Die „Islamische Republik“ – eine staatlich erzwungene Kulisse

„Die Flamme des Aufbruchs ist erloschen, die Erinnerung an die dramatischen Tage von 1979 verglüht. Stattdessen zweifeln immer mehr Iraner an ihrem politischen System, das sich als gottgegebene Wohltat inszeniert, in Wirklichkeit aber ein Übermaß an Arbeitslosigkeit und Wirtschaftsmisere, an Dürre und Umweltfreveln produziert.

Zudem macht die Bevölkerung – anders als früher – nicht mehr Amerika, Israel und den Westen für den nationalen Dauerstress verantwortlich, sondern die eigene Führung – ihre Korruption und Inkompetenz, ihr frommes Getue und ihre moralische Arroganz, ihren Machtmissbrauch im Namen Allahs und ihren regionalen Ehrgeiz, der die Kraft des 82-Millionen-Volkes überfordert.

Zynisch räumte kürzlich einer der damaligen Hardliner-Ayatollahs ein, ohne den Umsturz vor vier Jahrzehnten wäre die Nation heute wahrscheinlich ökonomisch erfolgreicher. Aber man habe, so fügte er hinzu, die Revolution nicht gemacht, um den Iran zu verbessern, sondern um den Islam zu beleben. Doch selbst dieses Kernanliegen ist dem schiitischen Gottesstaat abhandengekommen. Die engstirnige Militanz der Polit-Kleriker hat die junge Bevölkerung zur säkularsten des gesamten Nahen und Mittleren Ostens gemacht.

Die persischen Moscheen sind heute genauso leer wie die Kirchen Europas. Gingen zu Zeiten des Schahs noch die Hälfte aller Iraner zum Freitagsgebet, sind es heute weniger als fünf Prozent. Alles andere – vom erzwungenen Kopftuch über die Tschadors bis hin zum rituell-politischen Freitagsgebet in der Teheraner Universität – ist nur noch staatlich erzwungene Kulisse. Die Erschaffung des islamischen Mustergläubigen ist genauso gescheitert wie zuvor die Erschaffung des sozialistischen Mustermenschen.“ (Martin Gehlen: „Das Ende der alten Mullah-Garde“)

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