Latest News

Die Erosion des Hochschulwesens im Iran (Teil 2)

Campus der Universität für Wissenschaft und Technologie in der iranischen Hauptstadt Teheran
Campus der Universität für Wissenschaft und Technologie in der iranischen Hauptstadt Teheran (© Imago Images / NurPhoto)

Die Krise, die in der Vergangenheit bereits den Status des Schulwesens im Iran beeinträchtigt hat, greift nun zunehmend auch auf die Hochschulbildung über.

Experten für Bildungsfragen im Iran betrachten die in Teil 1 beschriebene aktuelle Hochschulkrise nicht als isoliertes Phänomen, sondern als Fortsetzung eines Prozesses, der bereits vor Jahrzehnten im öffentlichen Bildungssystem begann. Aus dieser Perspektive haben die sinkende Attraktivität des Lehrerberufs, der Kaufkraftverlust der Lehrkräfte und die Knappheit an Bildungsressourcen Bedingungen geschaffen, die nun auch auf der Ebene der Hochschulbildung sichtbar werden.

Nach der Revolution von 1979 durchlief das iranische Bildungssystem umfassende weltanschauliche und institutionelle Veränderungen. Die neue Regierung strebte danach, das Bildungswesen an den Werten und Zielen der Islamischen Republik auszurichten. In diesem Rahmen gewannen religiöse und ideologische Institutionen eine prominentere Rolle bei der Gestaltung der Bildungsinhalte und der Verwaltung bestimmter Teile des Systems. Während Befürworter diese Entwicklung als Teil der kulturellen und politischen Identität des Landes betrachten, argumentieren Kritiker, dass dadurch ideologische Erwägungen Vorrang vor fachlichen und technischen Kriterien erlangten. Dadurch wird die Bildungsqualität beeinträchtigt.

Dazu kamen im Laufe der Zeit die Auswirkungen der wirtschaftlichen Misere, in die das islamistische Regime die iranische Gesellschaft gestürzt hatte – und die die wirtschaftlichen Verhältnisse der Lehrkräfte zusehends verschlechterten.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Lehrergewerkschaften und Berufsverbände wiederholt vor der sich vergrößernden Kluft zwischen Einkommensniveau und Lebenshaltungskosten gewarnt. Die sinkende wirtschaftliche Attraktivität des Lehrerberufs hat viele talentierte Menschen dazu veranlasst, alternative Karrierewege einzuschlagen. Die Erfahrungen in Industrieländern zeigen, dass die Qualität eines Bildungssystems direkt mit seiner Fähigkeit zusammenhängt, talentierte Menschen für den Lehrerberuf zu gewinnen und dort zu halten.

Heute ist ein ähnlicher Trend an den Universitäten zu beobachten. Universitätsprofessoren, die einst zu den gesellschaftlich angesehensten Gruppen im Iran gehörten, stehen nun auch vor den Herausforderungen und Problemen, mit denen die Schullehrer schon seit Langem zu kämpfen haben. Sinkende Kaufkraft, Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche und begrenzte Forschungsmöglichkeiten haben die Attraktivität einer akademischen Laufbahn für die jüngere Generation gemindert.

Existenzielle Krise

Der vielleicht bedeutendste Aspekt dieser Problematik ist die Kluft zwischen erklärten Zielen und institutionellen Realitäten. In den letzten Jahren haben iranische Entscheidungsträger wiederholt die Entwicklung einer wissensbasierten Wirtschaft, fortschrittlicher Technologien und wissenschaftlicher Selbstständigkeit betont. Die Erfahrungen erfolgreicher ostasiatischer Länder zeigen jedoch, dass solche Ziele ohne nachhaltige Investitionen in Bildung und Forschung nicht erreicht werden können.

Länder wie Südkorea, Singapur und Taiwan haben jahrzehntelang erhebliche Ressourcen in die Verbesserung der Qualität ihrer Schulen und Universitäten sowie des Lebensstandards von Lehrkräften und Wissenschaftlern investiert, bevor sie sich zu führenden Technologiemächten entwickelten. Ihr Erfolg war das Ergebnis langfristiger Investitionen in Humankapital und nicht der bloßen Erstellung von Entwicklungsplänen und Grundsatzdokumenten sowie des Skandierens polit-ideologischer Slogans.

