Latest News

Deutsche Schulbücher zu Israel: Etwas weniger einseitig

Die deutsch-israelischen Schulbuchkommission untersuchte das Israelbild in deutschen Lehrbüchern
Die deutsch-israelischen Schulbuchkommission untersuchte das Israelbild in deutschen Lehrbüchern (© Imago Images / Funke Foto Services)

Das Israel-Bild in deutschen Schulbüchern hat sich seit 2015 leicht verbessert. Doch seit dem 7. Oktober 2023 gibt es neue Herausforderungen.

»Eine positive Entwicklung des Israel-Bilds« stellt Alfons Kenkmann, Professor für Didaktik der Geschichte, in seiner Auswertung von zehn deutschen Geschichtsschulbüchern aus den Erscheinungsjahren 2021 bis 2025 im Auftrag der deutsch-israelischen Schulbuchkommission (DISBK) fest. Seine Studie hat er unlängst im Auslandsamt in Berlin vorgestellt.

Dies sei jedoch nur das Ergebnis einer Stichprobe, die in drei Monaten erstellt wurde, betonte DISBK-Koordinator Dirk Sadowski. Im Jahr 2015 wurden der deutsch-israelischen Schulbuchkommission drei Jahre Zeit gegeben, um rund hundertfünfzig Schulbücher aus beiden Ländern zu untersuchen. Dabei fand ein intensiver Austausch mit Wissenschaftlern aus Israel statt. Das damalige Fazit ergab, dass Israel in deutschen Schulbüchern fast nur als Aggressor und mit emotional aufgeladenen Schlagwörtern erwähnt wurde.

Vorsichtiger Optimismus

Mit vorsichtigem Optimismus beschreibt Kenkmann die Verbesserungen der letzten Jahre. Auch wenn Israel in fast allen Lehrwerken weiterhin ausschließlich im Kontext des Nahostkonflikts dargestellt werde, ist die Komplexität der Geschichte inzwischen besser gespiegelt. Die Inhalte gingen stärker auf die Wurzeln des Konflikts und auf Lösungsansätze ein, die Quellen würden sorgfältiger ausgewählt, die »Äquivalenz der Perspektiven« sei verbessert worden. Damit meint Kenkmann eine ausgewogene Auswahl von Zeitzeugenberichten, die neutral wirkt.

In früheren Lehrwerken wurde zur Siedlerfrage im Westjordanland etwa ein Interview mit einem siebzigjährigen Siedler und einem sechzehnjährigen palästinensischen Mädchen gegenübergestellt – ein offensichtlich unausgewogenes Szenario hinsichtlich der Wirkung auf deutsche Schulklassen. Die neuesten Geschichtsschulbücher akzentuieren die Vielfalt der Akteure in der Geschichte des Konflikts.

Eine einzige Schulbuchreihe hat laut Kenkmanns Stichprobe die Empfehlung aus dem Jahr 2015 umgesetzt, Israel auch außerhalb des politikgeschichtlichen Kontexts darzustellen. In den Geschichtsbüchern Zeitreise für die 9. und 10. Klassen aus dem Klett-Verlag ist unter der Überschrift »Andere Bilder von Israel« zu lesen: »Viele Menschen in Deutschland verbinden Israel mit den Themen ›Holocaust/Shoah‹, ›Nahostkonflikt‹ oder ›Heiliges Land‹. Daraus setzt sich ein bestimmtes Bild von Israel zusammen. Doch dieses Bild ist unvollständig.«

Als Illustration zeigt ein Foto eine große Menschenmenge bei einer LGBT-Pride-Parade am Strand von Tel Aviv. Die Unterschrift lautet: »Auf der Parade wird die Freiheit aller Lebensformen gefeiert.« Ein weiteres Foto zeigt zwei israelische Astronauten, die eine Mars-Mission in einem Krater in der Negev-Wüste simulieren. Die geografischen Voraussetzungen böten dafür eine gute Grundlage, so die Bildunterschrift.

Auf weitere Facetten der israelischen Gesellschaft weist Kenkmann mit der Teilnahme am Eurovision Song Contest und den Maccabi-Fußballspielen hin. Zwar könnten die Themen leicht zu polarisierten Debatten im Klassenzimmer führen, doch müsse man sich diesen stellen.

Mehr Multiperspektivität

Die Schulbuchreihe Zeitreise ist zudem die einzige aus der Stichprobe, die der Empfehlung folgt, die deutsch-israelischen Beziehungen breiter zu thematisieren. Drei Abschnitte behandeln das Luxemburger Wiedergutmachungsabkommen von 1952, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur BRD ab 1965 sowie die fehlende Anerkennung des Staates Israel durch die DDR. Ein Foto zeigt Massenproteste in Tel Aviv gegen das Luxemburger Abkommen. In der Bildunterschrift heißt es: »Auf den Transparenten ist u. a. von der ›Schande der Verhandlung‹ mit den ›Mördern unserer Kinder‹ die Rede.«

Fast alle untersuchten Schulbücher thematisieren den Zionismus. Meist geschieht dies knapp, mit Ausnahme von Forum Geschichte 13 für Bayern. Dort ist zum Beispiel die Zeichnung »Von der Diaspora nach Zion« von Ephraim Moses Lilien aus dem Jahr 1901 abgedruckt.

Innerisraelische Debatten tauchen nur am Rand auf, allerdings in zwei Schulbüchern: In Geschichte und Geschehen 5/6 findet sich ein Foto israelischer und palästinensischer Mitglieder der Friedensbewegung Peace Now aus dem Jahr 2012 in Bethlehem. In Zeitreise 3 für Baden-Württemberg widmet sich ein Foto samt ausführlicher Bildunterschrift der von der Regierung Netanjahu geplanten und auf weitreichende Kritik stoßenden Justizreform.

Die Multiperspektivität und die Fähigkeit zur kontroversen Auseinandersetzung hätten sich insgesamt stärker durchgesetzt, so Kenkmanns Beobachtungen. Reise in die Vergangenheit 9 lädt Schüler dazu ein, Medienberichte zum Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern zu recherchieren und zu kommentieren. Eine objektive Darstellung des Konflikts sei »sehr schwierig«, so das Lehrbuch: »Tote Kinder oder Frauen, militante Palästinenser oder bewaffnete Israelis können so das Denken der Menschen beeinflussen oder sogar manipulierend wirken.«

Das Thema des 7. Oktober 2023 greifen fast alle Schulbücher auf, die nach 2024 erschienen sind. Die Reihe Geschichte und Geschehen tut dies mithilfe eines FAZ-Artikels des Historikers Dan Diner, der analysiert werden soll. Die pädagogischen Herausforderungen im Umgang mit diesem Massaker seien so groß, dass Kenkmann sich eine Neukonzeption der entsprechenden Kapitel wünscht.

Trotz der positiven Bilanz der letzten Jahre seien sprachliche und inhaltliche Fehler im Israel-Bild deutscher Schulbücher aber weiterhin vorhanden. Zwar tauchten emotionale Überschriften wie »Hass gegen Israel« nicht mehr auf, nach wie vor aber Schlagworte wie »Naher Osten – ferner Frieden«. Sorgfalt sei auch sprachlich weiter geboten, um Formulierungen wie »Die Hamas führte den Kampf weiter« zu vermeiden. In einem Buch werde die Hamas zudem als »radikalislamische Gruppierung« statt als Terrororganisation bezeichnet.

Der Text erschien zuerst in der Jüdischen Allgemeinen, der wir für die Erlaubnis zum Wiederabdruck danken möchten.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!