Eine für Herbst geplante Ausstellung zum Thema Zerstörung und Aufbau suggeriert forensische Objektivität. Ein Blick auf die Mitwirkenden lässt Skepsis aufkommen.
Im Herbst 2026 soll in der Akademie der Künste in Berlin die Ausstellung mit dem Titel »Metaxy – Zwischen Zerstörung und Wiederaufbau« eröffnet werden. Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und begleitet von der Architekturzeitschrift ARCH+ will das Projekt künstlerische und architektonische Perspektiven auf Krieg, Klimakatastrophen und Fluchtbewegungen zusammenführen. Der Begriff »Metaxy« stammtaus dem Griechischen, steht für das »Dazwischen« und beschreibt einen Raum zwischen Verlust und Neubeginn, zwischen Ruine und Utopie.
Von der Beweisarchitektur zur politischen Bühne
Bei einem Blick in die Mitwirkendenliste finden sich nur wenige Stimmen aus der Kulturszene, die man als neutral bezeichnen könnte. Zudem liegen Mena-Watch Informationen vor, die nahelegen, dass eine Beteiligung von Eyal Weizman an der Ausstellung zumindest angedacht ist. Offiziell taucht sein Name bislang nicht auf, stattdessen firmiert mit »Forensis« ein Ableger des von ihm gegründeten Kollektivs »Forensic Architecture« als Mitwirkender.
Dies ist eine Konstellation, die erklärungsbedürftig erscheint, zumal mit Ines Weizman auch seine Partnerin auf der Liste geführt wird. Seit 2010 untersucht die Gruppierung Menschenrechtsverletzungen mithilfe digitaler Rekonstruktionen, Zeugenaussagen und räumlicher Analysen. Ihre Arbeiten stehen exemplarisch für das, was sie selbst als »Ästhetik des Beweises« bezeichnen. Kunst soll hier nicht nur etwas zeigen, sondern etwas belegen. Architektur soll zum Instrument politischer Wahrheitsproduktion werden, Gebäude zu Zeugen und Ruinen zu Anklägern.
Kritiker werfen dem Kollektiv »Forensic Architecture« vor, unter dem Deckmantel objektiver Recherche einseitige Narrative zu bedienen. So wird etwa allein die palästinensische Opferrolle betont, während israelische Sicherheitslogiken ausgeblendet werden. Die Angriffe der Hamas vom 7. Oktober 2023 spielen in den prominenten Projekten kaum eine Rolle. Eine Leerstelle, die umso sichtbarer wird, je stärker der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben wird. Erkennbar wurde diese Spannung auch im Kontext des sogenannten »Artforum Letter 2023«, den Weizman mitunterzeichnete. Der offene Brief bekundete Solidarität mit palästinensischen Zivilisten, erwähnte jedoch das Hamas-Massaker nicht – ein Auslassungszeichen mit Folgen: Der Chefredakteur von Artforum, David Velasco, musste aufgrund von Kritik zurücktreten.
Weizman selbst äußerte sich seither wiederholt außerhalb des engeren Kunstbetriebs, zuletzt auf einer Veranstaltung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Dort bezeichnete er Israel als »siedlerkolonialistischen Apartheidstaat« und zog Parallelen zwischen dessen Verteidigungspolitik und kolonialen Strategien. Besonders umstritten war seine Aussage, die Shoah sei »der einzige Völkermord, für den tatsächlich Entschädigungen angeboten wurden«. Hinzu kam der Vorwurf, Deutschland würde »Holocaustleugnung« betreiben, wenn es den Begriff »Genozid« im Kontext des Gazakriegs zurückwiese.
Solche Gleichsetzungen verschieben historische Maßstäbe und relativieren die Singularität der Shoah. Der Vorgang dürfte ein politisches und womöglich auch ein juristisches Nachspiel haben. Am 18. März 2026 reichte die Schweizer Nationalrätin Nicole Barandun (Die Mitte) eine Interpellation im Nationalrat ein, die sich explizit auf die Äußerungen von Weizman bezieht. Darin wird unter Verweis auf die von der Schweiz anerkannte Arbeitsdefinition für Antisemitismus der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) betont, dass die Leugnung, Verharmlosung oder Relativierung der Schoah als antisemitisch gilt.
Die Interpellation verlangt Auskunft darüber, in welchem Umfang Bundesmittel, etwa über die ETH oder kantonale Hochschulen, in die betreffende Veranstaltung geflossen sein könnten, und wie hier staatliche Aufsicht ausgeübt wird. Der damit implizierte Vorwurf wiegt schwer, denn eine Relativierung der Shoah kann in der Schweiz als Verstoß gegen Artikel 261b des Strafgesetzbuches gewertet werden, also als Diskriminierung und Aufruf zu Hass.
