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Die Brandstifter von gestern und heute

Instrumentalisiertes Gedenken in Norwegen: Israelkritik aus Anlass des Novemberpogroms von 1938
Instrumentalisiertes Gedenken in Norwegen: Israelkritik aus Anlass des Novemberpogroms von 1938 (© Imago Images / NTB)

Am 9. November 1938 brannten Synagogen. Heute brennen Israelflaggen. 87 Jahre nach den Novemberpogromen eskaliert der Antisemitismus weltweit. Begleitet wird er von linker Staffage und postmoderner Täter-Opfer-Umkehr. Während das Gedenken verschliffen wird, wird jüdische Gegenwart zur Zielscheibe.

Der 9. November 1938 war jener Tag, an dem in ganz Deutschland Synagogen brannten, jüdische Geschäfte zerstört, Wohnungen geplündert, Menschen misshandelt, verschleppt und ermordet wurden. 87 Jahre nach dem verharmlosend »Reichskristallnacht« genannten Pogrom ist Antisemitismus wieder alltäglich. Dabei geht es heute nicht um die historische Dimension des Verbrechens, sondern um das Wiederkehren der Bedrohung. Ein Blick in die Meldungen vom 9. November 2025 genügt, um das zu verdeutlichen.

In diesem Jahr knüpfte in Oslo das »Zentrum gegen Rassismus« mit sogenannter »Israelkritik« an. Die für den vergangenen Sonntag angekündigte Gedenkveranstaltung stand unter dem Motto »Kampf gegen Rassismus«, mit dem Nahen Osten als Hauptthema und besonderem Fokus auf die Palästinenser im Gazastreifen.

Das Zentrum behauptet, Zionismus sei Rassismus und wirft Israel Völkermord vor. Der norwegische Premierminister Jonas Gahr Støre gab der Inszenierung eine offizielle Note, während er die Einladung der jüdischen Gemeinde ignorierte. Mehrere antiisraelische Gruppen waren eingeladen. Bereits in den vergangenen Jahren war die Gemeinde gezwungen gewesen, ihre Gedenkzeremonien innerhalb der Synagoge abzuhalten, weil die Atmosphäre außerhalb zunehmend feindselig wurde.

Deutschland und Österreich

In Deutschland zeigten Initiativen am heurigen 9. November, dass Geschichtsrevision längst zu einer gekonnten Disziplin geworden ist. Auf dem Gelände der zerstörten Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt rief man – vor den Namen der am 7. Oktober 2023 geschändeten Kibbuzim – dazu auf, »die Kinder in den Krankenhäusern Gazas nicht zu vergessen«.

In der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sprach der US-Philosoph Jason Stanley über »Die Bedeutung der Reichspogromnacht: Damals und heute«. Schon nach wenigen Sätzen über deutsch-jüdische Tradition verlagerte sich sein Vortrag, indem Stanley darauf hinwies, dass manche jüdische Intellektuelle im Namen liberaler Ideale jeden Staat ablehnten, der auf Ethnizität, Rasse oder Religion beruht, selbst wenn es der eigene wäre. Andere, so Stanley, verurteilten das Apartheid-System Israels und identifizierten sich mit dem Schicksal der Palästinenser.

Den deutschen Juden warf er vor, nur jene jüdischen Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die »Israel bedingungslos unterstützen« und sich damit »anzumaßen«, zu entscheiden, wer Jude sei und wer nicht. Proteste aus dem Publikum führten schließlich dazu, dass die Gemeinde ihn bat, die Bühne zu verlassen. Wie Stanley in einem Interview mit der taz klarmachte, hat er nicht einmal ansatzweise verstanden, warum seine Ausführungen im Rahmen einer Gedenkveranstaltung an diesem Tag fehl am Platze gewesen sein könnten.

In Berlin wurde ein Rabbinatsstudent am Hauptbahnhof beschimpft, weil er eine Kippa trug. Elie D. wurde in einem Geschäft aggressiv angestarrt, gefragt, ob er aus Israel sei und beim Verlassen mit den Worten »Free Palestine, du Hurensohn!« beflegelt. Das Verkaufspersonal schwieg.

