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Salafistischer Kleriker: „Die Demokratie läuft dem Islam zuwider“

Younus Kathrada (Quelle: Screenshot MEMRI TV)

Während in vielen kanadischen Moscheen, die Muslime dazu aufgerufen werden, am demokratischen Prozess teilzunehmen, machen salafistische Prediger gegen die am Montag stattfindenden Parlamentswahlen mobil.

In vielen kanadischen Moscheen wurden die Gläubigen dieser Tage dazu aufgerufen, sich an den Parlamentswahlen zu beteiligen. Auf der anderen Seite versuchen radikale Kleriker, über die sozialen Netzwerke im Internet mit harscher Rhetorik das Gegenteil zu erreichen: Alle Kandidaten seien „Feinde der Muslime“ und Unterstützer von „Homosexualität“ und „Zionismus“, darum dürften Muslime nicht wählen gehen, sagen sie.

Die am Montag stattfindenden Wahlen zum Unterhaus werden darüber entscheiden, ob der seit 2015 regierende Ministerpräsident Justin Trudeau von der Liberalen Partei Kanadas im Amt bleibt oder ob sein konservativer Herausforderer Andrew Scheer neuer Regierungschef wird. Buchmacher sehen Trudeau vorn. In Umfragen aber liegen beide großen Parteien nahe bei einander, bei etwa 32 Prozent. Ein gutes Abschneiden wird der sozialdemokratischen NDP unter ihrem Vorsitzenden Jagmeet Singh prognostiziert; sie könnte auf über 20 Prozent kommen und am Ende mitentscheiden, wer neuer Premier wird. Auch die grüne Partei hat zuletzt an Zustimmung gewonnen.

Muslime zur Wahl animieren

Da sehr unterschiedliche Personen und Programme zur Wahl stehen und der Ausgang der Abstimmung offen ist, ist mit einer hohen Wahlbeteiligung zu rechnen – das zeigt auch die gegenüber 2015 deutlich höhere Zahl von Kanadiern, die in diesem Jahr von der Möglichkeit Gebrauch gemacht haben, schon vor dem Wahltag zu wählen.

Seit Monaten arbeitet die muslimische Bürgerbewegung The Canadian Muslim Vote daran, möglichst viele Wahlberechtigte unter den rund 1,5 Millionen kanadischen Muslimen dazu zu animieren, wählen zu gehen. Schon im April hatten 69 Imame im ganzen Land in einer koordinierten Aktion Muslime dazu aufgerufen, sich an den Wahlen im Oktober zu beteiligen. In zahlreichen kanadischen Moscheen finden Informationsveranstaltungen statt, bei denen die Kandidaten der Parteien sich vorstellen.

In einer Moschee in der Hauptstadt Ottawa kamen am Samstag über hundert Zuhörer, um sich zu informieren. „Wir sind keine Parteiorganisation. Für uns ist dies eine Bildungsveranstaltung für die Community, sagte Ahmed Ibrahim, Präsident der Ottawa Muslim Association, gegenüber einem Reporter des Fernsehsender CBC. „Wir sehen, dass viele Leute nicht wissen, für wen sie stimmen sollen. Wir helfen ihnen, ihre eigene Entscheidung zu treffen.“ Er hoffe, dass dies möglichst viele Muslime dazu ermuntere, wählen zu gehen, so Ibrahim.

Salafistische Propaganda gegen die Wahlen

Ganz anders sehen es einige salafistische Kleriker, die über die sozialen Netzwerke vor dem Wählen warnen. Einer von ihnen ist Scheich Younus Kathrada, ein früherer Imam der Dar-al-Madinah-Moschee in Vancouver. Gegen ihn wurde 2005 ermittelt, nachdem er Juden als die „Brüder von Affen und Schweinen“ bezeichnet und gesagt hatte, es werde niemals Frieden zwischen Muslimen und Juden geben, sondern einen endzeitlichen Krieg. Im Dezember 2018 machte er Schlagzeilen, als er in einer über das Internet übertragenen Predigt gesagt hatte, wenn Muslime Christen „Frohe Weihnachten“ wünschten, dann sei das „schlimmer als Mord“.

