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Die Geschichte hinter der ersten pro-israelischen Konferenz im Irak

Irakische Konferenz für Frieden mit Israel in Erbil
Irakische Konferenz für Frieden mit Israel in Erbil (Quelle: JNS)

Auch wenn Teilnehmer mit Haftbefehlen und Morddrohungen konfrontiert waren, sind die Organisatoren optimistische, dass die Friedenskonferenz das Anzeichen eines Wandels im Irak sei.

David Isaac

Es war ebenso bemerkenswert wie unerwartet. Mehr als 300 Iraker, sowohl Sunniten als auch Schiiten, versammelten sich am 24. September in der irakisch-kurdischen Stadt Erbil zu einer Konferenz im Ballsaal eines Hotels, um zu fordern, dass ihr Land dem Abraham-Abkommen beitritt und Beziehungen zum jüdischen Staat aufnimmt.

Noch überraschender war, dass es sich bei den Teilnehmern nicht um Kurden handelte, wie man erwarten könnte, da die Konferenz in der Hauptstadt der Region Irakisch-Kurdistans stattfand und die Kurden auf eine lange Geschichte der Zusammenarbeit mit Israel zurückblicken.

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Stattdessen waren die Teilnehmer aus sechs irakischen Gouvernements: Bagdad, Mosul, Al-Anbar, Salahuddin, Diyala und Babel. „Sie kamen in einer Flotte von 60 Autos mehr als 12 Stunden vor der Konferenz an“, sagte Joseph Braude, Gründer und Präsident des Center for Peace Communications, der in den USA ansässigen Gruppe, die die Konferenz organisierte, gegenüber JNS.

Braude bedankte sich bei der kurdischen Regionalregierung für die logistische und sicherheitstechnische Unterstützung, sagte aber auch, dass es bei der Konferenz um die Teile des Irak ging, die sich bislang nicht mit Juden und Israel auseinandergesetzt haben, weswegen dort „ein kultureller Wandel jetzt am dringendsten erforderlich ist.“

Auch wenn die Konferenz viele überraschte, die Reaktionen darauf waren wenig überraschend: Haftbefehle, Morddrohungen und Fahndungsplakate in der Größe von Gebäuden nahmen die Teilnehmer ins Visier.

Nur wenige, die den Reden der Konferenz zuhörten (einige davon sind mit englischen Untertiteln auf YouTube verfügbar), konnten am Mut der Teilnehmer zweifeln.

Der bekannteste Redner, Scheich Wisam Al-Hardan, der die Bewegung „Söhne des Irak – Erwachen“ anführt, die sunnitische Stämme im Kampf gegen den Islamischen Staat und Al-Qaida unterstützt, forderte „volle diplomatische Beziehungen zum Staat Israel“.

Er wies die irakischen Anti-Normalisierungsgesetze zurück, die den Umgang mit Zionisten unter Strafe stellen, und sagte: „Wir erklären hier und jetzt, dass keine Macht, sei sie ausländisch oder inländisch, das Recht hat, uns daran zu hindern, diesen Aufruf zu veröffentlichen und ihm Folge zu leisten.“

Iranische Intervention

Am Tag der Konferenz veröffentlichte das Wall Street Journal einen Meinungsartikel von Al-Hardan, in dem er den Aufruf zur arabisch-israelischen Annäherung wiederholte und sagte, der nächste Schritt seien „persönliche Gespräche mit den Israelis“.

Der Schwung, den die Konferenz zu erzeugen hoffte, geriet jedoch ins Stocken. Als nach der Konferenz der Druck auf Al-Hardan und andere Teilnehmer zunahm, weil gegen sie Haftbefehle der irakischen Regierung und Todesdrohungen der vom Iran unterstützten Milizen vorlagen, distanzierte sich der Scheich von seiner Teilnahme und behauptete, er sei „getäuscht“ worden.

Braude, der JNS mitteilte, dass Al-Hardan ihn am Tag nach der Konferenz über seine Distanzierungsabsichten zur informiert habe, sagte: „Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf der Straße und auf einem haushohen Plakat sind die Fotos der Redner der Konferenz zu sehen und es wird zu ihrer Ermordung aufgerufen. Die Teilnehmer wussten, dass sie ein enormes Risiko eingingen.“

Die nachträgliche Distanzierung von Al-Hardan lässt vermuten, dass sie allerdings nicht wussten, wie groß dieses Risiko wirklich war.

