Die Waffenruhe, die am 10. Oktober 2025 in Kraft trat, sollte den Anfang vom Ende der Hamas markieren – nachdem sie einen Krieg begonnen hatte, den sie nicht gewinnen konnte, den Gazastreifen in eine verheerende humanitäre Katastrophe stürzte und Israel traumatisiert zurückließ.
Jan Kapusnak
Zwei Jahre Kämpfe – und zermürbende, politisch hoch umstrittene Verhandlungen – waren notwendig gewesen, um die erste Phase des Plans von US-Präsident Donald Trump zu erreichen, welche eine Waffenruhe und die Rückkehr der verbleibenden Geiseln, lebend oder tot, umfasste. Doch Phase zwei beruht auf Wunschdenken: der Annahme, die Hamas könne weitgehend freiwillig entwaffnet und entmachtet werden – durch Zustimmung statt durch Zwang.
In Wirklichkeit ist die Feuerpause zu einer Atempause geworden: Zeit für die Hamas, sich neu zu ordnen, wieder aufzurüsten, ihre Finanzen zu stabilisieren und jene Maschinerie zu reaktivieren, die sie zur entscheidenden Macht im Gazastreifen machte.
Die Gelbe Linie
Die Pattsituation ist strukturell. Die Rahmenbedingungen koppeln einen israelischen Rückzug an die Entmilitarisierung der Hamas, doch genau diese lehnt die Hamas ab: Israel will nicht abziehen, solange die Hamas nicht entwaffnet ist; die Hamas will sich nicht entwaffnen lassen, solange Israel nicht abzieht. Das ist kein verhandelbarer Zustand, sondern ein existenzieller Widerspruch, den keine diplomatische Formulierung verschönern kann.
Das Ergebnis ist absehbar: Die Hamas verletzt die Waffenruhe weiter und testet die Linien mit Beschuss aus; das israelische Militär kann sich nicht verantwortungsvoll zurückziehen; Wiederaufbaumittel bleiben hinter Sicherheitsbedingungen blockiert und jede palästinensische »technokratische« Verwaltung – einschließlich dem von Trump vorgeschlagenem National Committee for the Administration of Gaza (NCAG) – riskiert, zu einer hohlen Schnittstelle zu werden, welche die Hamas infiltrieren, einschüchtern oder ignorieren kann. Die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Kriegs sinkt nicht, sie steigt.
Die Karte nach der Waffenruhe erklärt, warum die Hamas weiterhin im Spiel ist. Die Feuerpause hat eine verhärtete Geografie entlang der sogenannten Gelben Linie hervorgebracht: eine faktische innere Grenze, die durch Israels Sicherheitsdispositiv entstand und den Gazastreifen in zwei Funktionswelten teilt. Östlich der Linie liegt eine israelisch gehaltene Sicherheitszone, die rund 53 Prozent des Territoriums umfasst, aber nur etwa fünfzehn Prozent der Bevölkerung – rund 300.000 Menschen. Westlich davon liegt der dicht besiedelte Küstengürtel: etwa 47 Prozent der Fläche, aber rund 85 Prozent der Bevölkerung, etwa 1,8 Millionen Menschen, unter palästinensischer Herrschaft, wo die Hamas weitgehend tun kann, was sie will.
Statt triumphaler Kundgebungen und »Wir haben gewonnen«-Parolen früherer Runden wählte die Hamas einen gedämpften Ton, passend zur Verwüstung des Gazastreifens – einer Verwüstung, die sie selbst mitorganisiert hat, indem sie Tunnel, Kommandozentren und Abschussanlagen in zivilen Wohnquartieren verbarg. Die Hamas verkaufte das bloße Überleben als Sieg, als Beweis, dass sie noch steht; als Ausdauer, die Gazas Leiden in Standhaftigkeit umdeutet und als Hebel, indem sie darauf besteht, weiterhin bestimmen zu können, was als Nächstes passiert, indem sie jeden »Tag danach« sabotiert, durch den sie umgangen wird.
Das Ziel: Die Moral heben, zugleich interne Kritik am astronomischen Preis eines Kriegs abfedern, den die Hamas selbst ausgelöst hat. Khalil al-Hayya, stellvertretender Vorsitzender des Hamas-Politbüros, verkündete den Gazanern, »die Welt« habe staunend verfolgt, was sie gegeben und geopfert hätten, wie sie standhaft, geduldig und hingebungsvoll geblieben seien, während sie einen Krieg geführt hätten, »wie ihn die Welt noch nie gesehen« habe. Er fügte hinzu, Gaza habe »Wunder aus eigener Kraft vollbracht und Wunden geheilt«, »Jerusalem und al-Aqsa verteidigt« und den Feind mit »beispiellosem Heldentum und Mut« bekämpft.
