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„Die große Mehrheit tritt für ein friedliches Zusammenleben zwischen Juden und Arabern ein“

Ausgebrannte Autos nach den Ausschreitungen in der israelischen Stadt Lod
Ausgebrannte Autos nach den Ausschreitungen in der israelischen Stadt Lod (© Imago Images / ZUMA Wire)

Die Ausschreitungen arabischer Israelis in mehrheitlich von Arabern bewohnten Städten Israels am Ende des islamischen Fastenmonats Ramadan schockierten im Mai die israelische Bevölkerung.

Manche Juden fühlten sich dabei an die „Reichskristallnacht“ von 1938 oder jene Pogrome erinnert, die es während des 20. Jahrhunderts in vielen arabischen Ländern gab. Auch in der bei Touristen beliebten Altstadt der Hafenstadt Akko gab es eine Zerstörungsorgie, die sich offenbar gegen alles richtete, was als jüdisch wahrgenommen wurde. So wurde etwa mit Molotowcocktails ein Brandanschlag auf das berühmte Restaurant Uri Buri verübt.

Dessen Besitzer, der 76-jährige Uri Jeremias, betreibt in Akko auch das Hotel Efendi. Auch dieses wurde angezündet. Das 12-Zimmer-Hotel war an diesem Tag voll belegt. Ein Gast musste mit einer schweren Rauchvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Tiefe Traurigkeit

Das Innere des Arabesque – ein 300 Jahre altes Gebäude aus der osmanischen Ära, das Evan Fallenberg und sein Sohn Micha Fallenberg 2016 als Gästehaus und Künstlergalerie für die Öffentlichkeit geöffnet hatten – wurde völlig verwüstet. Hier gab es zum Glück keine Personenschäden.

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Das Arabesque sei „einem gewalttätigen Mob in die Hände gefallen“, schrieb Evan Fallenberg später auf dem Blog der Nachrichtenwebsite Times of Israel – allen Bemühungen der arabischen Nachbarn zum Trotz, die den Angriff immer wieder abgewehrt hätten, bis der Mob schließlich auf 50 Leute angewachsen sei und gedroht habe, das gesamte Viertel niederzubrennen.

„Es ist keine leichte Aufgabe, einen Flügel umzudrehen, ein Waschbecken in zwei Teile zu teilen oder einen Fernseher oder eine Klimaanlage in die kleinsten Stücke zu schlagen“, schreibt Fallenberg. „Die notwendige Wut und der Hass übersteigen meine eigene Vorstellungskraft, die Muskelkraft übersteigt meine Fähigkeiten.“ Wie sich die „Raserei gesteigert“ habe, um zu solchen Ergebnissen zu führen, möge er sich nicht vorstellen.

Zum Glück war das Gebäude zu diesem Zeitpunkt menschenleer. „Micha war zu Hause, fünf Minuten entfernt, und sah sich die Aufnahmen der Überwachungskamera an, bis sie die Kamera zerstörten“, sagte Fallenberg einer israelischen Journalistin. „Sie brauchten etwa 15 Minuten, um die massive Haustür einzureißen, und 45 Minuten, um das ganze Haus zu zerstören.“

Die unbekannten Angreifer, spekuliert er, seien wahrscheinlich „junge Männer mit rasenden Hormonen, Menschen, die nicht die besten Schüler sind oder keine guten Jobs haben und nicht viel zu verlieren haben“. Einige seien vielleicht von außerhalb von Akko gekommen, „aber wer auch immer sie dirigierte, wusste genau, welche Stellen er treffen musste.“

Fallenberg hat keine Zweifel, dass das Arabesque ausgewählt wurde, weil es einem Juden gehört. Er fühle sich jedoch nicht persönlich angegriffen, betont er; er fühle nur „eine tiefe Traurigkeit, dass Menschen zu dieser Wut und Gewalt getrieben werden konnten“. Er denke an nichts anderes als an den Wiederaufbau des Arabesque.

Wie eine Deutsche in Nordisrael die Tage der Gewalt erlebte

Ich spreche über Zoom mit Haike Winter, einer Deutschen, die im Kibbuz Ginegar, südwestlich von Nazareth, lebt. Sie hat die Ausschreitungen nicht selbst gesehen, aber die Spuren der Verwüstung.