Es handelte sich bei den Drohungen um eine iranische Intervention, meint Robert Greenway, geschäftsführender Direktor des Abraham Accords Peace Institute, der während der Trump-Regierung im Nationalen Sicherheitsrat für die Politik der US-Regierung im Nahen Osten und in Nordafrika zuständig war. Der Iran sah in der Konferenz einen Angriff auf sein Vordringen in den Irak, sagte er.

„Sich für den Frieden in der Region und für den Frieden mit Israel auszusprechen, ist eine Möglichkeit für die Iraker zu sagen: ‚Wir sind bereit, jede Entscheidung zu treffen, dem iranischen Einfluss in der Region etwas entgegenzusetzen.‘ Ich glaube, so wurde es interpretiert, und so war es auch gemeint“, sagte Greenway gegenüber JNS.

Es stehe „außer Frage“, dass die Abneigung gegen den Iran ein Hauptgrund für den Wunsch der Iraker sei, mit Israel zusammenzuarbeiten, räumte Braude ein. „Die Iraker identifizieren sich natürlich mit den Menschen in der Region, die ebenfalls die iranischen Zumutungen in ihrem Leben ablehnen.“

Aber das ist laut Braude nur ein Teil der Geschichte. Es gebe in der Region eine „aufkommende Kluft“ zwischen gescheiterten Staaten, die im Chaos versinken, und stabilen Staaten, die von Weiterentwicklung geprägt sind. „Die Iraker schauen sich um und sehen, dass ihr Land in die eine oder die andere Richtung gehen kann, und sie wollen sich dem Gewinnerteam anschließen.“

Bagdad: Stadt der jüdischen Geister

Für die Konferenzteilnehmer spielt auch das 2.600 Jahre alte jüdische Erbe des Irak eine Rolle. „Abgesehen von Israel selbst ist die jüdische Geschichte im Zweistromland tiefer verwurzelt als in jedem anderen Land der Welt“, sagte Braude.

„Vierzig Prozent der Stadt Bagdad waren am Vorabend des Zweiten Weltkriegs jüdisch. Es war eine viel jüdischere Stadt als Brooklyn“, sagte er. „Bagdad ist heute eine Stadt der jüdischen Geister. Und es hat sich als unmöglich erwiesen, sie aus dem Land zu vertreiben.“

Es ist dieser Teil der Geschichte, der Braudes Bemühungen im Irak eine persönliche Dimension verleiht. Seine Mutter, die die Konferenz online verfolgte, ist eine irakische Jüdin, die im Alter von 5 Jahren gezwungen war, aus ihrer Heimat Bagdad zu fliehen. „Ich bin stolz darauf, der Sohn einer Mutter zu sein, die in Bagdad geboren wurde … Sie hat uns mit Liebe zum Irak und seinem Volk erzogen“, sagte er auf der Konferenz.

Andere Konferenzteilnehmer verurteilten die Misshandlung der jüdischen Bevölkerung im Irak, von der der Großteil zwischen 1950 und 1951 nach Israel floh. „Die abscheuliche Geschichte der Enteignung der Juden lief auch darauf hinaus, eine der Hauptadern des irakischen Körpers zu durchtrennen“, sagte Al-Hardan. „Wir erkennen dieses Unrecht an und verurteile es mit aller Kraft.“

Eine weitere Rednerin, Sahar Karim al-Ta’i, eine hohe Beamtin des irakischen Kulturministeriums, sagte über die irakischen Juden: „Sie blicken auf den Irak und blicken immer noch auf ihn, sie warten auf die Augen ihrer sprichwörtlichen Mutter, die ihre Zuneigung für ihre verlorenen Kinder zeigt.“

Beredtes Schweigen der Iraker …

Braude bleibt trotz der erzwungenen Kehrtwende von Al-Hardan optimistisch. Der „große Trend“ in der irakischen Gesellschaft gehe in Richtung Frieden mit Israel, sagte er, und eine Meinungsumfrage habe ergeben, dass 42 Prozent der Iraker eine sofortige Normalisierung befürworten.

