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Die Illusion einer »islamischen NATO«

»Islamische Nato«? Treffen der vier Außenminister in Antalya
»Islamische Nato«? Treffen der vier Außenminister in Antalya (© Imago Images / Anadolu Agency)

Warum die militärische Einheit der islamischen Welt über Lippenbekenntnisse und symbolische Handlungen hinaus ein politischer Mythos bleibt.

Paushali Lass

Seit mehr als einem Jahrzehnt taucht in politischen Debatten immer wieder die Idee einer »islamischen NATO« auf: die Idee eines militärischen Bündnisses muslimisch geprägter Staaten, das gemeinsame Interessen verteidigen und als geopolitisches Gegengewicht zu anderen Machtblöcken auftreten könnte. Politiker und Kommentatoren in Ländern wie der Türkei, Pakistan oder Saudi-Arabien berufen sich dabei regelmäßig auf islamische Solidarität und die Möglichkeit einer engeren strategischen Zusammenarbeit. Die geopolitische Realität spricht jedoch gegen die Entstehung eines solchen Bündnisses.

Ein wichtiger Versuch, eine entsprechende Struktur aufzubauen, war die Gründung der Islamic Military Counter Terrorism Coalition (IMCTC) durch Saudi-Arabien im Jahr 2015. Die Allianz umfasste zunächst 34 und später mehr als vierzig muslimische Staaten. Ergänzt wurde sie durch groß angelegte Militärübungen wie »North Thunder« im Jahr 2016, die als Demonstration gemeinsamer militärischer Stärke präsentiert wurden. Trotz dieser symbolträchtigen Initiativen entwickelte sich die Koalition jedoch nie zu einer echten Militärallianz. Es fehlte an gemeinsamen Kommandostrukturen, einheitlichen Strategien und verbindlichen Verteidigungsverpflichtungen – und damit an den grundlegenden Merkmalen eines funktionierenden Militärbündnisses.

Rivalitäten innerhalb der muslimischen Welt

Der zentrale Grund für das Scheitern einer »islamischen NATO« liegt in den tiefen politischen, religiösen und geopolitischen Spaltungen innerhalb der muslimischen Welt. Besonders deutlich wird dies in der Rivalität zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Beide Staaten beanspruchen Einfluss und Führungsrollen in der islamischen Welt und konkurrieren seit Jahrzehnten um politische und religiöse Autorität.

Diese Rivalität reicht weit über klassische Machtpolitik hinaus. Sie besitzt auch eine konfessionelle Dimension und prägt Konflikte im Irak, in Syrien, im Libanon und im Jemen Während Saudi-Arabien den iranischen Einfluss als Bedrohung seiner regionalen Stellung betrachtet, stellt Teheran regelmäßig die religiöse Legitimität der saudischen Führung infrage. Unter solchen Bedingungen erscheint ein Militärbündnis, das die gesamte muslimische Welt repräsentieren soll, kaum realisierbar.

Doch auch innerhalb des sunnitischen Lagers bestehen erhebliche Differenzen. Die Golfstaaten verfolgen häufig unterschiedliche außenpolitische Ziele und unterstützen in regionalen Konflikten teilweise gegensätzliche Akteure. Selbst enge Partner sind sich oft nicht über gemeinsame Strategien einig, was die Bildung eines geschlossenen Sicherheitsbündnisses zusätzlich erschwert.

Die Grenzen einer angeblichen islamischen Einheit zeigen sich besonders deutlich bei konkreten Auseinandersetzungen. Zwischen Pakistan und Afghanistan kam es wiederholt zu Grenzkonflikten, militärischen Operationen und gegenseitigen Anschuldigungen. Trotz der häufig beschworenen Solidarität muslimischer Staaten blieb eine koordinierte Reaktion oder Vermittlung weitgehend aus.