Aufgewachsen in Baden-Württemberg, kam Haike Winter 1987 zum ersten Mal nach Israel, wo sie für fünf Monate in eben jenem Kibbuz arbeitete. Nach einem Studium der Judaistik, Lateinamerikanistik und Publizistik an der FU Berlin zog sie 1997 nach Ginegar, wo sie seither lebt.

Sie ist mit einem Israeli verheiratet, die beiden haben einen 12-jährigen Sohn. Winter hat keine israelische Staatsbürgerschaft, aber eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Seit 2016 arbeitet sie auch als Reiseleiterin, daneben weiter im Kuhstall des Kibbuz. Sie legt wert auf die Feststellung, dass ihre Sichtweise „sicherlich sehr europäisch geprägt ist“ und ihre Äußerungen ihre „persönliche Meinung widerspiegeln“.

Als ich mit Haike Winter spreche, ist der Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel sechs Tage alt. Wie hat sie die Tage des Raketenbeschusses erlebt? „Als jemand, der in der Nähe von Nazareth wohnt, war ich von den Auseinandersetzungen nicht direkt betroffen“, berichtet sie, „weder von denen im Gazastreifen noch von den Auseinandersetzungen in Jerusalem“.

Als dann aber die Auseinandersetzungen zwischen Arabern und Juden im Land losgegangen seien, habe sie das doch sehr mitgenommen. „Ich wohne in der Nähe von Nazareth-Afula. Von Afula geht die Autobahn 65 Richtung Tel Aviv, über Wadi Ara und an Umm el-Fahm vorbei, dort gab es auch Auseinandersetzungen.“

Das Westjordanland sei nicht weit entfernt, von Afula bis Dschenin sei es nur eine kurze Entfernung. „Akko war eigentlich immer das Paradebeispiel für friedliches Zusammenleben von Arabern und Juden“, sagt sie, „Juden fahren an Wochenenden und Feiertagen dorthin.“ 2008 gab es dort einmal Konflikte, israelische und internationale Medien berichteten damals über Gewalt. Man habe versucht, zwischen den Parteien zu schlichten, sagt Haike Winter, seitdem sei es ruhig gewesen.

„Auch hier in Nazareth hatte ich nicht den Eindruck, dass irgendetwas am Brodeln wäre. Viele Juden fahren in diese arabische Stadt, etwa, um dort Essen zu gehen. Von irgendwelchen Spannungen habe ich nichts mitbekommen.“

Das Gefühl, etwas ist im Busch

Bis zum Tag vor den Ausschreitungen. Es war ein Dienstag, der 11. Mai, Haike Winter nahm in Akko an einer Fortbildung für Reiseleiter teil. „Am Ende des Tages kam ein mulmiges Gefühl auf“, sagt sie. „Man hatte das Gefühl, etwas ist im Busch.“

Ich frage sie, ob es Anzeichen gab, die ursächlich waren für dieses Gefühl. Nein, sagt sie, „es gab keine Anzeichen. Wohl eher so ein Bauchgefühl“. Ihr Bauchgefühl sollte leider nicht trügen: „Am nächsten Morgen sind wir dann mit der Nachricht aufgewacht, dass das Restaurant Uri Buri abgefackelt wurde und dass es Vandalismus gegen das Hotel daneben gab.“

Die Ausschreitungen hätten dann auch auf andere Orte übergegriffen, vor allem auf die Städte, wo Juden und Muslime zusammenleben, wie Lod und Haifa. „Als ich Anfang Mai in Haifa war, war so eine Art Streiktag: in der German Colony, wo es viele Händler und Restaurants gibt, hatte alles zu. Auf der Hauptstraße zum Hafen sah man deutlich Spuren von Vandalismus, etwa Cafés, wo die Fensterscheiben eingeschlagen worden waren. Die Situation war unangenehm.“