Auf Facebook hat Kathrada rund 11.000 Follower. In einer Freitagspredigt, die auf den YouTube-Kanal der Muslim Youth Victoria (Victoria ist die Hauptstadt der kanadischen Provinz British Columbia) hochgeladen und von der Medienbeobachtungsstelle MEMRI übersetzt wurde, sagte er am 11. Oktober:

Lasst mich Euch im Hinblick auf diese Wahlen eines sagen: Wenn Ihr plant, wählen zu gehen, dann erinnert Euch daran, dass zwei Engel auf Euren Schultern sind, die alles aufzeichnen, was Ihr tut und sagt. Diese Wahl ist ein Zeugnis und wird aufgezeichnet werden. Am Tag des Jüngsten Gerichts werdet Ihr vor Allah stehen und darüber befragt werden. Wenn Ihr plant, wählen zu gehen, bereitet Euch zuerst die Antwort auf die Frage vor: Was werde ich Allah sagen, wenn Allah mich fragt: ‚Du hast für jenen dreckigen Nichtmuslim gestimmt, wieso?’ Er oder sie billigt Homosexualität, die Allah von über den sieben Himmeln her für verboten erklärt hat.

Ihr denkt, sie wollen Euer Bestes? Ich habe Euch schon gesagt, was Allah sagte: ‚Niemals werden [die Juden und Christen] mit Euch zufrieden sein.’ Sie werden weiterhin gegen Euch arbeiten. Ihr kämpft eine Schlacht, die Ihr nur verlieren könnt. Sie sind alle böse. Jeder einzelne von ihnen. Es mag einige seltene Umstände geben, wo wir sagen würden: ‘Okay, das Wählen nützt uns.’ Diese [Wahl] gehört nicht dazu! Sie sind alle böse und dreckig. Wisst Ihr, dass jeder von ihnen, ohne Ausnahme, die Zionisten gegen den Islam und die Muslime unterstützt?“

Demokratie widerspicht dem Islam

Salafistischer Kleriker: „Die Demokratie läuft dem Islam zuwider“
Khalil Ahmad (Quelle: Facebook)

Ein anderer salafistischer Kleriker, der über die sozialen Netzwerke in englischer Sprache zum Boykott der kanadischen Parlamentswahlen aufruft, ist Kamil Ahmad, der angibt, islamischen Studien an der Universität Medina betrieben zu haben und Assistenzprofessor einer gewissen Islamic Online University zu sein. Auf deren Website erfährt man über ihn, dass er in Toronto geboren wurde und derzeit in Saudi-Arabien lebt. Auf Facebook hat Ahmad über 10.000 Anhänger.

In einem Posting vom 14. Oktober, das er auch auf seine Website gestellt hat, schreibt Ahamd, Muslime müssten sich vor Augen halten, „dass das demokratische System menschengemacht ist und dazu konzipiert, Menschen legislative Rechte in allen Sphären des Lebens zu geben“. Es sei „eine Regierungsart, die dem Islam zuwiderläuft, da sie uns Menschen die Möglichkeit gibt, Gesetze zu erlassen, die den Gesetzen entgegenstehen, die Allah für uns erlassen hat.“ Die „zeitgenössischen Gelehrten, die die Teilnahme an demokratischen Wahlen als unerlaubt oder sogar gleichbedeutend mit kufr [Unglaube]“ betrachteten, hätten „gute Gründe für diese Meinung und darum sollten ihre Ansichten nicht als unbedeutend abgetan werden“.

Das islamische Recht kenne die Abwägung von maṣāliḥ (Vorteil) und mafāsid (Schaden), die es Muslimen gestatten könne, an demokratischen Wahlen teilzunehmen, wo dies „islamischen Interessen“ nütze, so Ahmad. Die Voraussetzung dafür seien aber „islamische Interessen, die wirklich und nicht eingebildet sind, messbar und nicht vage. Wo realistische und erreichbare islamische Interessen nicht definiert sind, gibt es keine Rechtfertigung für einen Muslim, für eine Partei zu stimmen, deren Ideologie dem Islam völlig entgegengesetzt ist.“ Dies sei bei allen der großen Parteien der Fall. Als Beispiel nennt auch er die von allen kandidierenden Politikern angeblich unterstützte Homosexualität.

Hohe muslimische Wahlbeteiligung

Bei den letzten kanadischen Parlamentswahlen im Jahr 2015 lag die Wahlbeteiligung unter Muslimen laut der Nachwahlbefragung des Meinungsforschungsunternehmens Mainstreet Research bei etwa 79,5 Prozent. Das war ein deutlicher Anstieg gegenüber den 46,5 Prozent vier Jahre zuvor und elf Prozentpunkte über der offiziellen Wahlbeteiligung der Gesamtbevölkerung von 68,5 Prozent.

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