Im Gegensatz dazu sehen sich iranische Universitäten mit gravierenden Haushaltsengpässen konfrontiert, die auf internationale Sanktionen, sinkende Staatseinnahmen und chronischen Haushaltsdruck zurückzuführen sind. Unter solchen Umständen wird die Politikgestaltung oft von kurzfristigen Haushaltsüberlegungen bestimmt, obwohl die Rendite von Investitionen in die Hochschulbildung naturgemäß langfristig ist.

Dieser Ansatz spiegelt sich deutlich in der übergeordneten Struktur der Regierungsführung in der Islamischen Republik wider. Ehrgeizige Slogans und wiederkehrende Bekenntnisse zu nationaler Entwicklung, sozialem Fortschritt und dem Streben nach wissenschaftlicher und technologischer Exzellenz gehen häufig mit einer unzureichenden praktischen Beachtung der essenziellen Entwicklungsvoraussetzungen einher. In der Praxis fließt nur begrenzte Unterstützung in die Stärkung der Universitäten, die Förderung akademischer Talente, die Verbesserung der Forschungskapazitäten und die Verhinderung des allmählichen Niedergangs des Hochschulsystems. Infolgedessen ist eine wachsende Kluft zwischen den im offiziellen Diskurs artikulierten Bestrebungen und den Realitäten innerhalb der iranischen akademischen Einrichtungen entstanden.

Die Existenzkrise, mit der die Hochschullehrer konfrontiert sind, ist nicht nur ein berufliches oder gehaltsbezogenes Problem. Vielmehr spiegelt sie die allmähliche Schwächung einer der zentralen Säulen der Entwicklung im Iran wider.

Dieser Trend, der bereits den Status von Lehrkräften an Schulen und das öffentliche Bildungssystem im Allgemeinen beeinträchtigt hat, greift nun zunehmend auch auf die Hochschulbildung über. Die sinkende Attraktivität akademischer Laufbahnen, die Abwanderung von Professoren und Forschern, die nachlassende Motivation für wissenschaftliche Tätigkeiten und die wachsenden Schwierigkeiten bei der Rekrutierung neuer Lehrkräfte stellen allesamt ernsthafte Herausforderungen für die Leistungsfähigkeit und Wirksamkeit des iranischen Hochschulsystems dar.

Die Erfahrungen erfolgreicher Länder zeigen, dass wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ohne nachhaltige Investitionen in Bildung und Forschung nicht erreicht werden kann. Während iranische Entscheidungsträger häufig die Bedeutung einer wissensbasierten Wirtschaft und des wissenschaftlichen Fortschritts betonen, deutet die anhaltende Erosion des Status der Universitäten darauf hin, dass solche Erklärungen weitgehend rhetorischer Natur bleiben. Die aktuellen Realitäten sind das Resultat eines Prozesses, der das Ansehen von Wissenschaft und Forschung innerhalb der Entscheidungsstrukturen des Landes geschwächt hat.

Nicht ermutigend

Diese Situation wirft eine grundlegende Frage auf: Betrachten die politischen Entscheidungsträger Universitäten als strategische Investition in die Zukunft der Nation? Die Antwort darauf wird nicht durch offizielle Erklärungen und ideologische Grundsatzdokumente gegeben werden. Sie wird durch konkrete Unterstützung der Hochschulbildung, die Bindung talentierter Wissenschaftler, die Verbesserung der Lebensbedingungen der Lehrkräfte und die Stärkung des akademischen Berufsstands gegeben werden.

Derzeit sind die Aussichten jedoch alles andere als ermutigend. Mehr als drei Monate nach Beginn des neuen iranischen Kalenderjahres sind die angekündigten Gehaltserhöhungen für Hochschullehrkräfte immer noch nicht umgesetzt worden. Vielmehr hat sich die Auszahlung der monatlichen Gehälter bereits um mehrere Wochen verzögert. Diese Situation ist ein klarer Hinweis auf das Fortbestehen struktureller Probleme und die unzureichende Aufmerksamkeit, die der Hochschulbildung und ihren akademischen Mitarbeitern zuteilwird.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!