Perspektiven ursprünglich nach Europa auswandern. Syrien war nur Plan B. (…) Inzwischen mag der IS durch den großen Verlust an Territorium und finanziellen Möglichkeiten viel von seiner Strahlkraft eingebüßt haben. Die Ursachen des Extremismus aber bestehen fort.“ (Susanne Kaiser: „Der Imam predigt weiter den Jihad“)

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