Akteure wie die Hamas akzeptieren selten das Narrativ der Niederlage. Sie schreiben ihre Geschichte um, erzeugen Mythen, welche die Vergangenheit verklären und Verluste rechtfertigen. Die militärische Niederlage wird zum Symbol kultureller und moralischer Überlegenheit.
Das Propagandapaket hob hervor, was es als »Errungenschaften« bezeichnete: Den Schock für Israel am 7. Oktober 2023 und das daraus folgende Unsicherheitsgefühl, den diplomatischen und imagemäßigen Schaden, den »die zionistische Entität« im Ausland erlitten habe, das Scheitern, den »Widerstand« zu entwaffnen sowie die Freilassung palästinensischer Gefangener – gerahmt als Beweis, dass Gewalt und Geiselnahme Ergebnisse liefern, besonders dann, wenn unter den Freigelassenen Personen sind, die wegen Mordes an Israelis verurteilt wurden.
In den sozialen Medien stellte die Hamas den Krieg als diplomatischen Durchbruch dar und klang unverkennbar stolz darauf, von westlichen liberalen und progressiven Bewegungen umarmt zu werden. Sie reklamierte »Anerkennung« über Kontakte zu hochrangigen US-Vertretern, darunter Sondergesandter Steve Witkoff, und prahlte damit, die globale pro-palästinensische Aktivität habe eine Normalisierung mit Israel gebremst, rechtlichen und diplomatischen Druck in internationalen Foren verschärft und geholfen, das palästinensische Narrativ weltweit zu verankern.
Das Unterirdische, das die Hamas am Leben hielt
Das Tunnelnetz, die sogenannte Gaza Metro, ist einer der wichtigsten Gründe, warum die Hamas den Krieg überleben konnte. Es ist ihr strategisches Refugium: Ein verborgenes Logistikgitter, Kommando- und Kontrollsystem sowie Fluchtweg, der es Führungskräften erlaubt, sich zu bewegen, Kämpfer erscheinen und verschwinden zu lassen, Waffen zu lagern und Operationen jenseits konventioneller Zielbekämpfung zu koordinieren.
Schätzungen zufolge umfasste das Netz zu Kriegsbeginn rund fünf- bis sechshundert Kilometer, verband Anlagen im gesamten Streifen über tausende (Schätzungen zufolge rund 5.700) Schächte, und war teilweise bis zu achtzig Meter tief – eine Ingenieurleistung, bei der es sich in Umfang und Komplexität wohl um das größte Projekt handelt, das je ein palästinensischer Akteur gebaut hat.
Israel zerstörte viele Eingänge und Schächte und ließ in manchen Gebieten große Strecken einstürzen, doch eine vollständige Kartierung und Demontage blieb unvollendet, als die militärischen Operationen stoppten. Öffentliche Angaben variieren, aber Einschätzungen reichen von etwa hundert Kilometern zerstörter Abschnitte in bestimmten Sektoren bis zu Behauptungen, nur zwanzig bis dreißig Prozent des Netzes seien beschädigt oder außer Betrieb gesetzt worden.
Tunnel zu neutralisieren, gehört nicht nur zur Kriegsführung; es ist Industrie-Ingenieursarbeit. In manchen Sektoren können Kräfte über einen Kilometer Tunnel pro Tag zerstören, in anderen wird die Zerstörung zu einem teuren Tiefbauprojekt, das kontrollierte Sprengungen, Versiegelungssysteme und enorme Betonmengen erfordert. Ein einzelner Tunnel nahm innerhalb von drei Tagen zwölftausend Kubikmeter Beton auf, rund tausend Lkw-Ladungen, was die Stilllegung von Betonwerken in Israels Süden erzwang.
Die Dringlichkeit ist nicht theoretisch. Selbst ein verkleinertes, taktisches Tunnelsystem kann der Hamas noch ihre wertvollste Beute ermöglichen: die Entführung israelischer Soldaten – jene Art von Aktion, die eine Hebelwirkung in der Form zurückbringt, von der die Gruppe weiß, dass sie am besten funktioniert.