Am 25. Mai sei sie dann zum ersten Mal nach den Ausschreitungen wieder zu ihrer Fortbildung nach Akko gefahren. „Als ich in Akko ankam, sah ich ein ausgebranntes Auto auf dem Parkplatz und ein Hotel, bei dem man gleich sah, dass jemand versucht hatte, einen Brand zu legen“, erzählt sie. „Ein großes Gebäude der Denkmalpflege wurde in Schutt und Asche gelegt. Auch das jüdisch-arabische Theater wurde angezündet.“

Es gebe nur wenige Juden, die in der Altstadt von Akko wohnen, erklärt sie, hauptsächlich Vermieter von Gästezimmern oder Besitzer kleiner Läden und Galerien. „Gegen die waren die Ausschreitungen hauptsächlich gerichtet.“ Sie sagt: „Man ist in Akko überzeugt davon, dass die Täter aus Akko selbst stammten.“

Das verwüstete Arabesque hat Haike Winter selbst gesehen und auch mit dem Besitzer Evan Fallenberg gesprochen, der ihr schilderte, wie sein arabischer Nachbar sich dem Mob entgegenstellte.

Sie sagt: „Wenn man sich vorstellt, man sitzt als Araber vor einem Haus und versucht, 50 Krawallmacher zu beruhigen – das hat nicht funktioniert. Sie haben dem Mann gedroht, ihn zu verletzen und die ganze Nachbarschaft anzuzünden. Er hat dann darum gebeten, dass sie das Haus nicht anzünden. Sie haben es dann tatsächlich nicht angezündet, sondern nur verwüstet.“

Evan Fallenberg erzählte Haike Winter, dass ein Zimmer im oberen Stockwerk nicht zerstört worden sei, weil die Randalierer es offenbar nicht gefunden hätten. Trotzdem seien die Zerstörungen beträchtlich. „Man konnte sehen, wie schockiert Evan war“, so Winter. Alle fragten sich, ob sie „was verpasst“ hätten: „Warum waren wir überzeugt, dass alles funktioniert und alle glücklich und zufrieden neben einander leben?“

Über das Verhalten der Polizei hat Haike Winter gehört, dass diese sich geweigert habe, in Akko einzuschreiten und die Randalierer zu stoppen.„An der Polizeistation sah man, dass die offenbar auch angezündet wurde. Ich habe in Akko weder Polizei noch Armee gesehen, auch im Nachhinein nicht.“

Sprachlosigkeit und Scham

Wie fühlt sie sich angesichts der Gewalt?„Im Kibbuz arbeite ich auch mit Arabern zusammen. Ich bin weder Jüdin noch Muslimin, bin immer zwischen den beiden Seiten und will nur, dass alle glücklich und zufrieden sind. Man ist vor den Kopf gestoßen, wenn so etwas passiert.“

Als sie die Zerstörungen im Arabesque gesehen habe, habe sie sich gefragt, „wie viel Frust sich bei jemandem angestaut haben muss, um so etwas zu tun“. Dass Menschen „zu so roher Gewalt fähig“ seien, schockiere sie. „Bei vielen jüdischen Israelis gibt es Sprachlosigkeit. Man versteht nicht, wo das alles herkommt.“

Sie erwähnt, dass es schon seit längerer Zeit „sehr viel Gewalt innerhalb der arabischen Bevölkerung“ gebe, „Schusswaffengewalt in den arabischen Dörfern, Familienclans gegen andere Clans. Das war hier ein großes Thema in der letzten Zeit.“ Da höre man immer wieder, dass die israelische Polizei „dann oft nicht vor Ort ist. Schon seit längerem fragen sich die Leute hier, wie diese Gewalt in den Griff zu bekommen ist.“

Es gebe im Norden Israels gemischte Ortschaften, aber auch sehr viele getrennte: Orte, wo nur Araber oder nur Juden leben. Ihrer Beobachtung nach sei das „oft von beiden Seiten so gewollt“.

Haike Winter überlegt, ihren Sohn in eine gemischte Schule zu schicken, wo er außer Hebräisch auch Arabisch lernt. Vielleicht, überlegt sie, habe „man es in den letzten 70 Jahren versäumt, das Zusammenleben zu einem Zusammenwachsen zu machen, statt neben einander zu leben.“ „Dass wir uns hier nicht mehr so verstehen wie noch vor einigen Wochen, das hat sehr vielen von uns zugesetzt“, sagt sie.