Die »kritische Avantgarde«
Weizman agiert in einem Netzwerk von Künstlern und Theoretikern, die sich dezidiert politisch positionieren und deren Namen sich auch auf der Mitwirkendenliste der »Metaxy«-Ausstellung finden. Die palästinensische Künstlerin Hala Eid Alnaji veröffentlichte zum Beispiel am 7. August 2025 in der saudi-arabischen Zeitung Al Majalla einen Beitrag unter dem Titel »Der Kulminationspunkt der Politik – Israels Einsatz von Hunger als Waffe im Gazastreifen«. Darin blendet sie die Herrschaft der Hamas über den Gazastreifen seit 2007 vollständig aus und weist die Verantwortung für das Leid der Zivilbevölkerung ausschließlich Israel zu.
Die sudanesische Künstlerin Ola Hassanain wiederum unterzeichnete am 11. September 2022 das Statement »Wir sind wütend, wir sind traurig, wir sind müde, wir stehen zusammen«. Dieses wurde im Kontext der Antisemitismus-Debatten rund um die documenta fifteen zur Unterstützung des umstrittenen Kuratoren- und Künstlerkollektivs ruangrupa veröffentlicht. Darin wird antiisraelischer Terror als »Widerstand« gegen »Siedlerkolonialismus« geframt, der sich angeblich durch »Apartheid, ethnische Säuberung und Besatzung« ausdrücke.
Unter den »Metaxy«-Mitwirkenden finden sich noch weitere einschlägige Akteurinnen wie die amerikanische Architektin V. Mitch McEwan von der Princeton University. Sie unterschrieb am 22. April 2025 den offenen Brief »Solidaritätserklärung der Lehrenden und Mitarbeiter*innen der Princeton University mit den Studierenden der Columbia University«, in dem zur Unterstützung von Studierenden der Columbia University und des Barnard College aufgerufen wird. Diese hatten von ihren Hochschulen Maßnahmen gegen den angeblichen »Genozid Israels in Gaza« gefordert, konkret einen umfassenden Boykott israelischer Unternehmen und Institutionen.
Wenige Tage später, am 25. April 2025, trat McEwan selbst beim »Gaza Solidarity Encampment« der Princeton University als Rednerin auf. Das Protestcamp stand in der Kritik, weil dort nicht nur Parolen wie »From the river to the sea, Palestine will be free« skandiert wurden, sondern zeitweise auch die Flagge der Hisbollah gezeigt wurde.
Der ebenfalls bei »Metaxy« mitwirkende indische Architekt und Künstler Arinjoy Sen unterzeichnete am 19. Oktober 2023 – nur wenige Tage nach dem Massaker der Hamas in Israel – den bereits genannten »Artforum Letter«. Darin wird einseitig »Solidarität mit dem palästinensischen Volk« bekundet, während zugleich in einer Form der Täter-Opfer-Umkehr von »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« gesprochen wird, denen Palästinenser ausgesetzt seien.
BDS-Rhetorik und Nähe
Zwischen den genannten Personen und einschlägigen Netzwerken bestehen erkennbar ideologische Schnittmengen, die zumindest eine Nähe zu Positionen der Israelboykott-Kampagne BDS nahelegen. Auffällig ist, wie bruchlos Argumentationsmuster und Sprachcodes übernommen werden, die aus dem BDS-Spektrum bekannt sind. Das verweist auf ein politisch-ideologisches Umfeld, das sich an eine Bewegung anschließt, die auf die grundsätzliche Infragestellung der Legitimität des jüdischen Staates zielt.
Menschenrechtsrhetorik, Dekolonisierungsdiskurs und forensische Bildproduktion greifen ineinander und erzeugen einen Deutungsrahmen, in dem Israel zur Projektionsfläche westlicher Schuld wird und jüdische Geschichte zum Material politischer Allegorien. Natürlich ist nicht jede Kritik an Israel antisemitisch, aber dort, wo Begriffe wie »Apartheid« und »Genozid« totalisierend eingesetzt werden, wo Differenzierungen verschwinden und historischer Kontext nivelliert wird, verschiebt sich der Diskurs. Wer so spricht, hat das Urteil bereits gefällt und immunisiert es zugleich gegen Widerspruch.
In diesem Zusammenhang ist auch die Rede von »Metaxy«, von einem vermeintlichen »Dazwischen«, aufschlussreich. So suggeriert der Begriff »Offenheit« einen Raum, in dem Aushandlung möglich und gewünscht ist. Tatsächlich aber ist dieser Raum längst vorstrukturiert. In ihm steht immer schon fest, was als Beweis gilt, welche Bilder überzeugen und welche Stimmen gehört werden sollen. Der Diskurs ist also als einer zu charakterisieren, der sich zwar auf forensische Objektivität beruft, dabei aber äußerst selektiv operiert.
Wenn forensische Verfahren, visuelle Evidenz und moralische Rhetorik ineinandergreifen, entsteht der Eindruck von Unwiderlegbarkeit. Doch dieser Eindruck ist trügerisch. Denn die Auswahl dessen, was gezeigt wird, und die Art, wie es gerahmt wird, folgen einer bereits feststehenden Perspektive. Der Anspruch, lediglich zu untersuchen, verdeckt dann, dass die entscheidenden Urteile doch längst gefällt worden sind.