Die Bedingungen für einen Waffenstillstand mögen die Zerstörung von Tunneln unter internationaler Aufsicht vorsehen, doch die Durchsetzung ist das schwächste Glied. Wer hat die technische Kapazität, zu verifizieren, dass ein so gewaltiges Netzwerk tatsächlich demontiert wird? Und warum sollte die Hamas kooperieren, indem sie Routen und Karten eines Untergrundsystems preisgibt, das sie über Jahrzehnte errichtet hat? Das tiefere Problem ist strukturell: Sobald israelische Kräfte aus bestimmten Gebieten sich zurückziehen, erodiert zwangsläufig die Überwachung des Tunnelnetzwerks. Wenig hält die Hamas davon ab, versiegelte Segmente wieder zu öffnen oder neue zu graben – mit derselben Expertise und denselben helfenden Händen, die das ursprüngliche Netzwerk ermöglichten.
Die soziale Infrastruktur
Die Hamas überlebt auch durch tiefe Wurzeln: ein dichtes Geflecht sozialer Netzwerke, Daʿwa-Institutionen und Patronage, über vier Jahrzehnte aufgebaut. Sie hat sich im zivilen Skelett eingenistet, in Moscheen und Wohltätigkeitsorganisationen, Schulen und Kliniken, Jugendstrukturen, Wohlfahrtsverteilung und in jenen Verwandtschaftsbindungen, die den Alltag organisieren – zusammen mit informellen Kanälen, die entscheiden, wer Hilfe bekommt, wer Schutz erhält und wer bestraft wird.
Die Hamas stellt diesen Zustand offen als dauerhaft dar: Nicht als äußere Kraft, sondern als »untrennbarer Teil« des palästinensischen Volks und natürlicher Bestandteil des nationalen Mosaiks, eine Bewegung, die den bewaffneten Widerstand als zentralen Hebel kollektiver Moral und Legitimität versteht und die Idee, die Hamas isolieren zu können, als Fantasie abtut.
Der Zweck des Daʿwa-Netzes ist nicht nur Frömmigkeit, sondern Infrastruktur: Karitative und sozialstaatliche Versorgung, geerdet in der islamischen Verpflichtung zum Geben, dient zugleich der Rekrutierung, der Disziplinierung und der Loyalitätssicherung. Deshalb ist die Hamas nicht einfach eine »Terrorarmee«, die man wegbomben kann; sie ist eine Massenbewegung mit einem bewaffneten Flügel, mit sozialen Wurzeln in der Bevölkerung, die Einfluss regenerieren, selbst wenn Bataillone zerschlagen sind.
Diese Einbettung ist es, die es der Hamas ermöglicht, den Zusammenbruch formaler Regierungsstrukturen zu überdauern. Wenn Ministerien versagen, halten informelle Macht- und Daʿwa-Institutionen die Bewegung präsent. Zugleich schafft sie organisatorische Redundanz: Führungspersonen werden getötet, Kader rücken nach, und selbst unter extremem Druck kann Ordnung wieder durchgesetzt werden. So hat sich die Gruppe als ungewöhnlich anpassungsfähig und effizient erwiesen: Selbst während des Kriegs zahlte sie Kämpfern und Funktionären weiterhin Geld, zwar zu reduzierten Sätzen, nicht ohne Murren oder gelegentliche Meutereien, aber ausreichend, um Loyalität und Befehlskette aufrechtzuerhalten.
Patronage erklärt auch, warum die Hamas politisch lebendig bleibt, mitten in Gazas Trümmern. In Umfragen des Palestinian Center for Policy and Survey Research Ende Oktober 2025 führte die Hamas im Gazastreifen weiterhin das Feld an (41 Prozent gegenüber 29 Prozent für die Fatah). Einige Antworten mögen durch Angst, Einschüchterung oder sozialen Konformitätsdruck geprägt sein, andere durch Verzerrung der Daten, doch der Befund lässt sich nicht einfach wegwischen: Die Hamas verfügt über eine belastbare Basis.
Unmittelbar nach der Waffenruhe tauchten Hamas-Kämpfer aus dem Tunnelsystem wieder auf und beeilten sich, das Vakuum auf ihrer Seite der Gelben Linie zu füllen. Ihr Sicherheitsapparat kehrte auf die Straße zurück, um ihr Gewaltmonopol wiederherzustellen, »Nachkriegschaos« zu unterdrücken und zu signalisieren, dass »Ordnung« und Herrschaft zurück sind. Die Hamas setzte Straßenkontrollen mithilfe zweier militärischer Formationen durch. Sahm (»Pfeil«), gegründet im März 2024, überwacht Märkte und Hilfskonvois und führt zugleich geheime Festnahmen und Verhöre durch. Die Rada-Truppe, gebildet Ende Juni 2025, agiert als Durchsetzungsarm, der mutmaßliche »Agenten« und Diebe durch öffentliche Abschreckungsaktionen ins Visier nimmt.