„Als ich in Akko unterwegs war, hatte ich das Gefühl, dass die Araber in der Altstadt dort auch etwas beschämt waren, dass so etwas passiert ist. Man muss andererseits sagen, dass die Zerstörer wohl eine Minderheit sind. Man kann auch nicht leugnen, dass auch auf jüdischer Seite einige Extremisten Unheil angerichtet und Araber belästigt oder angegriffen haben. Das darf man auch nicht vergessen – es steht aber auch nicht im Verhältnis eins zu eins.“

„Wir haben uns gefragt, ob wir überhaupt feiern können“

Die große Mehrheit aus allen Teilen der Bevölkerung trete für ein friedliches Zusammenleben ein, ist sie überzeugt. „Es gibt Initiativen, man hat sich getroffen mit den arabischen Nachbarn. In Jerusalem gab es eine Art Menschenkette um die Stadtmauer herum, um zu zeigen, dass wir ein friedliches Zusammenleben möchten.“

Solche Gesten seien wichtig, da sich Menschen auf „beiden Seiten“ nach den Ausschreitungen nicht mehr sicher fühlten. „Am Ende des Ramadan feiern die Muslime hier normalerweise drei oder vier Tage, viele fahren auch in Kurzurlaub in die Nationalparks. Dieses Jahr trauten sich viele Muslime nicht, nach Eilat zu fahren. Sie hatten Angst, dass sie für das, was passiert ist, verantwortlich gemacht werden. Das Vertrauen wurde auf beiden Seiten sehr erschüttert.“

Auch das jüdische Schawuot-Fest sei von den Ereignissen „getrübt“ gewesen. „Wir haben uns gefragt, ob wir überhaupt feiern können.“ Was könnte man tun, um die Gesellschaft zu einen, frage ich. Man müsse „bei den 11-15-Jährigen ansetzen“, glaubt sie. „Vielleicht wäre es gut, wenn die Kinder zweisprachig aufwachsen und gemeinsam zur Schule gehen würden.“

Sie hofft, dass „die arabische Bevölkerung sieht, dass es ihnen so schlecht nicht geht“. „Vielleicht haben sie manchmal das Gefühl, Staatsbürger zweiter Klasse zu sein, aber das hängt sicherlich zum großen Teil damit zusammen, dass die arabischen Israelis in der Regel keinen Militärdienst leisten und dadurch später in vielen Berufen Nachteile gegenüber denen haben, die beim Militär waren.“

Ihr Kibbuz sei von arabischen Gemeinden umgeben, erzählt sie. „Viele Araber arbeiten bei uns. Die Regionalverwaltung arbeitet darauf hin, dass man sich trifft und das Gespräch sucht, damit das nicht überschwappt und die Leute, die zusammenleben wollen, das auch in Frieden tun können.“

Ein arabischer Kollege aus dem Kuhstall, in dem sie arbeite, habe ihr erzählt, in seinem Beduinendorf hätten „18-20-Jährige“ sich an den Ausschreitungen gegen Juden in der Region beteiligen wollen, das habe man aber verhindert. „So etwas brauchen wir nicht, das passt hier nicht hin“, hätten die älteren Dorfbewohner den Jugendlichen gesagt. Und: „Wir wollen hier friedlich zusammenleben.“

So sei die Gewalt „im Keim erstickt“ worden. „In Akko ist das leider nicht gelungen“, bedauert Winter, „in Lod auch nicht. Und wenn dann auch die Polizei nicht eingreift und die Leute ihrem eigenen Schicksal überlassen sind, dann ist das natürlich schwierig.“

Evan Fallenberg, der Betreiber des Arabesque, hat unterdessen im Internet eine Sammelaktion gestartet. Auf der Website einer Crowdfunding-Website namens Giveback bittet er: „Helft uns, dass Arabesque wiederherzustellen und alles, wofür es steht: Koexistenz, Gemeinschaft, Verbindung über Kunst und Kultur.“

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