Als weiteren Beweis verwies er auf das irakische Interesse an der arabischen Social-Media-Präsenz des israelischen Außenministeriums (MFA). „Auf Facebook zum Beispiel betreibt es zwei Seiten. Die eine heißt ‚Israel Speaks Arabic‘. Sie hat etwa 3,5 Millionen Follower in der gesamten Region. Die einzige länderspezifische Facebook-Seite des Außenministeriums ist ‚Israel in Iraqi Dialect‘, die aufgrund der überwältigenden Nachfrage von Irakern, die ‚Israel Speaks Arabic‘ folgten, eingerichtet wurde.“

„Vor ein paar Monaten überstieg die Zahl der Follower von ‚Israel in Iraqi Dialect‘ 500.000. Mit anderen Worten: Es gibt mehr Iraker, die derm MFA in arabischer Sprache folgen, als es Juden gibt, die in Tel Aviv leben“, stellte Braude fest. Beunruhigt durch den Eifer der Iraker, mit Israel in Kontakt zu treten, begannen die vom Iran unterstützten Milizen, Personen ins Visier zu nehmen, die der Seite folgen.

Für Greenway sprach das öffentliche Schweigen im Irak nach der Konferenz Bände. Unpopuläre Äußerungen stoßen im Irak „immer“ auf offen geäußerte Unzufriedenheit: „Menn zum Beispiel Unzufriedenheit über die Fußballmannschaft herrscht, dann höret man in der Öffentlichkeit davon“.

… und der USA

Ein anderes Schweigen über die Konferenz, das Greenway hingegen als bedauerlich bezeichnete, war das der Vereinigten Staaten. Er merkte an, dass dies zum Teil darauf zurückzuführen sei, dass man nicht den Eindruck erwecken wolle, sich vor einer Wahl in die irakische Politik einzumischen (die irakischen Wahlen fanden am 10. Oktober statt). Dennoch hätten die USA zeigen sollen, dass sie „an der Seite derjenigen stehen, die zum Frieden aufrufen.“

Die Übermittlung dieser Botschaft sei nach dem Abzug aus Afghanistan besonders wichtig, da dieser das Vertrauen der US-Partner in das amerikanische Engagement in der Region erschüttert habe.

Greenway, der mit Al-Hardan und den „Söhnen des Irak“ zusammengearbeitet hat, „bevor die Organisation unter diesem Namen bekannt war“, sagte: „Wir haben speziell mit diesem Mann, seiner Familie und seiner Organisation zusammengearbeitet. Er ging große Risiken ein. Er geht auch jetzt noch große Risiken ein. Und ich finde es einfach bedauerlich, dass wir ihn nicht so lautstark unterstützen, wie wir es getan haben, als er sich gegen den IS auf unsere Seite gestellt hat.“

Braude sagte, er wisse nicht, warum die Vereinigten Staaten die Friedenskonferenz nicht unterstützt hatten, er hoffe aber, dass „die US-Regierung den Irakern zur Seite steht, die ihr Engagement für den arabisch-israelischen Frieden und die Ausweitung des Abraham-Abkommens teilen.“

Greenway merkte an, dass die am Abraham-Abkommen Beteiligten, mit denen er gesprochen habe, durch die Konferenz weiter ermutigt wurden. „Wir erwarten, dass noch weitere Stimmen für eine Normalisierung und für den Frieden laut werden“, sagte er. „Ich hoffe, dass die Konferenzteilnehmer in den kommenden Tagen und Wochen feststellen werden, wie groß die Unterstützung, Freundschaft und Ermutigung ist.“

Braude gab auch gleich das erste Beispiel für eine solche Unterstützung: In Syrien gab eine mehrheitlich arabische Partei, die Partei der Modernität und Demokratie, am Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges von 1973 eine Erklärung ab, in der sie sich mit den Teilnehmern der Konferenz in Erbil solidarisierte und Syrien aufforderte, ebenfalls Frieden und Partnerschaft mit Israel und seinen Bürgern zu schließen.

(Der Artikel The story behind Iraq’s first pro-Israel conference“ ist zuerst beim Jewish News Syndicate erschienen. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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