Ein zentrales Ziel sind rivalisierende Clans und bewaffnete Netzwerke, die im Krieg gewachsen sind und danach ihr Terrain halten wollen. Die Hamas versucht, diese alternativen Machtzentren durch Razzien, Einschüchterung und öffentliche Abschreckungsinszenierungen zu zerschlagen, einschließlich Exekutionen mutmaßlicher »Kollaborateure«.
In Deir al-Balah geht sie gegen Clans wie Abu Khamash und Abu Ma’qasib vor und beschuldigt sie, Hilfslastwagen zu kapern und geplünderte Ware auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Weitere Rivalen sind eine Ost-Khan-Yunis-Fraktion unter Hussam al-Astal (»Abu Son«), ein ehemaliger Offizier der Palästinensischen Autonomiebehörde, den die Hamas 2022 zum Tod verurteilte und der im September 2025 eine Antiterrortruppe ankündigte, sowie die bekannteren Popular Forces in Ost-Rafah (al-Sufi) unter Yasser Abu Shabab, der später Berichten zufolge in einem internen Streit über an die Hamas abgezweigte Lebensmittel getötet wurde (trotz Bemühungen, ihn in einem israelischen Krankenhaus zu retten) und durch Rassan al-Dheini ersetzt wurde.
Einige dieser Milizen koordinieren sich mit Israel und erhalten Waffen, Lebensmittel und medizinische Hilfe, was sie zu einem zweischneidigen Instrument macht: Taktisch zwingen sie die Hamas, Ressourcen nach innen umzulenken und interne Hinterhalte zu fürchten; strategisch bergen sie klassische Stellvertreter-Risiken: Fragmentierung, Warlordismus um Hilfe und Schutz, kriminelle Organisationen, die sich gegen den Sponsor wenden können.
Keine der Milizen hat sich mit anderen zu einem Dachverband geeint, der die Hamas wirklich herausfordern könnte, und keine ist pro-israelisch geworden oder hat palästinensische nationale Ambitionen aufgegeben. Während die Hamas die Kontrolle wieder übernimmt, fliehen Berichten zufolge einige Kämpfer in israelisch gehaltene Gebiete. Das Ganze ist nützlich als kurzfristiges Druckventil, aber instabil als Langzeitmodell, sodass am Ende erneut die Hamas der einzige Akteur bleibt, der in der Lage ist, während der Waffenruhe in großem Maßstab Ordnung zu erzwingen.
Von der Terrorarmee zur Aufstandsbewegung
Trotz formeller – und weitgehend unrealistischer – Forderungen nach Entwaffnung betreibt die Hamas eine breite Kampagne, um Waffen, Munition, Sprengstoff, Raketen und anderes Material zurückzuholen, das während der Kämpfe verloren ging. Sie sammelt zurückgelassene und nicht explodierte Munition ein, einschließlich IDF-Überresten, die zu improvisierten Sprengsätzen umgebaut werden können, und ruft öffentlich dazu auf, militärische Ausrüstung an ausgewiesenen »Sicherheitspunkten« oder direkt an »Widerstandskämpfer« zu übergeben.
Diese Kampagne spiegelt die militärische Nachkriegsrealität der Hamas wider: Nicht mehr die kompakte Terrorarmee, als die sie sich einst präsentierte, sondern eine degradierte Kraft, ausgelegt auf Überleben und Regeneration. Vor dem 7. Oktober 2023 verfügten die Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, über rund 30.000 Kämpfer, gestützt von schätzungsweise 18.000 bis 20.000 Raketen und einer elitären Nukhba-Kommandoeinheit im niedrigen Tausenderbereich.
Zwei Jahre später ist das 24-Bataillone-Modell weitestgehend zerschlagen. Was bleibt, ist fragmentiert und ungleich verteilt. Zwei Hamas-Bataillone in Zentralgaza in den Lagern Deir al-Balah und Nuseirat gelten als entstehende »strategische Knoten«, weil sie wegen Geiselbedenken weitgehend von israelischen Bodenoperationen verschont geblieben sind. Dort konzentrierte die Hamas die verbliebene Bewaffnung und Depots, die israelische Kräfte anderswo nicht fanden.
Weil die Bebauung in den zentralen Lagern vergleichsweise intakter geblieben ist als in den am härtesten getroffenen Städten, verlagert die Hamas nach israelischen Einschätzungen auch Waffenproduktionswerkstätten dorthin. Der dichte Wohnraum erleichtert das Verbergen erneuerter Raketen- und Panzerabwehrproduktion. Geheimdiensthinweise sprechen davon, dass die Hamas die Fertigung »in erheblichem Tempo« wieder aufgenommen habe.