Noch deutlicher wird dieser Widerspruch im Umgang mit den Uiguren in China. Während viele muslimische Regierungen regelmäßig Stellung zur Palästina-Frage beziehen, vermeiden sie meist offene Kritik an Peking. Insbesondere Pakistan hat aufgrund seiner wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Abhängigkeit von China eine kritische Haltung vermieden. Dieses Beispiel zeigt, dass nationale Interessen und strategische Partnerschaften häufig wichtiger sind als religiöse Verbundenheit.

Die Außenpolitik muslimischer Staaten wird daher in erster Linie von nationalen Interessen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und sicherheitspolitischen Überlegungen bestimmt. Der Verweis auf islamische Einheit dient oft eher politischen und symbolischen Zwecken als einer tatsächlichen gemeinsamen Strategie.

Neue geopolitische Allianzen

Die geopolitische Landschaft des Nahen Ostens hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Seit den Abraham-Abkommen haben die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Beziehungen zu Israel deutlich ausgebaut und die Zusammenarbeit in den Bereichen Technologie, Handel und Sicherheit intensiviert. Gleichzeitig hat sich Indien zu einem entscheidenden wirtschaftlichen und strategischen Partner vieler Golfstaaten entwickelt. Diese Entwicklungen verdeutlichen einen grundlegenden Wandel: Pragmatismus und wirtschaftliche Interessen gewinnen zunehmend an Bedeutung, während ideologisch geprägte Bündnisvorstellungen an Einfluss verlieren. Moderne Partnerschaften orientieren sich immer stärker an wirtschaftlichem Nutzen, technologischer Zusammenarbeit und regionaler Stabilität.

Auch Pakistan verdeutlicht diese Widersprüche. Einerseits pflegt das Land enge Beziehungen zu Saudi-Arabien, andererseits bestehen tiefe militärische und wirtschaftliche Verbindungen zu China. Solche unterschiedlichen Prioritäten machen deutlich, warum die Vision eines geschlossenen islamischen Militärblocks in der Praxis kaum umsetzbar ist.

Die wiederkehrenden Diskussionen über eine »islamische NATO« sowie symbolische Formen militärischer Zusammenarbeit können den Eindruck eines entstehenden geeinten Machtblocks vermitteln. Tatsächlich sprechen die geopolitischen Realitäten jedoch gegen eine solche Entwicklung. Konkurrierende Führungsansprüche, regionale Konflikte und unterschiedliche nationale Interessen stehen einer nachhaltigen militärischen Integration entgegen. Was häufig als Ausdruck wachsender islamischer Geschlossenheit wahrgenommen wird, erweist sich bei näherer Betrachtung eher als geopolitische Projektion denn als belastbare strategische Realität.

Die Vorstellung einer »islamischen NATO« bleibt damit vor allem ein politisches Narrativ, dessen wahrgenommene Stärke die tatsächlichen strukturellen Gegensätze innerhalb der muslimischen Welt überdeckt. Während manche Beobachter darin die Entstehung eines einheitlichen Machtblocks erkennen, deutet die gegenwärtige Entwicklung vielmehr auf eine zunehmend multipolare und interessengeleitete Ordnung hin, in der nationale Prioritäten religiöse Solidarität regelmäßig überwiegen.

Geopolitik ist selten statisch. Während sich die Spannungen rund um den Iran, die Sicherheit der Schifffahrtswege in der Straße von Hormus und der von Donald Trump verfolgte Druck auf Teheran weiterentwickeln, könnten im Nahen Osten neue Bündnisse entstehen, die bestehende ideologische Grenzen überschreiten. Die entscheidende Frage ist daher weniger, ob eine »islamische NATO« entstehen wird, sondern wie eine fragmentierte und zunehmend interessengeleitete regionale Ordnung die Sicherheitsarchitektur des erweiterten Nahen Ostens in den kommenden Jahren verändern wird.

Paushali Lass ist Senior Advisor und Direktorin für Terrorismusstudien bei INSIGHTS, einem indischen Think Tank. Sie ist geopolitische Beraterin mit Schwerpunkt Israel, Fellow des Israel–India Friendship Club und publiziert regelmäßig zu Sicherheits-, Außen- und Nahostthemen in internationalen Medien.

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