In Lahr im Schwarzwald versuchte ein Jugendlicher, eine Veranstaltung zu den Novemberpogromen zu stören und eine Israelfahne in Brand zu setzen. Ein weiterer, 32-jähriger Tatverdächtiger beleidigte Teilnehmer der Veranstaltung, nach einem dritten Mann wird gefahndet.

In Hamburg-Eidelstedt wurde eine 63-jährige Frau angegriffen, während sie Stolpersteine reinigte und eine Kerze zum Gedenken aufstellte. Nach Angaben der Polizei näherte sich ein 71-jähriger Mann der Frau, blies die Kerze aus, warf sie weg und beschimpfte sie mit den Worten: »Lass den Dreck.« Mit »Dreck« meinte der Angreifer offenbar die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus. Als die Frau den Vorfall filmte, soll der Mann sie geschlagen und gewürgt und ihr anschließend das Handy entrissen haben. Die Polizei ermittelt nun wegen eines möglichen antisemitischen Hintergrunds.

Am vergangenen Sonntagabend wurde auch im niederösterreichischen Mödling der Opfer der Novemberpogrome gedacht. Rund fünfzig Menschen versammelten sich in der Enzersdorfer Straße an jener Stelle, an der bis 1938 die Synagoge der Stadt stand. Die offizielle Gedenkfeier der Stadt verlief zunächst ruhig. Doch als ein Musikstück erklang, kam es zu einer gezielten Störung: Aus einem Fenster eines nahegelegenen Wohnhauses ertönte plötzlich lautstark eine Rede Adolf Hitlers. Etwa eineinhalb Minuten lang hallten die Worte des Diktators über den Platz.

Für Irritationen sorgte bereits im Vorfeld die städtische Ankündigung einer Gedenkveranstaltung des Welser FPÖ-Bürgermeisters Andreas Rabl. Auf der offiziellen Website der Stadt wurde nicht etwa zu einem Gedenken, sondern zur »Reichspogromnacht« eingeladen, versehen mit dem Hinweis auf eine »Vergnügungsveranstaltung«.

Instrumentalisierung des Gedenkens

Die sogenannte »Israelkritik« dominiert inzwischen weite Teile des öffentlichen Diskurses, sie überlagert das Gedenken und verdrängt die Realität seiner Konsequenzen. Wie sichtbar diese Verschiebung bereits ist, zeigte sich nur zwei Tage nach dem heurigen 9. November in Berlin: Am 11. November hätte eine Überlebende des Massakers vom 7. Oktober 2023 an der Freien Universität sprechen sollen. Der Vortrag wurde abgesagt. Die Universität erklärte, man könne den Schutz der Rednerin auf dem Campus nicht gewährleisten.

Die Instrumentalisierung des Gedenkens an die Novemberpogrome und die Umdeutung des Antisemitismus zeigen, in welchen Dimensionen sich israelbezogener Antisemitismus bereits Bahn gebrochen hat. Wer das Erinnern diskreditiert, der missachtet nicht nur die historische Wahrheit, sondern auch die moralische Pflicht einer Gesellschaft, die sich ihrer Geschichte stellt. In dieser Missachtung manifestiert sich eine subtile, aber tiefsitzende Form der Kontinuität antisemitischer Denk- und Sprachmuster: Wer Israel kritisiert, gilt als »mutig«, wer Antisemitismus benennt, als »rassistisch«. Der Täter ist wieder das Opfer, und das Opfer wird zum Täter erklärt.

Das äußerst beliebte Genre der sogenannten »Israelkritik« hat im Zuge dessen eine bemerkenswerte Entwicklung durchgemacht. War es früher noch so, dass man ausgehend von irgendetwas, das Israel tatsächlich oder angeblich getan hat, zur Delegitimierung des jüdischen Staates übergegangen ist, müssen die Anlässe mittlerweile nicht einmal mehr etwas mit Israel zu tun haben, um am Ende trotzdem mit traumwandlerischer Sicherheit bei der Anprangerung angeblicher israelischer Untaten zu landen.

Gleichgeblieben über all die Jahrzehnte ist allerdings der Gestus, des »Man wird ja wohl noch was sagen dürfen …«.

Das ist ein Auszug aus dem jüngsten Mena-Watch-Newsletter vom 13. November. Wenn Sie unseren Newsletter künftig immer schon am Mittwochnachmittag erhalten wollen, melden Sie sich hier an.

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