Die Hamas soll nur noch rund zehn Prozent ihres Vorkriegs-Raketenarsenals halten und etwa 17.000 Kämpfer, viele neu, weniger erfahren und nur leicht ausgebildet, was die Bedrohung grundlegend von jener am 7. Oktober 2023 unterscheidet. Die elitärere Nukhba-Einheit, die das Massaker vom 7. Oktober anführte, wurde ebenfalls stark geschwächt; wiederholte israelische Schläge richteten sich während des Kriegs gegen ihren Führungskader.
Die Zerstörung der alten Hierarchie veränderte nicht nur, wo die Hamas operieren kann, sondern auch, wie sie kämpft. Was übrig ist, ähnelt einer degradierte Aufstandsbewegung, die sich »nach unten adaptiert« hat: Kleine, mobile Zellen, die entscheidenden Gefechten ausweichen und stattdessen auf Hit-and-Run-Angriffe, Hinterhalte, IEDs und Sprengfallen, Scharfschützenfeuer sowie gelegentlichen Kurzstreckenraketen- oder Mörserbeschuss setzen; Taktiken, die den Feind Kosten verursachen sollen, bei minimaler Exponierung und maximaler Schonung von Personal für die nächste Runde.
Gazas urbane Ruinen, kombiniert mit noch nutzbaren Teilen des Tunnelsystems, erlauben Kämpfern, aufzutauchen, zuzuschlagen und zu verschwinden, eine Basiskoordination zu halten und Waffen und Kommandeure der einfachen Zielbekämpfung zu entziehen. In dieser Haltung kann die Hamas weiterhin stören, überleben, rekrutieren und langsam regenerieren.
Die Illusion der Entmilitarisierung
Darum würde die Entmilitarisierung zum Wendepunkt werden – und darum behandelt die Hamas sie als rote Linie. Für die Terrorgruppe sind ihre Waffen nicht nur Ressource, sie sind Teil von Identität und Legitimtät: Der Beweis, dass sie noch »Widerstand« ist, nicht bloß eine Fraktion, die um Ämter konkurriert. Hamas-Führer betonen wiederholt, sie würden »nicht zustimmen, [ihre] Waffen in irgendeiner Form abzugeben«, und stellen ihr Waffenarsenal als nicht verhandelbar dar; jede Zukunftsordnung müsse »mit der Hamas koordiniert« werden.
Zugleich hat die Hamas Ideen lanciert, die wie Kompromisse klingen: Sie spricht davon, Waffen unter die Treuhänderschaft eines vereinbarten palästinensischen Gremiums zu stellen oder sie unter Garantien von Vermittlern zu platzieren – also Lösungen, die nach Fortschritt aussehen sollen, eine tatsächliche Entwaffnung jedoch verhindern. In dieser Logik kann die Bewegung überwachte Verfahren anbieten, die sich gut für Kameras eignen, während die zentralen Kapazitäten verteilt und jederzeit wieder abrufbar bleiben.
Diese Haltung passt zu Khaled Mashals eigener Darstellung: Auf dem Al-Jazeera-Forum 2026 wies er die Entwaffnung kategorisch zurück und sagte, das sei wie »die Seele aus dem palästinensischen Körper zu entfernen«. Und selbst wenn die Hamas das Konzept theoretisch diskutiert, wäre das Angebot maximal, Entwaffnung nur im Kontext eines Hudna genannten Waffenstillstands »für fünf Jahre oder vielleicht etwas mehr«, gekoppelt an einen politischen Prozess hin zu einem palästinensischen Staat. Danach würden Waffen und Kämpfer unter dessen Autorität stehen.
Praktisch heißt das: Entmilitarisierung wird nicht als Ausgangspunkt, sondern als Endzustand behandelt, den die Hamas auf unbestimmte Zeit vertagen kann, während sie als Gruppe des »Widerstands« dauerhaft weiterfunktioniert.
Eine externe Macht, welche die Hamas entmilitarisieren soll, müsste bereit sein, sie zu bekämpfen, weshalb die vorgeschlagene International Stabilization Force (ISF) wahrscheinlich scheitern wird. Sie ist als von der UNO autorisierte Stabilisierungseinheit (Grenzen, Hilfe, eine geprüfte palästinensische Polizei) vorgesehen, doch die interessierten Staaten stellen sich Peacekeeping vor und keine Kampfhandlungen. Ohne einem einheitlichen Kommando, robusten Einsatzregeln und der Bereitschaft, im dichten urbanen Terrain des Küstenstreifens und in der »Gaza Metro« Verluste zu tragen, würde das israelische Militär am Ende überwachen, was es nicht durchsetzen kann – und damit die Zwangsmacht der Hamas intakt lassen.






