Die Unterwerfung der Türkei unter die Sharia

„In den vergangenen Wochen haben türkische Regierungsvertreter mit einer jahrzehntealten Tradition in der nominell nach wie vor säkularen Republik gebrochen. Sie bezeichnen den Militäreinsatz des Landes in Syrien neuerdings als Jihad. In den ersten beiden Tagen der Operation, die am 20. Januar begann, wies die amtliche Religionsbehörde die fast 90.000 Moscheen in der Türkei an, über die Lautsprecher ihrer Minarette die ‚Al-Fath’-Verse des Korans – das ‚Eroberungsgebet’ – zu übertragen. Das Salonfähig-Machen des Jihad, der die Anwendung von Gewalt gegen diejenigen, die den ‚Islam beleidigen’, gutheißt, stellt einen entscheidenden Schritt dar auf dem Weg zur Unterwerfung der Gesellschaft unter die Sharia. Diesen Weg scheint die Türkei leider langsam zu beschreiten. Im Westen wird die Sharia oft mit körperlichen Züchtigungen wie den von islamistischen Terroristen und Gruppen wie dem Islamischen Staat ausgeführten Enthauptungen in Verbindung gebracht. In Wirklichkeit wird die Sharia aber nur in wenigen Ländern in dieser Form angewendet.

In den meisten muslimischen Ländern gilt eine Mischung aus religiösen und säkularen Gesetzen, was zu einer weniger drakonischen Anwendung der Sharia führt. In diesen Fällen geht die Sharia in ein komplexes Netz von rechtlichen, politischen und administrativen Maßnahmen ein. Mit der Rückendeckung der Staatsmacht legt sie der Öffentlichkeit islamische Praktiken auf, wie das Fasten während Ramadan. Sie dämonisiert auch jene, die die Religion nicht praktizieren, und stellt Äußerungen und Handlungen unter Strafe, die angeblich den Islam beleidigen. Im Regelfall kommt die Sharia also nicht im schwarzen Gewand oder der Axt des Scharfrichters daher, sondern als ein undurchdringlicher Schleier, der die gesamte Gesellschaft einhüllt. Viele fromme Muslime entscheiden sich individuell dafür, sich an manche oder all jene Maßgaben der Sharia zu halten, die ihre Religiosität betreffen. Die politische Kraft der Sharia beruht aber auf den Druckmechanismen der Regierung und der Gesellschaft. Gemeinsam zwingen sie die Bürger dazu, sich an die konservative Ausprägung des Islam zu halten. (…) Allerdings werden diejenigen, die erwarten, dass Erdogan in der Türkei die Scharia in Kraft setzt, noch einige Zeit warten müssen. Das wird nicht über Nacht geschehen. Die Sharia wird die Gesellschaft nur schrittweise mit Beschlag belegen.“ (Soner Captagay: „In long-secular Turkey, sharia is gradually taking over“)

 

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